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StraßenverkehrWeniger Kinderunfälle im Südwesten

Frank Schwaibold, vom 27.12.2012 10:28 Uhr
Kinder im Straßenverkehr sind im Südwesten am sichersten unterwegs Foto: AP
Kinder im Straßenverkehr sind im Südwesten am sichersten unterwegsFoto: AP

Stuttgart - Der zweite Kinderunfallatlas der Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) liefert eine erfreuliche Nachricht: Insbesondere im Osten Deutschlands gibt es einen deutlichen Rückgang der Unfallzahlen. Der positive Trend gilt aber auch bundesweit. Dies ergibt der Vergleich der beiden Untersuchungszeiträume. 2001 bis 2005 (erster Kinderunfallatlas) lag die Unfallbelastung deutschlandweit je nach Landkreis oder Kommune zwischen 1,79 und 6,49 verunglückten Kindern je 1000 Einwohner der Altersgruppe. Im Folgezeitraum 2006 bis 2010 verringerten sich die Werte auf 1,5 bis 5,67.


Wie ist der langfristige Trend?
Die Zahl der Unfälle geht stark zurück. Insgesamt verunglückten 2010 auf Deutschlands Straßen 28 629 Kinder unter 15 Jahren, 104 kamen ums Leben. Das sind 95 Prozent weniger als noch im Jahr 1970. Auch Kinder profitieren als Autoinsassen von der verbesserten Sicherheitstechnik (ABS, ESP, Airbags) sowie der Anschnallpflicht.

Wie sind die Opfer unterwegs?
In den Jahren 2006 bis 2010 verunglückten laut amtlicher Unfallstatistik die meisten Kinder mit dem Fahrrad (insgesamt 68 244). Als Mitfahrer im Pkw (67 543) ist das Risiko am zweithöchsten. Als Fußgänger gab es 52 336 verunglückte Kinder.

Wo gibt es Unfallschwerpunkte?
Als Radfahrer sind Kinder in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg besonders gefährdet. Ein Grund: Aufgrund der Topografie der nördlichen und östlichen Länder – sie sind eher von Ebenen geprägt – bietet sich das Radfahren in besonderem Maße an. Zudem hat sich der Bestand an Fahrrädern bundesweit enorm vergrößert. Waren es 1960 noch 18,6 Millionen, so sind es inzwischen laut Bast 78 Millionen. Als Mitfahrer in Pkw verunglücken die meisten Kinder in den ländlichen Regionen Bayerns und den östlichen Regionen der Republik. Als Grund nennt die Bast, dass im ländlichen Raum der öffentliche Nahverkehr weniger gut ist und die Kinder öfter mit dem Auto gefahren werden. Als Fußgänger verunglücken die Kinder besonders häufig in Nordrhein-Westfalen und in den großen Städten.

Wann passieren die Unfälle?
Die Zahl der Verkehrsunfälle steigt morgens auf dem Hinweg zur Schule zwischen 7 und 8 Uhr stark an. Vor allem aber nachmittags zwischen 15 und 18 Uhr ereignen sich die meisten Unfälle. Die Hälfte aller Kinder verunglückt im Umkreis von nur 500 Meter von der Wohnung entfernt.

Gibt es Geschlechter-Unterschiede?
Ja. Jungen sind mit 56 Prozent stärker gefährdet als Mädchen (44 Prozent), im Straßenverkehr zu verunglücken. Das gilt insbesondere fürs Radfahren (Jungen: 66 Prozent). Ein Grund ist, dass Jungen das Rad häufiger nutzen als Mädchen. Zudem sind sie risikobereiter.

Gibt es regionale Unterschiede?

Ja. Der Bericht zeigt ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Kinder im Südwesten sind bundesweit mit am sichersten im Straßenverkehr. 2010 verunglückten in Baden-Württemberg zu Fuß, auf dem Rad oder im Auto 223 Kinder je 100 000 Einwohner gleichen Alters. Das sind 56 weniger als noch im Jahr 2005. Damit rangiert der Südwesten nach Hessen (221) auf Platz zwei. Schlusslicht ist Schleswig-Holstein mit 327 verunglückten Kindern.

Stuttgart liegt im Vergleich der Großstädte auf dem viertniedrigsten Niveau: In der Landeshauptstadt kamen zwischen 2006 und 2010 insgesamt 2,7 Kinder je 1000 Kinder zu Schaden. In Bremen (3,35) sind die Unfallzahlen am höchsten, in Leipzig (2,23) dagegen am niedrigsten. Robert Newart, Geschäftsführer der Landesverkehrswacht, führt das gute Abschneiden im Südwesten auf die vielen Präventionsmaßnahmen zurück. Seit 2008 wurde beispielsweise die Zahl der Schülerlotsen von früher rund 1000 auf mehr als 2000 pro Jahr erhöht. Zudem wurden allein in diesem Jahr etwa 20 000 Vorschulkinder geschult.

Was kritisieren die Experten?
Etwa jedes fünfte Kind ist im Auto vorschriftswidrig oder überhaupt nicht angegurtet, hat eine Untersuchung des Auto Club Europa (ACE) ergeben. Auch Andreas Bergmeier, Experte für Kinderunfälle beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) sagt: „Eltern schludern nach wie vor, was die Sicherung der Kinder anbelangt.“ Je älter die Kinder werden, „desto leichtsinniger gehen Eltern damit um“. Zudem kritisiert Bergmeier: „Erwachsene stellen sich zu wenig auf Kinder im Verkehr ein.“ Es fehle das Bewusstsein, „dass Kinder nicht nur wegen ihrer Körpergröße einen ganz anderen Blick auf den Verkehr haben“. Ein weiteres Problem ist der Bewegungsmangel von Kindern, der ihnen ein sicheres Beherrschen des Radfahrens erschwert. Aufgabe der Städte sei es, Unfallschwerpunkte zu entschärfen und sichere Radwege und Fußgängerüberwege zu schaffen, heißt es bei den Verkehrswachten. Laut ACE ist an jedem zweiten Schulweg in Sachen Verkehrssicherheit etwas auszusetzen. Dazu zählen fehlende Zebrastreifen, Druckknopfampeln und Tempolimits.

Wie wurde der Atlas erstellt?
Er bildet die Verkehrsunfallsituation von Kindern unter 15 Jahren für alle 412 Kreise und kreisfreien Städte sowie für rund 11 000 Städte und Gemeinden in Deutschland ab. Die Zahlen sollen den Kommunen helfen, die Risiken auf ihren Straßen mit denen in ähnlichen Orten zu vergleichen. Auf Kommunen, die gut abschneiden, sollen andere zugehen und von ihnen lernen. Kritiker bemängeln, dass die Autoren der Bast-Studie zwar viele Daten und Fakten liefern, aber selbst keine Ursachenforschung betreiben.
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