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Stuttgarter BallettBallett-Legende Cragun ist tot

Julia Lutzeyer, vom 06.08.2012 19:55 Uhr
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Marcia Haydée und Richard Cragun - das Traumpaar des Stuttgarter Balletts. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie. Foto:  
Marcia Haydée und Richard Cragun - das Traumpaar des Stuttgarter Balletts. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie.Foto:  

Stuttgart - Zum 50. Geburtstag des Stuttgarter Balletts im Februar vergangenen Jahres waren die ­Vorbilder und ersten Verkörperungen von John Crankos berühmtem Werk „Initialen R.B.M.E.“ noch komplett: Neben Birgit Keil (B), Marcia Haydée (M) und Egon Madsen (E) war zum großen Familientreffen auch Richard­ Cragun, das R, erschienen – bestens aufgelegt. Von seiner langen Krankheit, die ihm vor einigen Jahren fast den Tod gebracht hatte, war nichts mehr zu sehen. Und so feierten die lebenden Tanz­legenden und Repräsentanten des „Stuttgarter Ballettwunders“ gemeinsam mit vielen weiteren ehemaligen Kompaniemitgliedern wieder einmal ein Fest zu Ehren John Crankos. Der hatte zwischen 1961 und seinem ­Todesjahr 1973 schließlich nicht nur Stuttgart zur Weltstadt des Balletts gemacht, sondern seine vier Lieblingstänzer allesamt zu international gefragten Stars.

Nun hat dieses Familienbild eine Lücke: Richard Cragun, der vom Krankenbett aus noch Marcia Haydée zu sich gerufen hat, ist überraschend in seinem 68. Lebensjahr in Rio de Janeiro gestorben. Als Haydée eintraf, war Cragun schon nicht mehr bei Bewusstsein. Wer von den gegenwärtigen Tänzern den sprunggewaltigen Ersten Satz in den „Initialen“ interpretiert, den Cranko dem Amerikaner auf den Leib geschrieben hat, wird sich bis heute an der dynamischen Eleganz Craguns messen lassen müssen. Sein Charisma mit dem gewissen erotischen Etwas wird ohnehin schwer zu erreichen sein.

Cragun kam mit 18 Jahren nach Stuttgart

Richard Cragun wurde am 5. Oktober 1944 in Sacramento, Kalifornien, geboren. Es passt zu dem dunkelhaarigen Sunnyboy, dass er über den Stepptanz zum Ballett kam. Seine Tanzausbildung absolvierte Ricky, wie er bei seinen Freunden hieß, in der Banff School of Fine Arts in Kanada, an der Royal Ballet School in London und an der Königlichen Oper Kopenhagen.

Dass Cragun mit gerade mal 18 Jahren nach Stuttgart kam, ist zum einen dem Umstand zu verdanken, dass am Royal Ballet in London per Gesetz kein Platz für einen ausländischen Tänzer zur Verfügung stand, und sei er noch so talentiert. Zum anderen aber suchte Cranko dringend nach Tänzern, mit denen er seinen Traum von einer deutschen Vorzeigekompanie verwirklichen konnte. Und so ergriff er die Gelegenheit und engagierte Richard Cragun 1962 ans Stuttgarter Ballett.

Cragun - prägend für das Stuttagrter Ballett

Mehr als 30 Jahre lang sollte er bleiben. Ihm gelang nicht nur eine atemberaubende ­Karriere als Interpret abstrakter Werke wie „Opus 1“ (Cranko), „Vergessenes Land“ (Kylián) oder „Requiem“ (MacMillan) und zahlreicher handlungstragenden Rollen – allen voran Romeo und Onegin. Er prägte das Stuttgarter Ballett auch maßgeblich mit. Undenkbar wäre die Rolle des Petruccio ohne­ Cragun, vermutlich sogar Crankos gesamte­ Ballettkomödie „Der Widerspenstigen Zähmung“. Cragun erzählte gern und oft – und das ist glaubhaft –, dass Cranko dieses Werk ihm von Mann zu Mann zum Geschenk­ gemacht habe – um eine zu zähmen: Marcia Haydée, Craguns ältere und erfahrenere­ Bühnenpartnerin und langjährige Lebenspartnerin. Durch Petruccio lernte Cragun seine Männlichkeit und Körperkraft als Trumpf einzusetzen. Auch deswegen konnte John Neumeier die starke, sogar gewalttätige Rolle des Stanley Kowalski aus „Endstation Sehnsucht“ ihm übertragen. Marcia Haydée wiederum zeigte in ihrem „Dornröschen“ als schwarze, gekränkte Fee Carabosse einen Cragun, der sich zwischen männlich und weiblich nicht so recht festlegen wollte. Nach der Trennung von Haydée bekannte sich Cragun zu seiner Jahre lang ungelebten Homosexualität.

Sechs Jahre vor seinem Abschied von der Bühne kehrte Richard Cragun noch einmal zu seiner Jugendleidenschaft zurück, zum Stepptanz. 1990 übernahm er die Hauptrolle in der Stuttgarter Aufführung des Broadway-Musicals „On Your Toes“. Nach seinem Abtritt von der Bühne 1996 war Cragun bis 1999 Ballettdirektor an der Deutschen Oper Berlin. Die Sache ging nicht gut. Also packte er die Koffer und ging mit seinem ­Lebens­gefährten, dem brasilianischen Tänzer ­Roberto de Oliveira, 2001 nach Brasilien. Dort gründete das Paar, das sich in Stuttgart kennengelernt hatte, eine eigene Kompanie für zeitgenössischen Tanz: De Anima. Dazu gehören eine Schule und ein Sozialprojekt für Kinder aus den Armenvierteln. Von 2002 bis 2005 leitete Cragun zudem die Ballettkompanie des Teatro Municipal in Rio de Janeiro. Doch dann traf ihn eine schwere Krankheit, er musste kürzer treten.

De Anima aber blieb bis zuletzt seine Herzenssache. Doch auch abseits des Tanzes war Richard Cragun ein Kunstfreund, ein Kenner der Malerei – geschult von John Cranko übrigens. Die Stuttgarter Ballettfamilie wird ihm hinterhertrauern, seine brasilianische ebenso. Denn nicht nur für die Tanzwelt ist der Tod von Richard Cragun ein herber Verlust. Er wird auch als Mensch fehlen – als einer, der beständig an sich selbst wuchs.

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