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Bilder

„The Artist“ Was Bilder ohne Worte erzählen können

Bernd Haasis, vom 25.01.2012 12:59 Uhr
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Szene aus „The Artist“ Foto: The Weinstein Company
Szene aus „The Artist“ Foto: The Weinstein Company

Berlin - Sobald George Valentin, ein Mann mit Monbijou-Bärtchen, einen Raum betritt, zieht er magnetisch alle Blicke auf sich. Wenn er dann noch sein umwerfendes Lachen anknipst, liegen ihm die Damen geschlossen zu Füßen. ­Sagen muss er nichts – als Stummfilmstar im Hollywood des Jahres 1927 beeindruckt ­Valentin durch bloße Präsenz. Wobei sein kleiner Terrier Uggy, der allerlei Kunststücke kann, das Seine dazu beiträgt, dass Herrchen die Herzen zufliegen.

Eine, die ganz unbefangen mit George ins Gespräch kommt, ist die junge Komparsin Peppy. Sie interessiert sich für den Menschen hinter dem Star, das ist an ihrer gesamten Körpersprache abzulesen, an der natürlichen Art, wie sie ihm begegnet. Auch sie verfügt über so ein umwerfendes Lachen, und sie wird menschliche Größe zeigen, als zwei Jahre später der Tonfilm über Hollywood kommt, George Valentin hinwegfegt und Peppy zum neuen Star aufsteigen lässt.

Hazanavicius geht weit über Hommage hinaus

Der französische Regisseur Michel Hazanavicius hatte weit mehr im Sinn als eine nostalgische Verbeugung vor den Ikonen des Stummfilms, als er sich gegen viele Widerstände für diesen Film verkämpfte. Er geht weit über eine Hommage hinaus und arbeitet in gestochen scharfen Schwarz-Weiß-Bildern die besonderen, fast vergessenen ästhetischen Qualitäten des Mediums Film ­heraus. Eine ganz und gar zeitgemäße Ode an die Bildsprache ist „The Artist“ geworden, eine Rückbesinnung auf die Kunst des Sehens. Drei Golden Globes hat der Film schon gewonnen, nun ist er für fünf Oscars nominiert.

Hazanavicius hat seine Hauptdarsteller Jean Dujardin (39) und Bérénice Bejo (35) eingeladen, ihre Emotionen in Mimik und Gesten zu übersetzen, sich tänzerisch zu bewegen, Stilisierung bewusst zuzulassen und zu kultivieren. In einer Szene geht Peppy in Georges Garderobe. Er ist nicht da, also schmiegt sie sich an seine über einen Ständer drapierten Kleider, steckt eine Hand durch den Frackärmel, als würde er sie halten – eine Hommage an die Pantomime, eine andere Kunst, die ohne Worte auskommt.

Als die Hysterie um die „Talkies“ ausbricht, reicht John Goodman in der Rolle des Filmproduzenten ein ernster Blick, um dem unleidigen George zu signalisieren, dass er ihn nicht länger stützen kann. Dieser investiert trotzig privates Geld in einen letzten großen Stummfilm, eine Dschungelsafari, bei der er in ­anrührender analoger Studiokulisse im Treibsand zu versinken droht.

Jedes Bild hat eine Bedeutung

Hazanavicius setzt auf totale Visualität, jedes Bild hat eine Bedeutung, jede Einstellung ist eine für die Ewigkeit. Der Regisseur lässt Innehalten zu, wo es dramaturgisch ­geboten ist, etwa wenn George verzweifelt allein in seiner Wohnung seine alten Filme anschaut, aber er erspart den Zuschauern sogenannte Zwischenphasen, in denen nichts Handlungsrelevantes passiert.

Leute laufen über das Konterfei des abstürzenden George, der Whisky auf dem Tisch verschüttet, sich darin spiegelt und schließlich am Tiefpunkt seinen schlimmsten Albtraum hat: Er – wie auch die Zuschauer – hört plötzlich Geräusche, alles hat auf einmal einen Klang, eine Stimme – nur er selbst nicht. George möchte alle Brücken nach draußen abbrechen, nur einer lässt sich nicht verjagen: der goldige Uggy, genau die Sorte schlauer Köter, die in den Filmen von damals omnipräsent war und alle Gaben hat, Menschen am Abgrund zu retten.

Mit präzisen Schnitten und meisterhaftem Timing bringt Hazanavicius seine Bilder in einen geschmeidigen Erzählrhythmus und gestaltet mit Hilfe von ­Orchestermusik einen nie durchhängenden Spannungs­bogen. Virtuos spielt er auch mit Zwischentiteln: An einer entscheidenden Stelle füllt das Wort „Bang!“ für Sekunden die Leinwand und steigert die Spannung des mitfiebernden Publikums ins Unerträgliche, ob die drohende Katastrophe nun geschehen ist oder doch noch zu verhindern sein wird.

Hazanavicius zelebriert geradezu, wie ­wenig es Worte braucht, um ein großes Drama zu inszenieren. Womit auch erklärt wäre, wieso sein Film am Übergang zum Tonfilm spielt, jener Zeitenwende, in deren Folge Filmemacher verlernt haben, sich auf die ­Erzählkraft der Bilder zu verlassen.

Der Film ist ab 6 Jahren freigegeben und läuft von Donnerstag an im ­Kino Delphi.

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