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TürkeiBallon-Ballett in Antakya

Gabriele Kiunke aus Antakya, vom 27.12.2012 05:00 Uhr
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Antakya ist keine schöne, aber eine sehr lebendige Stadt. Foto: Kiunke
Antakya ist keine schöne, aber eine sehr lebendige Stadt.Foto: Kiunke

Antakya - Schwester Barbara ist eine große, stattliche Frau mit langen dunkelblonden Haare. Zur braunen Fleecejacke trägt sie eine schwarze Hose. Nichts an ihrem Äußeren lässt die Nonne erkennen. Kurz vor 12 Uhr bittet die Katholikin zum Mittagsgebet. Die Besucher folgen ihr in den Andachtsraum des Begegnungszentrums in der Altstadt von Antakya, einer Stadt im Südosten der Türkei. Die türkische Köchin kommt dazu, auch der Gemeindevorsteher der jüdischen Nachbargemeinde ist da, gemeinsam stimmt man ruhige Taizé-Lieder an. Plötzlich ertönt der Ruf des Muezzins. Eindringlich schallt der Singsang durch die offenen Fenster. Die Besucher schauen irritiert, doch Schwester Barbara singt unbeeindruckt weiter, so als gehörten die orientalischen Klänge zu dieser christlichen Andacht dazu.

Antakya hieß in der Antike Antiochia

Brücken zwischen den Religionen schlagen, so sieht Schwester Barbara ihre Aufgabe. Vor 30 Jahren eröffnete sie das Friedens- und Begegnungszentrum, weil sie davon überzeugt ist, dass „Begegnungen für den Weltfrieden wichtig sind“. Für muslimische, orthodoxe und jüdische Jugendliche veranstaltet sie Friedensgebete und Workshops zu religiösen Themen. Außerdem leitet sie den von ihr initiierten Chor der Nationen, der mit seinem Programm geistlicher Lieder auch schon in Paris aufgetreten ist. Dass sich die 56-Jährige in Antakya niedergelassen hat, ist kein Zufall. Die Stadt und die Region haben für Christen eine besondere Bedeutung. Antakya hieß in der Antike Antiochia - ein Name, den man aus dem Neuen Testament kennt. Die Apostel Paulus und Petrus gründeten hier die ersten christlichen Gemeinden. Paulus selbst, einer der erfolgreichsten Missionare der Christenheit und eifriger Briefeschreiber, stammt aus der Gegend: In Tarsus, nordwestlich gelegen, wurde der Heilige geboren, später brach er von Antakya zu seinen Missionsreisen auf.

Viele Pilger machen deshalb in der 250 000 Einwohner zählenden Stadt Station. Rein aus touristischen Gründen lohnt es sich eher weniger. Mehrstöckige Flachdachhäuser prägen das Bild, viele nur halb fertig oder Ruine, dazwischen verwilderte Grünflächen. Am Straßenrand unzählige kleine Geschäfte, Bars und Bäckereien. Mopeds hupen, Autos drängeln. Antakya ist keine schöne Stadt, aber sehr lebendig. Trotz des Feiertags - es ist die Zeit des islamischen Opferfestes - sind die Straßen voller Menschen. Vor einem Haus blökt ein Schaf. Sein Besitzer will es ins Haus zerren, doch es sperrt sich. Vielleicht hat es den Haufen blutverschmierter Schaffelle gesehen. Es gehört zur Tradition, dass zu diesem Fest geschlachtet wird. Die Mehrheit der Einwohner Antakyas ist heute islamischen Glaubens, die katholische Gemeinde zählt gerade mal 80 Seelen. „Nach 2000 Jahren sind wir wieder eine Hauskirche“, resümiert Pater Domenico nüchtern die Lage. Wie die Urchristen zu Paulus’ Zeiten, die sich in privaten Wohnhäusern versammelten, hat auch seine ­Gemeinde keine richtige Kirche. Das ­Gemeindezentrum befindet sich in einer Seitengasse der Altstadt. Durch eine Holztür tritt man in den Innenhof mit schattenspendenden Pomeranzenbäumen, der Kirchenraum ist mit Ikonen und Altar festlich ausgestattet. Alles wirkt gut erhalten - dank der Unterstützung deutscher Gemeinden, wie Pater Domenico ­betont. Der hagere Italiener, 76, trägt kein Habit. Wie Schwester Barbara will auch er in der Öffentlichkeit weder auffallen noch provozieren.

Die Apfelkirche ist meist überlaufen von Touristen

Nach wie vor haben Christen in der Türkei keinen leichten Stand. Das zeigt sich am deutlichsten an der Tat­sache, dass die christlichen Kirchen keine Geist­lichen ausbilden dürfen. Doch Kritik äußern weder der Pater noch die Schwester. Ganz hoffnungslos scheint die Lage nicht, es gibt Nachwuchs. Der kleine Halil (4) lächelt scheu die Besucher an, während seine Mutter im ­gemeindeeigenen Laden Kunsthandwerk verkauft. Zeiten, in denen sich Christen verstecken mussten, weil sie verfolgt wurden, gab es immer wieder. Zeugnisse dafür finden sich in Kappadokien, der kargen, felsigen Hochebene, die in völligem Kontrast zu den fruchtbaren und grünen Ebenen rund um Antakya und Tarsus steht. Das felsige Gestein dieser Landschaft lieferte die materiellen Voraussetzungen für den Bau von unauffälligen Höhlenkirchen und -klöstern wie die von Eski Gümüs. Die Räume wurden direkt in einen gigantischen rotbraunen Felsen geschlagen, von außen nicht zu erkennen. Wie Löcher in einem Käse durchziehen Hohlräume das Gestein. Ob die Kloster­kirche wirklich zu den schönsten Kappa­dokiens gehört, muss jeder für sich entscheiden. Auf jeden Fall ist sie nicht so von Touristen überlaufen wie die Apfelkirche (ja, die heißt wirklich so) im Freilicht­museum von Göreme. Selbst außerhalb der Saison warten Touristen vor dem Eingang. Im Gänsemarsch geht es durch einen engen Gang auf die andere Seite des Felsens, von wo aus man den prächtig bemalten Kirchenraum betritt. Zeit, diese Relikte des Glaubens auf sich wirken zu lassen, bleibt kaum, schon drängelt die nächste Gruppe. Für medita­tive Momente ist hier kein Platz. Solche Augenblicke sucht man besser nicht in überlaufenen Kirchen, sondern in der Natur.

Die Tuffkegellandschaft hat etwas Mythisches. Manche Felsformationen unterhalb von Uçhisar sehen aus wie Sahnetupfer einer Torte, so leicht und schwerelos reihen sich die Felsen aneinander. Und wie ein Konditor verändert die Abendsonne im Wechselspiel von Licht und Schatten immer wieder ihre Konturen. Andere ragen wie spitze Zuckerhütchen in die Höhe und bilden kleine Erhebungen in der sonst eintönigen Landschaft. Am frühen Morgen ereignet sich ein besonderes Ritual. Wie von einem Choreografen inszeniert, steigen vor der aufgehenden Sonne rund 120 Heißluftballons in den Himmel. Während die Armada bunter Farbtupfer über die einsame Landschaft gleitet, stehen in den Körben Touristen aus aller Welt und Glaubensrichtungen beieinander. Staunen, Schweigen und Innehalten - in diesem Moment ist auch dieses Erlebnis eine friedvolle Begegnung zwischen Völkern.

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