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Tuscaloosa/SchorndorfFlache Hierarchien, schnelle Lösungen

Sabine Lilienthal, vom 20.12.2012 00:00 Uhr
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 Foto: ZVW
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Tuscaloosa/Stuttgart. Autositze fahren auf einem Fließband über die Köpfe der Arbeiter. Direkt unter ihnen heben Roboter wie aus einem Science-Fiction-Film Autohälften in die Höhe, schweißen Dächer auf silbern glitzernde Gestelle, aus denen mal eine Mercedes-M-Klasse wird. Dazwischen Menschen, die überprüfen, einstellen, montieren. Englisch mit Südstaatendialekt sprechen die meisten – und manche auch schwäbisch.

1 Mercedes Drive in Vance, Alabama, 20 Kilometer von Schorndorfs Partnerstadt Tuscaloosa entfernt im tiefsten Süden der USA. Hier arbeiten auf vier Millionen Quadratmetern Fläche 3500 Mitarbeiter an der M-, R- und GL-Klasse von Mercedes. 140 von ihnen sind Deutsche, sogenannte Expats – Fachkräfte, die für einen Zeitraum von ein bis fünf Jahren für eine internationale Zweigstelle tätig sind. Klaus Hentschel aus Fellbach-Schmiden ist einer von ihnen. Er ist seit 2009 hier, arbeitet aber nicht zwischen den mehr als 1000 Robotern in den Werkhallen, sondern in dem Großraumbüro im Hauptgebäude. Er ist für Finanzen und Logistik zuständig, hat von 1995 bis 2000 schon einmal in Tuscaloosa geschafft und findet, dass hier manche Dinge unkomplizierter sind als in Deutschland. „Hier gibt es nicht so viele hierarchische Stufen, dadurch ist der Kontakt zu den Vorgesetzten einfacher.“

Auf Du und Du - Jeder wird mit Vornamen angeredet

Klaus Hentschel trägt einen schwarzen Pullover, links ist das Mercedes-Logo eingestickt, rechts sein Vorname. Das tragen hier alle. Die Mitarbeiterkleidung gibt es in verschiedenen Farben und Modellen, und immer ist der Vorname aufgedruckt, mit dem jeder angesprochen wird – auch Markus. Markus Schäfer ist der Werkleiter, und nicht nur das grüne Poloshirt, das er trägt, ist ein Beweis für die flachen Hierarchien, auch sein Schreibtisch, der sich genauso in dem offenen Großraumbüro befindet wie der aller anderen. „Es ist nicht so konsequent hierarchisch wie in Deutschland, ich bin überall mittendrin und direkt beteiligt“, sagt Schäfer. „Als Werkleiter sehe ich mein Team hier jeden Tag und nicht nur zu festen Terminen. Das hilft uns, Entscheidungen sehr schnell zu treffen.“ Das sei auch mit ein Grund, warum viele Expats immer wieder gerne herkommen wollen.

Markus Schäfer, der ursprünglich aus Calw im Schwarzwald kommt, führt durch die Montagehalle. Hier werden die frisch lackierten Karosserien mit einem Innenleben versehen. Roboter montieren die Türen wieder ab, damit die Mitarbeiter besser Elektronik, Verkleidung, Sitze und alles, was ein SUV noch so braucht, einbauen können. Während die Autotüren auf einem Fließband darauf warten, wieder an das passende Auto geschraubt zu werden, durchlaufen die Wagen drei verschiedene Montagelinien. Auf jeder Linie gibt es etwa 25 Stationen. Mitarbeiter auf beweglichen Sitzen gleiten geduckt in den Innenraum des Autos, andere strecken sich, um die Verkleidung an der Motorhaube zu befestigen.

Gute Kombination aus dynamisch und analytisch

Neben jeder Station hängt eine Leine. Wird die gezogen, ertönt in der Halle eine spezifische Melodie und auf elektronischen Tafeln wird angezeigt, welche Station das Signal gegeben hat. „Das ist das Zeichen, dass etwas nicht hundertprozentig stimmt“, erklärt Schäfer. „Dann kommt sofort ein Vorarbeiter, ein Hilfsteam. Alle sind hier mit Auge und Ohr dabei, auch als Manager musst du mittendrin sein. Ist das Thema gelöst, wird das Signal gestoppt.“ Problemlösung sei generell eine Sache, bei der Deutsche und Amerikaner viel voneinander lernen und Positives miteinander kombinieren können, findet Markus Schäfer. „Etwas verallgemeinert: Amerikaner sind schnell, dynamisch, finden sofort eine Lösung, auch wenn die nicht für immer funktioniert. Deutsche gehen den Dingen gleich auf den Grund, analysieren und verstehen das Problem und lösen es dann ein für alle Mal.“ Die besondere Kombination dieser beiden Mentalitäten sei damit letztlich auch Teil der Erfolgsgeschichte von Mercedes-Benz in Tuscaloosa, erklärt Schäfer.

In Anpassung an die unterschiedliche Kultur lerne man hier auch, achtsamer zu reden, erzählt Expat Klaus Hentschel. „Die Leute sind nicht so direkt wie daheim. Man muss immer sehr höflich sein und selbst Kritik wird positiv ausgedrückt. Das hat viel Gutes.“ Über Politik und Religion wird im Geschäft gar nicht geredet, das sei in Amerika so üblich, aber daran gewöhne man sich schnell. „Überwältigend ist hier für mich die Freundlichkeit und die Hilfsbereitschaft der Leute“, so Hentschel. Die Mentalität der Menschen sei es auch gewesen, die das Unternehmen aus Baden-Württemberg veranlasst hat, 1995 in Alabama ein Werk zu bauen, sagt Markus Schäfer. „Freundlichkeit, Flexibilität, die Fähigkeit, extrem hart zu arbeiten, hohes Engagement und der unbändige Wille von der ganzen Region, mit uns zusammenzuarbeiten, haben uns überzeugt.“

Um 5 Uhr morgens - Videokonferenz mit Deutschland

Als amerikanisches Unternehmen mit deutscher Mutter arbeitet das Werk in Tuscaloosa tagtäglich mit Stuttgart zusammen, etwa was Entwicklung, Produkte oder Standards angeht. Motoren und Getriebe kommen aus Hedelfingen und Untertürkheim. Während in den Werkshallen in drei Schichten 24 Stunden durchgearbeitet wird, sorgen die sieben Stunden Zeitunterschied dafür, dass viele Büromitarbeiter schon um fünf Uhr morgens beginnen – mit einer Videokonferenz mit Deutschland, wo es dann zwölf Uhr mittags ist. Mittags in Deutschland – da denkt Markus Schäfer sehnsüchtig an Rostbraten. „Und ich vermisse den Winter, so richtig schön Schnee, das fehlt dann schon.“ Das geht Klaus Hentschel ganz genauso. „In den Weihnachtsferien muss ich bei meiner Familie in Deutschland sein. Da brauch ich kaltes Wetter und auch endlich mal wieder Linsen, Spätzle und Saitenwürschtle.“

C-Klasse ab 2014

Das Mercedeswerk in Tuscaloosa vergrößert sich beständig. 1997 wurde es mit der Produktion der mittelgroßen Geländewagen der M-Klasse eröffnet. 2005 wurde das Werk erweitert für den Produktionsbeginn der Familienwagen der R-Klasse und der 2006 begonnenen Produktion der Geländewagen der GL-Klasse. 2010 wurde die Erweiterung des Karosserie-Rohbaus abgeschlossen.

Derzeit wird wieder um- und ausgebaut. Alles wird vorbereitet für den Bau der neuen Mercedes-C-Klasse ab 2014. Unter anderem wird die alte Lackierhalle zur neuen Karosseriehalle. Das soll Mitte 2013 fertig sein, damit 2014 die Serienfertigung des Mittelklassemodells wie geplant anlaufen kann.

Besondere Schul- und Ausbildungsprogramme

Im Tuscaloosa-Mercedeswerk gibt es auch eine Kindergruppe, in der von 6 Uhr morgens bis 18 Uhr die Kinder der Mitarbeiter betreut werden – vom Säugling bis zum Vierjährigen.

Da auch viele Expats, die aus Deutschland nur für ein paar Jahre nach Amerika kommen, ihre Familien mitbringen, hat das Unternehmen 2011 mit der Privatschule Tuscaloosa Academy eine Partnerschaft geschlossen. Mit dem Ziel, die Deutschkenntnisse der Expat-Kinder lebendig zu erhalten und ihnen eine gute Reintegration ins deutsche Schulsystem zu ermöglichen, bietet das Programm neben dem normalen amerikanischen Unterricht auch Klassen auf Deutsch an (wie Deutsch, Geografie, Geschichte), dem baden-württembergischen Schulplan entsprechend. Das Programm ist für Kinder vom Kindergartenalter bis zur zehnten Klasse und schließt auch kulturelle deutsche Veranstaltungen wie Weihnachtsfeiern ein.

Alle Mitarbeiter haben einen jährlichen Lehrplan, der auf ihren gegenwärtigen Arbeitsaufträgen beruht. Außerdem haben sie die Möglichkeit, sich zusätzlich fortzubilden innerhalb von Mercedes oder an den Schulen und Universitäten der Region. Einige Mitarbeiter, die künftig die C-Klasse bauen werden, werden auch speziell dafür in deutschen Werken ausgebildet.

 

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