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TV BittenfeldDer Steuermann im Hintergrund

Thomas Wagner, vom 31.01.2013 00:00 Uhr
Karsten Schäfer lässt die Bittenfelder Handballer schwitzen, er kann sich aber auch selbst quälen: Die Teilnahme an Skilanglauf-Marathons, seinem großen Hobby, empfindet der 36-Jährige aber eher als Erholung in der Natur. Foto: Büttner/ ZVW
Karsten Schäfer lässt die Bittenfelder Handballer schwitzen, er kann sich aber auch selbst quälen: Die Teilnahme an Skilanglauf-Marathons, seinem großen Hobby, empfindet der 36-Jährige aber eher als Erholung in der Natur.Foto: Büttner/ ZVW

Der Trainer- und Betreuerstab beim Handball-Zweitligisten TV Bittenfeld ist mit zunehmender Professionalisierung stetig angewachsen. Karsten Schäfer ist als Athletiktrainer sozusagen der Steuermann im Hintergrund – und mit ganzem Herzen Handballer. „Ich leide mit dem TVB und freue mich mit ihm“, sagt der Diplom-Sportwissenschaftler.

Typen wie Karsten Schäfer sind normalerweise bei Handballern nicht so sehr beliebt. Begegnungen mit ihm sind in der Regel mit Schmerzen und Schweiß verbunden. Vor allem in der Saisonvorbereitung oder – wie jetzt – während der siebenwöchigen Spielpause vor der Rückrunde. Hier werden die Grundlagen gelegt für die lange Saison in den Bereichen Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit, Ausdauer und Koordination.

Was den Spielern freilich nicht so sehr schmeckt. Schließlich spielen Handballer nun einmal am liebsten Handball und rennen weniger gerne im Wald umher. Auch Gewichte stemmen im Kraftraum ist nicht so ihr Ding. Das Dumme ist nur, dass im Handball ohne ein gewisses Maß an Athletik nichts geht. Und schon gar nicht auf einem Niveau, auf dem der TV Bittenfeld mittlerweile angekommen ist. Wie wichtig ein durchtrainierter Körper ist, hat zuletzt die Weltmeisterschaft gezeigt.

Die Spieler müssen die Kröte schlucken. Wohl oder übel. „Sagen wir so“, sagt Schäfer, lächelt und überlegt kurz. „Die Notwendigkeit des Athletiktrainings ist noch nicht bei jedem gleichermaßen angekommen.“

Eine seiner Aufgaben sieht Karsten Schäfer darin, das Bewusstsein der Spieler in diesem Bereich zu schärfen. Nach dem Motto „Steter Tropfen höhlt den Stein“. Schäfer greift dabei in die Trickkiste. „Der Wettkampf ist das Lebenselixier der Spieler, ich muss also Situationen schaffen, in denen es den Spielern leichter fällt, Motivation zu schöpfen.“ Schäfer versucht, die Übungen in einer Wettkampfform zu verstecken. „Das geht allerdings nicht immer.“ Hin und wieder könne es schon vorkommen, dass das Pferd nur so hoch springe, wie es eben springen müsse.

Ein Charakterzug, der zu Schäfer überhaupt nicht passt.

Leidenschaft

Handballer mit heißem Herzen


Mit sechs Jahren begann er in Erfurt mit dem Handballspielen, wechselte mit 19 zum HSV Suhl in die 2. Bundesliga. Nach einem halben Jahr kehrte Schäfer zurück: Entgegen den Abmachungen mit dem Verein musste er die täglichen Fahrten zum Training – hin und zurück 145 Kilometer – aus der eigenen Tasche bezahlen. Das war finanziell nicht länger tragbar. Schäfer schloss sich dem SSV Erfurt Nord an und studierte in Weimar Bauingenieur. Es folgten sechs „sehr schöne und erfolgreiche“ Jahre bei der SG Werratal, gekrönt 2004 mit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga. Die Freude indes über den 14. Platz dort währte nicht lange: Wegen Zahlungsunfähigkeit musste der Club absteigen.

Karsten Schäfer musste sich einen neuen Verein suchen – und erinnerte sich an eine Begegnung mit Dr. Karsten Reichmann. Rot-Weiß Erfurt schickte seine Spieler einst zum Waiblinger Arzt, der zwei Jahre in einem Erfurter Krankenhaus arbeitete. Schäfer ließ sich bei Reichmann an der Schulter operieren. „Er sagte, wenn ich mal einen Verein suche, soll ich mich melden.“ Das tat er auch, und so kam der Regionalligist VfL Waiblingen im Jahr 2005, damals mit Thomas Kibele als Trainer, zu einem Kreisläufer. Als sich der VfL drei Jahre später „umstrukturiert“ habe, wechselte Schäfer zum VfL Pfullingen. 2011 beendete er seine Karriere. „Ich war mir mit meiner Lebenspartnerin einig, nach 28 Jahren Handball wäre es an der Zeit, mehr Freiräume für unsere Familie zu haben und zu genießen.“

Beruflich hatte sich Schäfer längst neu orientiert. Sein Ingenieur-Studium schloss er 2007 ab, ein Jahr zuvor hatte er sich an der Universität Stuttgart für Diplom-Sportwissenschaft eingeschrieben. „Das erste Studium war okay, aber in jungen Jahren hat man noch wenig Orientierung und entscheidet aus dem Bauch heraus.“ Er suchte etwas, „das ich aus Leidenschaft machen kann, außerdem wollte ich den Handball nicht aufgeben“.

Mit der Sportwissenschaft in Berührung kam Schäfer vor sieben Jahren über seinen Schwager. Der ist Eiskunstlauftrainer in Oberstdorf und veranstaltet Camps für Jugendliche und Erwachsene. Er fragte Schäfer, ob er es sich vorstellen könnte, im Team mitzuarbeiten. „Ich hatte zwar keine Ahnung vom Eiskunstlauf, aber gesprungen und gelaufen wird ja auch im Handball.“

Standbeine

Uni, Eiskunstlauf, Handball


Die Athletik war immer Schäfers Steckenpferd. Mit 1,83 Metern zählt er nicht gerade zu den Riesen unter den Kreisläufern. Er hat sich viel erarbeiten müssen. „Das hat mir großen Spaß gemacht, und hier habe ich meine große Chance gesehen.“ Das Sportstudium sei mehr oder weniger die logische Konsequenz gewesen. „Damit konnte ich meine Fähigkeit und Leidenschaft auf eine professionelle Ebene stellen.“

Als Jahrgangsbester schloss Schäfer 2011 sein Studium ab. Über seinen Kommilitonen Lennert Brinkhoff, beim TV Bittenfeld für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, kam der Kontakt zum Zweitligisten zustande. Der TVB war zu der Zeit auf der Suche nach einer Verstärkung für seinen Trainerstab, speziell im Bereich Athletik. Schäfer und der TVB einigten sich auf eine Zusammenarbeit. „Wir haben festgestellt, dass wir gut zusammenpassen.“

Montags, dienstags und mittwochs fährt Schäfer von seinem Wohnort Holzgerlingen nach Bittenfeld. „Das ist sicher nicht der nächste Weg“, sagt er. „Aber wenn man im professionellen Handball arbeiten möchte, liegen die Vereine nicht vor der Haustüre.“

Der TVB ist eines von drei beruflichen Standbeinen. Schäfer ist weiterhin im Eiskunstlauf engagiert, arbeitet mit Jugendlichen und Erwachsenen aus aller Herren Länder – und mit Welt- und Europameistern. „Das ist eine fordernde und abwechslungsreiche Aufgabe.“ An der Uni Stuttgart ist er überdies als wissenschaftlicher Mitarbeiter angestellt.

Mit seinem Engagement bei den Bittenfeldern ist Schäfer zurück in jenem Sport, für den sein Herz schlägt. Zugute kommt Schäfer bei seiner Arbeit, dass er weiß, wie ein Handballer tickt. Er ist ein Mann sowohl der Praxis als auch der Theorie, besitzt die B-Lizenz und hat zudem von Rolf Brack einiges gelernt: Der Balinger Erstligacoach, promovierter und habilitierter Diplom-Sportwissenschaftler, ist als akademischer Oberrat an der Universität Stuttgart beschäftigt.

„Es ist erfüllend, wenn man merkt, dass die Spieler Fortschritte machen und man daran vielleicht einen gewissen Anteil hat“, sagt Karsten Schäfer. Mit der Trainingssteuerung sei viel Verantwortung verbunden. So müsse er bei seiner Arbeit mit den Spielern auf deren individuelle Lebenssituation Rücksicht nehmen. Er könne nicht alle gleich behandeln. „Der eine spielt nur Handball, der andere studiert oder arbeitet nebenbei oder hat noch kleine Kinder“, sagt er. „Und mancher hat den Vorteil, ein besseres Erbgut zu besitzen.“ Er habe den Anspruch, jeden fair zu behandeln. „Es ist allerdings nicht immer ganz einfach, bei zwölf bis 15 Spielern den Überblick zu behalten.“

Schäfer ist auch überzeugt davon, dass mit einer guten Athletik die Verletzungsanfälligkeit minimiert, wenn auch nicht ganz ausgeschlossen werden kann. „Wir hatten in der Hinrunde diesbezüglich Glück, aber wir haben es uns auch ein Stück weit erarbeitet.“

Gesund bleiben müssen die Bittenfelder auch in der Rückrunde, wollen sie mit ihrem relativ dünnen Kader in der 2. Liga vorne dabeibleiben. „Die Jungs haben noch Potenzial“, sagt Schäfer. Gemeinsam mit dem Trainerteam möchte er das Maximale herauskitzeln aus den Spielern. Dies sei einerseits der große Reiz, andererseits aber ärgert sich Schäfer gelegentlich auch. Beispielsweise dann, wenn sich die Spieler mit dem zufriedengeben, was sie erreicht haben. Ziel könne es jedoch nicht sein, ein Spiel mit einem Tor zu gewinnen, sondern den Gegner, so gut es eben geht, zu dominieren. Der Maßstab müsse die eigene Leistungsfähigkeit sein, nicht die des Gegners.

„Das unterscheidet einen erfolgreichen Sportler von einem Champion“, sagt Schäfer. „Der Champion ist bereit, ein Stück mehr zu tun für den Erfolg, als eigentlich nötig ist.“

Zur Person

Karsten Schäfer wurde am 23. Oktober 1976 in Erfurt geboren. Er ist diplomierter Bauingenieur und Diplom-Sportwissenschaftler, wohnt mit seiner Lebensgefährtin Janine und den beiden kleinen Töchtern in Holzgerlingen bei Böblingen.

Schäfer spielte bei BSG Mikroelektronik Erfurt (1983 bis 1997), HSV Suhl (1997 bis 1998), SSV Erfurt Nord (1998 bis 1999), SG Werratal (1999 bis 2005), VfL Waiblingen (2005 bis 2008), VfL Pfullingen (2008 bis 2011). Mit der SG Werratal schaffte er den Aufstieg in die 2. Bundesliga.

An der Universität Stuttgart ist Schäfer wissenschaftlicher Mitarbeiter, unter anderem im Projekt „Absprunganalyse im Eiskunstlauf“. Sein Fachgebiet: Bewegungs- und Trainingswissenschaft, Biomechanik. Sportarten: Eiskunstlauf, Handball, Skilanglauf, Ski Alpin, Telemark.

Thema seiner Doktorarbeit, die er derzeit schreibt: Muskelphysiologische Aspekte bei Absprüngen im Eiskunstlauf.

Skimarathons gehören zu Schäfers großen Hobbys: Er absolvierte unter anderem den Wasa-Lauf in Schweden (90 Kilometer). Der König-Ludwig-Lauf (50 Kilometer) in Oberammergau steht am 3. Februar an.

 

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