Unsere Moscheen Warum predigen Imame nicht deutsch?

Andreas Kölbl, 24.11.2012 00:00 Uhr
Religionswissenschaftler Serkan Ince hat 80 Freitagspredigten analysiert. Foto: Kölbl/ ZVW
Religionswissenschaftler Serkan Ince hat 80 Freitagspredigten analysiert.Foto: Kölbl/ ZVW

Waiblingen/Tübingen. Predigten auf Deutsch sind in den Moscheen des Rems-Murr-Kreises die Ausnahme, Türkisch ist die Regel. Doch Zweisprachigkeit ist laut Religionswissenschaftler Serkan Ince nur eine Frage der Zeit. In Tübingen studiert eine neue Generation angehender islamischer Theologen, die künftig als Imame in die Gemeinden gehen sollen.

Der 29-jährige Serkan Ince hat in Köln selbst schon auf Deutsch gepredigt und könnte Imam werden, wenn er wollte. Zwar bevorzugt er derzeit die wissenschaftliche Laufbahn, „aber ausschließen will ich nichts“. Probleme, eine Anstellung an einer Moschee zu finden, hätte er wohl kaum, denn islamische Theologen wie er, die fließend Deutsch und Türkisch sprechen, sind rar. Bisher kommen Imame in der Regel für fünf Jahre aus der Türkei an die Moscheen der Verbände Ditib und Milli Görüs nach Deutschland. Bevor sie die Sprache richtig beherrschen, sind sie meist schon wieder fort. Ditib bemüht sich daher, Imame sprachlich vorzubereiten und fortzubilden. Einen neuen Weg der Ausbildung von Imamen eröffnen die Zentren für Islamische Theologie an deutschen Universitäten. Auf Tübingen, wo seit drei Semestern in Nachbarschaft der Institute für evangelische und katholische Theologie der Studienbetrieb läuft, folgten jüngst Frankfurt, Münster und Erlangen.

Als Muslim auf einer katholischen Grundschule

Serkan Ince ist ein Kölscher Jung. Obwohl in seinem Elternhaus in Köln-Deutz hauptsächlich Türkisch gesprochen wurde, hat sich ein leichter rheinischer Akzent in sein Deutsch geschlichen. Er besuchte eine katholische Grundschule, denn der Schulleiter stellte die Eltern vor die Wahl: „Wollen Sie für ihren Jungen eine Schule mit oder ohne Gott?“ Sie entschieden sich für die „mit Gott“ – immerhin mit einem christlichen, wenn schon nicht mit Allah. Später machte der Bäckerssohn Abitur und studierte Wirtschaftsrecht, bevor er sich mit 23 entschloss, nach Ankara zu gehen, um islamischer Theologe zu werden. Die Einrichtung des Zentrums für islamische Theologie kam für sein eigenes Studium zu spät. Über Bayreuth, wo er einen Masterabschluss in Religionswissenschaft nachschob, kam er jetzt aber doch nach Tübingen – als wissenschaftlicher Assistent. Zum Beten besucht er immer diejenige Moschee, die sich gerade am nächsten befindet, ohne eine bestimmte Richtung zu bevorzugen.

Dass in deutschen Moscheen auf Deutsch gepredigt werden soll, fordern konservative Politiker seit Jahren. Als stellvertretende CDU-Vorsitzende forderte Annette Schavan 2004 sogar eine gesetzliche Deutsch-Pflicht für Imame. Was Vertreter von SPD und Grünen scharf ablehnten mit dem Hinweis, man dürfe nicht alle Islam-Gelehrten pauschal einem Extremismus-Verdacht unterwerfen. Doch inzwischen hat sich die Debatte gewandelt. Das Moment der Kontrolle und des Misstrauens ist in den Hintergrund gerückt. Nach Ansicht von Serkan Ince weiß der Staat sowieso Bescheid, was in Moscheen gepredigt wird. Er sieht in deutschsprachigen Predigten einen integrationspolitischen Ansatz, dem sich die Gemeinden nicht entziehen können – und auch nicht wollen.

Mit der dritten Generation der Migranten kommt auf die Moscheen ein Sprachproblem neuer Art zu: Immer mehr junge Deutsch-Türken verstehen kaum noch Türkisch. In Internetforen gebe es „Riesendiskussionen“ darüber. Junge Muslime suchen nach deutschsprachigen Gottesdiensten und bevorzugen häufig arabische Moscheen, weil dort eher Deutsch gesprochen wird: ein Problem für die türkischen Verbände Ditib, Milli Görüs und VIKZ. Wenn sich an der Ausbildung der Imame nichts ändert, werden die türkischen Moscheen in zehn bis 15 Jahren massive Probleme bekommen, befürchtet Serkan Ince.

Im Grunde seien die Muslime bereit, ihren Glauben auf Deutsch zu praktizieren, ist er überzeugt. Türkisch sei keine heilige Sprache. Die Hindernisse seien eher praktischer Natur. Es genüge nicht, einfach türkische Texte auf Deutsch zu übersetzen. Die religiöse Sprache müsse erst einmal gefunden werden, sonst würden islamische Glaubensinhalte wie bisher in christlichen Begriffe wie zum Beispiel „Nächstenliebe“ gepresst, obwohl es sich um unterschiedliche Konzepte handelt. Von den Imamen wünschten sich die Gläubigen auch deshalb bessere Kenntnisse der deutschen Sprache und Gesellschaft, damit sie ihre Aufgaben als Seelsorger und Sozialarbeiter besser erfüllen können.

Milli Görüs ruft zu friedlichem Widerstand auf

Von den Predigten fühlen sich besonders die Jüngeren oft gelangweilt. Mangel an aktuellen Bezügen und immer die gleichen Themen werden beanstandet. Mit Professor Christoph Bochinger von der Uni Bayreuth hat Serkan Ince 80 Freitagspredigten von Ditib und Milli Görüs zwischen 2003 und 2012 untersucht. „Die Themen blieben in der Zeit stets identisch.“ Der Natur nach handele es sich bei den Freitagspredigten um ethische Predigten, die dem Einzelnen und der Gemeinschaft Orientierung geben sollen. Sie lesen sich wie ein „Handbuch für Nicht-Muslime“, in dem einfache Begriffe des Glaubens erläutert würden.

Bei der dem türkischen Staat eng verbundenen Ditib spielt dabei Politik nie eine Rolle. Bei der ultrakonservativen Milli Görüs, welcher der Verfassungsschutz bescheinigt, Ziele zu verfolgen, die dem Grundgesetz zuwiderlaufen, allerdings schon: In ihren Predigten wurde auf den Irak-Krieg und auf die Mohammed-Karikaturen Bezug genommen. So wurden die USA als Aggressor gegen einen friedlichen Islam identifiziert und die Gläubigen aufgefordert, sich gegen die Verunglimpfung ihres Glaubens zu wehren - aber nur mit friedlichen Mitteln: „Wir haben keine einzige Stelle gefunden, an der zur Gewalt aufgerufen wurde.“ Gewissermaßen sei die Milli Görüs mehr integriert als die Ditib, weil sie gesellschaftlich Stellung beziehe, meint Ince. Ansonsten seien die Unterschiede in den Predigten beider Organisationen gering.

Die zentral verfassten Freitagspredigten beider Verbände stehen wöchentlich auf Deutsch im Internet. Was aber die Imame und die Gläubigen in den Gemeinden denken und was in den Vorab-Ansprachen vor der Freitagspredigt gesagt wird, das gehe daraus nicht hervor. „Da sieht es anders aus.“ Dass gesellschaftliche Streitthemen angesprochen werden, erscheint Serkan Ince wichtig. Er verweist darauf, dass dies auch in christlichen Predigten üblich ist. Mehr noch: „Wir haben christliche Predigten gefunden, in denen ganz offen Werbung für die CSU gemacht wurde.“

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