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VertrauensarbeitszeitErgebnis zählt - nicht Anwesenheit

Peter Ilg, vom 15.07.2012 14:53 Uhr
Flexibilität gegen Selbstausbeutung – Vertrauensarbeitszeit hat Vor- und Nachtteile, Befürworter und Gegner. Wichtig ist, dass die Aufgaben und Ziele und die dafür bemessene Zeit stimmig sind. Foto: Die Kleinert
Flexibilität gegen Selbstausbeutung – Vertrauensarbeitszeit hat Vor- und Nachtteile, Befürworter und Gegner. Wichtig ist, dass die Aufgaben und Ziele und die dafür bemessene Zeit stimmig sind.Foto: Die Kleinert

Stuttgart - Die gebürtige Amerikanerin Ann Miller-Rauch hat ein typisch deutsches Problem: Sie hat ein Kind und arbeitet dennoch in Vollzeit, zudem als Führungskraft. „Manche meinen, ich sei deshalb eine schlechte Mutter.” Neben Toleranz mangle es am Betreuungsangebot. „Ich möchte neben der Arbeit natürlich auch Zeit für meine Tochter haben.” Deshalb kommt es ihr sehr gelegen, dass sie in einem international tätigen Unternehmen arbeitet. Meist ist sie von 9 bis 16 Uhr in der Firma, dann holt sie die Kleine von der Kita ab und wenn das Mädchen gegen 20 Uhr ins Bett geht, arbeitet die Mama zwei, drei Stunden von zu Hause aus weiter. Zum Beispiel hatte sie eine Telefonkonferenz mit Kollegen in Brasilien. „Beruf und Familie funktioniert bei mir vor allem deshalb, weil ich meine Arbeit sehr flexibel einteilen kann.” In der Vertrauensarbeitszeit zählt das Ergebnis, nicht die Anwesenheit.

Ann Miller-Rauch ist bei der Software AG in Darmstadt für die weltweite Personal- und Organisationsentwicklung zuständig. Das Unternehmen ist ein Software- und Beratungshaus mit weltweit rund 5500 Mitarbeitern, in Deutschland sind es etwa 2000. Von diesen haben etwa die Hälfte ein Gleitzeitkonto und dokumentieren ihre Arbeitszeit durch Aufschreiben. Diese Gruppe hat einen Anspruch darauf, Überstunden als Gleittage abzufeiern. Die andere Hälfte hat Vertrauensarbeitszeit, führt kein Gleitzeitkonto und hat auch keinen Anspruch auf Überstundenausgleich. Der ist mit dem meist höheren Gehalt dieser Personengruppe abgegolten. Vertrauenszeitarbeiter müssen aufgrund einer Betriebsvereinbarung einen variablen Gehaltsbestandteil von mindestens zehn Prozent haben.

Beim Führen mit Zielen - oft zu knapp bemessene Arbeitszeit

„Vertrauensarbeitszeit ist eine problematische Sache, weil Mitarbeitern ohne Zeiterfassung eine klare Dokumentation als Voraussetzung fürs eigene Zeitmanagement fehlt”, sagt Hilde Wagner, Ressortleiterin Tarifpolitik bei der IG Metall in Frankfurt am Main. Das Risiko Zeit bei einem Projekt würde auf die Mitarbeiter verlagert. „Die Gefahr, dass diese Beschäftigten lange arbeiten, ist hoch.” Wenn Zeit nicht erfasst wird, habe man keinen Beleg für einen Ausgleich.

In der Software AG gibt es zwei Berufsgruppen, in denen sich Vertrauensarbeiter häufen: Beschäftigte in Vertrieb und Consulting, dort gibt es traditionell oft variable Gehaltsbestandteile. Und es sind Mitarbeiter mit Führungsaufgaben: Je höher Beschäftigte in der Hierarchie stehen, umso größer sind ihre variablen Gehaltsbestandteile. Beide Gruppen sind auch typisch für andere Unternehmen und oft sind das Akademiker, die unter dem Führen mit Zielen leiden, weiß Rainer Burckhardt, Betriebsratsvorsitzender der Software AG am Standort Darmstadt. „Sie meinen, Ziele erfüllen zu müssen. Und leider prüft bei uns niemand so wirklich nach, wie viel Zeit für eine Aufgabe gebraucht wurde.”

Typisch für andere Unternehmen ist auch, dass Vorgesetzte und Mitarbeiter Ziele vereinbaren. Mitarbeiter mit Vertrauensarbeitszeit werden mit Zielen geführt. Werden Aufgaben schneller erledigt, steigt durch den variablen Gehaltsbestandteil das Einkommen, weil mehr geleistet werden kann. In der Software AG beträgt die Arbeitzeit 40 Stunden pro Woche. Diese 40 Stunden sind die Grundlage für Zielvereinbarungen: Was kann in dieser Zeit geleistet werden? Wer schneller ist, verdient mehr als langsamere Kollegen durch den variablen Gehaltsbestandteil. „Diese Aussicht treibt mich schon an, meinen Job zügig und gut zu machen”, sagt Miller-Rauch.

Vertrauensarbeitszeit dürfte zunehmen

Ob nun Zeiterfassung oder Vertrauensarbeitszeit: Arbeitschutzgesetze gelten für alle Arbeitnehmer. „Mehr als zehn Stunden pro Tag darf nicht gearbeitet werden und Zeiten über acht Stunden müssen dokumentiert sein”, sagt Frank Brenscheidt, Arbeitszeitexperte in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund. Betriebsrat Burckhard meint, daran mangle es im Unternehmen, weil es sich darauf verlässt, dass die Mitarbeiter von sich aus die Vorschriften des Arbeitszeitgesetzes einhalten. Doch das wirkliche Problem der Zeitarbeit seien die vereinbarten Zielvorgaben mit manchmal zu knapp bemessener Zeit. Rainer Fritsch, zuständig für Vergütung in der Software AG, hält dagegen: „Vertrauensarbeitszeit setzt Vertrauen voraus, und wenn ein Mitarbeiter merkt, dass er seine Arbeit nicht schafft, dann erwarten wir schon, dass er mit seinem Vorgesetzten spricht und sie gemeinsam eine Lösung finden.”

Nach der Erfahrung vom Arbeitszeitexperten Brenscheidt führt Vertrauensarbeitszeit zu Mehrarbeit. Die Situation von Miller-Rauch wertet er positiv: „Vertrauensarbeitszeit macht Vereinbarkeit von Familie und Beruf in vielen Fällen erst möglich.” Nach seinen Angaben haben Unternehmen außer der Einhaltung genannter Arbeitsschutzgesetze weitere Sorgfaltspflichten gegenüber ihren Mitarbeitern. Dazu zählt beispielsweise die Auswahlpflicht. „Mitarbeiter dürfen für einen Aufgabe nur dann ausgewählt werden, wenn sie diese auch leisten können.”

Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, IAB, in Nürnberg, gab es 2006 in etwa 15 Prozent aller deutschen Unternehmen Vertrauensarbeitszeit. Der Schwerpunkt lag im Wirtschaftsbereich der Dienstleistungen. Aktuellere Zahlen gibt es nicht, aber eine Prognose für heute von Ines Zapf, Arbeitsmarktforscherin im IAB: „Weil das Dienstleistungsgewerbe wächst und das Qualifikationsniveau der Beschäftigten steigt, dürfte auch der Anteil der Unternehmen mit Vertrauensarbeitszeit zugenommen haben.”

Ann Miller-Rauch hält viel von der Vertrauensarbeitszeit und sieht darin die Zukunft für die meisten, wenn nicht sogar alle Mitarbeiter der Software AG. „Ich möchte meinen Kollegen die Vorteile, die ich daraus ziehe, nicht vorenthalten.” Betriebsratsmann Burckhardt hält ihre Idee für unnötig, „weil die bestehenden flexiblen Arbeitszeiten ausreichend Spielraum bieten, um Privates und Betriebliches unter einen Hut zu bringen”.

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