Frauen bei der Polizei Besser kein Pfefferspray in der Handtasche

Jutta Pöschko-Kopp, 27.10.2016 00:00 Uhr
Renate Sonnet im Haus der Prävention. Foto: Büttner / ZVW
Renate Sonnet im Haus der Prävention.Foto: Büttner / ZVW

Waiblingen. Sie war die erste Frau im Mannheimer Rauschgiftdezernat, die erste Frau im gehobenen Dienst bei der damaligen Polizeidirektion Waiblingen und irgendwann die erste, die Teilzeit arbeitete: Erste Kriminalhauptkommissarin Renate Sonnet hatte bei der Kripo schon viele Premieren. Seit 18 Jahren berät sie nun Menschen in Sachen Gewaltprävention. Langweilig wurde ihr das nie: „Hier bin ich an der richtigen Stelle“, weiß sie. „Das passt.“

Die Polizei kommt nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Mit ihrer Beratungsstelle ist die Kripo auch Ansprechpartnerin für jeden, der sich über Gefahren und Bedrohungen informieren und beraten lassen und sich aktiv davor schützen will. Eine der Ansprechpartnerinnen ist Erste Kriminalhauptkommissarin Renate Sonnet (57). Seit 1998 sorgt sie dafür, dass sich Menschen sicherer fühlen können, zu Hause, aber auch auf der Straße und im Umgang mit anderen. Zur Kriminalprävention war sie nach ihrer zweiten Elternpause gekommen. Sie wusste schnell: „Das passt.“

Damals gab es noch die „weibliche Kriminalpolizei“

Angefangen hatte sie 1978 bei der Kripo Mannheim als Kriminalanwärterin. Der ebenso abwechslungsreiche wie krisensichere Job, bei dem man jeden Tag mit Menschen zu tun hat, hatte sie gereizt. Anders als heute habe es damals noch eine weibliche Kriminalpolizei gegeben. Die WKP war ein eigener Zweig der Kripo, die vornehmlich für Frauen und minderjährige Straftäter und Opfer zuständig war. Das freilich war kein Berufsziel für Renate Sonnet. „Für mich war klar, dass ich da nicht hin wollte“, erinnert sie sich. 1979 wurde die WKP aufgelöst und in die Kripo integriert. Renate Sonnet kam als erste Frau ins Mannheimer Rauschgiftdezernat.

Zuhause im Rauschgiftdezernat

Der Liebe wegen – sie heiratete einen Kollegen - wechselte sie drei Jahre später nach Waiblingen ins dortige Rauschgiftdezernat. Anschließend studierte sie an der damals provisorischen Polizei-Hochschule Kloster Maria Tann. 1984 startete sie in Waiblingen als erste Frau im gehobenen Dienst. Als Leiterin einer Ermittlungsgruppe war sie illegaler Beschäftigung auf dem Bau auf der Spur und verantwortete Razzien und Untersuchungsaktionen auf Baustellen. Doch es zog sie zurück ins Rauschgiftdezernat, dessen Leitung sie eineinhalb Jahre später übernahm. „Das war mein Zuhause bei der Polizei“, sagt sie rückblickend. Wohl gefühlt habe sie sich nicht nur wegen des Superteams im Drogendezernat. Eine ganz wesentliche Rolle für die Entscheidung, zurückzugehen sei auch die spezielle Art der Arbeit dort gewesen. In diesem Deliktsbereich würden keine Anzeigen gemacht, erzählt sie: „Wir mussten die Fälle selbst holen, das heißt, die regionale Konsumenten- und Kleindealer-Szene beobachten, kontrollieren, auch einen ständigen Kontakt zu dieser halten. Das war enorm abwechslungsreich.“ Damals seien Drogendelikte ausschließlich vom Fachdezernat der Kriminalpolizei bearbeitet worden, die Szene sei auch noch überschaubarer gewesen. „Gelegentlich treffe ich heute noch Ex-Drogenabhängige oder deren Eltern in der Stadt und wir können uns ohne Vorbehalte unterhalten, ja freuen uns sogar, mal wieder voneinander zu hören.“

Mutter und Polizistin

Als 1989 Tochter Anna zur Welt kam, plante Renate Sonnet, schnell wieder zurückgehen. Doch es kam anders. Anna war mit der Erbkrankheit Mukoviszidose auf die Welt gekommen und brauchte besondere Betreuung. Drei Jahre blieb Renate Sonnet daheim, bis ihre Tochter gesundheitlich stabil war und in den Kindergarten ging. Weil sie Teilzeit arbeiten wollte, wechselte die Polizistin in den Innendienst der Kripo, wurde zuständig für Personal- und Einsatzpläne und Materialorganisation. Keine Ermittlungstätigkeit mehr, aber es sei gut handelbar gewesen, erzählt sie.

Oft habe sie sich nachmittags um ihre Tochter gekümmert und sei abends an den Schreibtisch zurückgekehrt, wenn ihr Mann zu Hause war. 1996 wurde die zweite Tochter geboren. Wieder pausierte Renate Sonnet drei Jahre lang, bis sie 1998 wieder einstieg, dieses Mal in die Kriminalprävention.

Tiefgaragen sind manchmal ungefährlicher als Wohnungen

Heute kümmert sich die 57-Jährige um Gewaltvorbeugung an Schulen genauso wie um häusliche Gewalt und Suchtprävention. Sie hält Vorträge in Schulen, Kindergärten und Seniorenkreisen und sitzt als Vertreterin der Polizei an runden Tischen. Wo es wirklich brisant ist und was dann zu tun ist, das wissen viele nicht, und darüber klärt sie auf. Über reale Gefahren herrsche häufig ein völlig falsches Bild in der Bevölkerung: „In den dunklen Tiefgaragen, in denen sich die meisten mulmig fühlen, verzeichnen wir weit weniger Straftaten als in den Wohnbereichen.“ Anders als viele meinen, dringen Einbrecher selten durch Keller, aber oft über helle Terrassen und durch Fenster ein, und sind Pfeffersprays für Ungeübte keineswegs ein gutes Mittel zur Selbstverteidigung: „Bei diesen Dingen sind wir die Fachleute“, sagt die Erste Kriminalhauptkommissarin ein bisschen stolz. „Wissen ist Macht.“

Renate Sonnet liebt ihren Beruf. Früher im Drogendezernat, heute in der Kriminalprävention. „Prävention ist meine Leidenschaft“, sagt sie. Eine Zeit lang habe sie sich überlegt, in die Ermittlung zurückzugehen. Aber sie weiß: „Hier bin ich an der richtigen Stelle. Hier bin ich bekannt. Das passt für mich.“

Im Polizeipräsidium Aalen gibt es insgesamt 33 Beamte, die nur für Prävention und Verkehrserziehung zuständig sind, 13 von ihnen haben ihr Büro in der Außenstelle Fellbach. Auf Anfrage bieten sie Beratungen an und halten Vorträge.

Nach den Ereignissen in der Silvesternacht in Köln wurde Renate Sonnet immer wieder zum Thema Gewalt gegen Frauen angefragt. Sie empfiehlt, sich frühzeitig ein Bild über eine mögliche Gefährdung zu machen, sich Raum zu schaffen und früh Grenzen zu setzen. Bei Menschen, die einem zu nah kommen, solle man lieber früher als später einen Schritt zurückgehen und auch mal ein deutliches Stopp setzen.

Häufig unbegründet sei die Angst vor Fremden. „Meistens sind die Täter aus dem sozialen Umfeld: Nachbarn, Freunde und Verwandte.“

Waffen zur Selbstverteidigung empfiehlt die Erste Kriminalhauptkommissarin nicht: Der Umgang mit Pfeffersprays und anderen Abwehrwaffen müsse geübt werden. „Jede Abwehrwaffe kann gegen einen selber eingesetzt werden.“

Tipps gibt es auch unter polizei-beratung.de

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Kommentare (10)
PeterR • vor 5 Monaten
Unglaublich zu was für, der eigenen Ausbildung widersprechenden, Einlassungen sich die Kollegin da herablässt! Wenn dem so wäre, dann können wir ja getrost aus den PolGesetzen die Hilfsmittel des UZ streichen. Denn die "könnten ja gege einen" eingesetzt werden? Wenn nun der Bürger weiß, dass die Kollegen der Schutzpolizei auch nur mit Glück das nötige Mindestmaß an Einsatztraining erreichen, warum laufen die dann im Dienst bewaffnet herum? Brote schmieren muss jeder mal geübt haben, so verhält es sich beim OC-Spray, dafür gibt es schließlich günstige Übungsdosen mit buntem Wasser. Genau darauf sollte die Kollegin doch eher hinweisen, oder hat der Bürger neuerdings kein Recht auf Notwehr oder Nothilfe mehr?
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Gabi • vor 5 Monaten
...fehlt eigentlich nur noch der weltfremde Vorschlag junge Erwachsene sollten nicht mehr abends mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Feiern fahren. Aber falls es dann zu Problemen kommt eben einen Schritt zurücktreten. Mein Sohn hatte letzten Herbst in Waiblingen am Bahnhof auf dem Heimweg auch ein sehr schmerzliches Erlebnis mit ihm fremden Jugendlichen. Dieses Endete für ihn beim Arzt und bei der Polizei zum Anzeige erstatten gegen Unbekannt. Das Verfahren wurde vor kurzem eingestellt, da nie die jugendlichen/ jungen Erwachsenen die ihn vermöbelt haben ermittelt werden konnten. Also bitte einen Tip dafür? Zuhause bleiben?
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Unwissender • vor 5 Monaten
Was soll dieser Artikel dem Leser vermitteln? Eine Biografie einer einzelnen Person? Dann ist die Überschrift meiner Meinung nach komplett am Thema vorbei. So toll die Biografie auch sein mag, die Empfehlungen sind realitätsfern. "Lieber früher als später einen Schritt zurück zu gehen" oder "sich frühzeitig ein Bild über eine mögliche Gefährdung zu machen" ist theoretisch sicherlich richtig, aber hat mit der Praxis herzlich wenig zu tun. Natürlich wird jede Person versuchen schnell und sicher aus einer Gefahrensituation zu kommen bzw. gar nicht erst in diese zu geraten, aber was passiert wenn man eine Situation falsch eingeschätzt hat? Oder nicht einfach einen Schritt zurück machen kann und dann in Sicherheit ist? In diesem Fall können Abwehrwaffen sehr wohl hilfreich sein, dem/den Angreifer/n wird zumindest signalisiert "ich wehre mich und bin kein Opfer" und etwas Zeit für eventuelle Hilfe wird auch gewonnen... Vielleicht wäre es hilfreicher, wenn aus dem Artikel hervorgehen würde wie man sich in solchen Situationen helfen kann und nicht was man auf keinen Fall tun sollte. Das hilft niemandem wirklich weiter.....
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G. Schiller • vor 5 Monaten
Ist dies in dem grauen Kästchen tatsächlich ernstgemeint. Ich fasse zusammen: Nachbarn, Freunde und Verwandte verüben die meisten Straftaten, ich versuche mir vorher ein Bild davon zu machen ob ich möglicherweise plötzlich angegriffen werden könnte, und falls ja mache ich 1-2 Schritte zurück. Speziell den vorletzte Absatz finde ich schon leicht skurril.
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Michael Thoma • vor 5 Monaten
Wie man als "Experte" davon abraten kann, Pfefferspray zu tragen (gerade als Frau), ist mir vollkommen schleierhaft. Ein Beispiel: Ich bin knapp 2m groß und knapp 100kg schwer, dazu trainiere ich Kickboxen und Jiu-Jitsu. Wenn ich einer untrainierten und kleineren Person (hypotetisch) Schaden zufügen wollen würde, dann ist für diese Person ein Pfefferspray (Messer mal ausgenommen) die einzige Chance. Der Kraftunterschied ist so enorm, dass kein SV-Kurs oder Selbstbehauptungslehrgang an der VHS irgendwie helfen würde. Und die meisten Leute starren eh aufs Smartphone und haben die Stöpsel in den Ohren, so dass die einen Angriff gar nicht kommen sehen. Ein Pfefferspray ist nicht 100%, aber es KANN in vielen Fällen helfen, auch gegen größere, stärkere Angreifer. Und das Argument "Pfefferspray wird einem nur entrissen und gegen einen eingesetzt" ist völliger Blödsinn. Der Angreifer ist sowieso stärker, der braucht kein Pfefferspray, der hat Fäuste, Knie, Stiefel und womöglich Schlagstock oder Messer. In jüngeren Fällen sogar selber Pfefferspray. Ein Pfefferspray ist einfach zu handhaben, weil jeder eine Haarspraydose nutzen kann. Man muss sich vorher über die Strahlformen (Gel, Schaum, Nebel) informieren und evtl. mal eine Dose probehalber leermachen (im Freien auf privatem Grundstück!). Eine provokative These noch: Waffenscheine gibt es nur für "besonders gefährdete Personen". Frauen sind aber anscheinend häufiger Opfer von Gewaltverbrechen. Wieso dürfen Frauen keine Schusswaffe tragen, sondern nur Politker oder Promis? Wieso sind alle halbwegs sinnvollen SV-Waffen in Deutschland verboten oder nicht zum Führen zugelassen? Nur runterverdünntes Pfefferspray (als Tierabwehr!) und ein Schrillalarm. Denkt mal drüber nach...mit besten Grüßen, Michael Thoma
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