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Erkennen - Aktivieren - Abspeichern Der Weg in die digitale Diktatur

Waiblingen/Schorndorf. Wer sich heutzutage nicht sozial ausgegrenzt fühlen möchte, nutzt Smartphone, Tablet oder „smarte Armbanduhr“, ist vernetzt auf Facebook, Twitter, Instagram, LinkedIn oder WhatsApp, postet, twittert, chattet, teilt Fotos oder „whatsappt“. Wer nimmt sich da schon Zeit, AGBs zu lesen oder seine Daten zu schützen!? Kaum einer. Das könnte fatale Folgen haben.

Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts. Start-ups und Konzerne schürfen danach und fördern es. Ungeniert, am laufenden Bande und häufig unbemerkt. Der Nutzer digitaler Anwendungen, der zunehmend gläserne Konsument, dünkt sich smart, wichtig und stets aktuell.

Derweil ebnet er mit seiner gar nicht so smarten Unbekümmertheit womöglich den Weg in die selbverschuldete Unmündigkeit, in eine digitale Diktatur. Die abendländische Aufklärung droht zu scheitern – wieder einmal.

Empirisches Wissen über den Kunden

„Jeder Smartphone-Vorgang und Google-Klick, jeder Facebook- und WhatsApp-Eintrag wird von ungezählten Firmen gespeichert, um Personenprofile, sogenannte digitale Zwillinge, zu erstellen“, sagt Peter Hensinger. Das Ziel der breit angelegten Datensammlung und -auswertung habe der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in einer Roland-Berger-Studie von 2015 wie folgt beschrieben: „... die Kontrolle über die Kundenschnittstelle (zu) gewinnen, so wie dies zum Beispiel Google mit dem Android für mobile Endgeräte gelungen ist.“ – „Ein derartiges Agentenmodell gewinnt an Bedeutungen, da empirisches Wissen über den Kunden und seine Bedürfnisse von enormem Wert ist.“

Das Wort Agentenmodell könne man ruhig wortwörtlich nehmen, im Sinne von agentenmäßiger Überwachung, so Hensinger unlängst in Schorndorf bei einem VHS-Vortrag zum Thema „Das Smartphone – mein Personal Big Brother?“. Der 68-jährige Stuttgarter ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins „diagnose:funk Deutschland“. Dieser hat sich zu Aufgabe gemacht, nicht nur über Mobilfunk-Strahlenbelastungen aufzuklären, sondern auch über Gefahren digitaler Mediennutzung.

Browserverlauf und Cookies

Dem gewöhnlichen Internetnutzer, der Browserverlauf und Cookies gar nie oder nur hin und wieder löscht, mag es nicht auffallen, ihn mag es auch nicht stören, wenn auf vielen Internetseiten, die er besucht, seine Surfhistorie und seine Such-Interessen ausgelesen und womöglich auch irgendwo gespeichert werden; oder wenn er auf Basis von Cookies und seiner Session-ID zum Beispiel individuell zugeschnittene Suchanfragen-Ergebnisse und Werbung via Google präsentiert bekommt; oder wenn seine Standorte via Verbindungsdatenanalyse grob geortet und protokolliert werden. Solange er sich nicht irgendwo einloggt, kann diese Historie, können seine individuellen Vorlieben nicht direkt seiner realen Person (Name, genaue Post- und Mail-Adresse sowie Telefonnummer) zugeordnet werden.

Wie Facebook unersättlich Daten sammelt und verwertet

Doch wer denkt schon daran, löscht immer alle seine Browserdaten und Cookies etc. und schließt und öffnet den Browser erneut, bevor er sich irgendwo einloggt!? Wer dies aber nicht tut, läuft Gefahr, dass er als reale Person mit Klarnamen identifiziert werden kann und als offenes Buch frei verkäuflich im weltweiten Datenhandel herumgereicht wird. Die Grauzonen hin zu systematischen Verletzungen von Datenschutzgesetzen durch im digitalen Geschäft umtriebige Unternehmen sind fließend.

Das Abgreifen von Daten geradezu perfektioniert haben App-Betreiber für Smartphones und Tablets. „In vielen Apps sind Spionage-Funktionen versteckt, mit denen so ziemlich alle Daten auf einem Smartphone überwacht werden können, wie zum Beispiel E-Mails, SMS, Kontakte, Instant-Messenger, Fotos oder Videos“, sagt Hensinger. „Apps können das Smartphone orten, Telefongespräche abhören oder Fotos mit der Kamera schießen. Das machen sich Geheimdienste und Polizeibehörden zunutze. Aber auch der Warenhandel.“

Nicht nur ausgesprochene Spionage-Apps (eine Liste findet sich zum Beispiel auf https://smartnweb.de/spionage-app-erkennen), sondern ganz normale Apps wie WhatsApp und Instagram (Tochterunternehmen von Facebook), bei Facebook auch schon die Browseranwendung, sind als fragwürdig einzustufen. Das Fachmagazin c’t des Heise-Verlags hat sich dem Thema in seinen Ausgaben 01/2017 und 24/2016 mit längeren Artikelstrecken gewidmet.

Datenkraken und ihre Töchter greifen auch nach Unbeteiligten

„Facebook erfährt innerhalb der eigenen Plattformen auf fünf Weisen Neues: Indem es erstens auswertet, was Nutzer aktiv über sich angeben, was sie zweitens indirekt durch ihre Aktionen wie Liken oder Posten hinterlassen und was drittens Nutzer über andere verraten, etwa durch Taggen von Fotos“, schreibt c’t-Journalist Herbert Braun.

Außerhalb seiner Plattformen sammele Facebook viertens „fleißig jene Spuren, die Nutzer beim Surfen oder beim Einsatz von Apps hinterlassen – und zwar mit Hilfe von Codeschnipseln in Websites und Apps. Als Fünftes kommen noch aufgekaufte externe Datenbanken hinzu“, schreibt Braun.

Bilderkennungs-Algorithmen zur Gesichts-Identifizierung

Das Tückische an Digitalfotos: Sie können auch Metadaten wie Kamera-Marke, Ort und Zeit des Schnappschusses enthalten. Via Bilderkennungs-Algorithmen kommt zudem mehr und mehr die (automatische) Gesichts-Identifizierung ins Spiel – in den USA bereits gang und gäbe.

Schlimmer noch: Selbst wer kein Mitglied von Facebook, WhatsApp oder Instagram ist, könnte in die Fänge der Saugnoppen-Arme des Datenkraken geraten. WhatsApp-Nutzer wurden aufgefordert, bis zum 25. September 2016 neuen Nutzungsbedingungen und einer neuen Datenschutzerklärung zuzustimmen. Mit denen sollten die Nutzer jedoch die Weitergabe ihrer Telefonnummer und der Telefonnummern ihrer gespeicherten Kontakte (auch von Nicht-Facebook- und Nicht-WhatsApp-Nutzern) an Facebook und seine Tochterunternehmen erlauben. Wer nicht zustimmte, wurde von dem Messengerdienst ausgesperrt.

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