
Auf einen Klick
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Waiblingen. In Waiblingen schlug ein Betrunkener einem Polizisten eine Flasche über den Kopf, bei einer Krawalldemo brannte ein Uniformierter, beim Alten Postplatz kam es zu einer Schießerei und, ach ja, das neue Einsatztrainingszentrum der Polizeidirektion Waiblingen wurde eingeweiht.
Eben noch sind sie festlich-friedlich beieinander gesessen, Prominenz dicht an dicht, ein Bläserquintett des Landespolizeiorchesters hat den „Banditengalopp“ von Johann Strauß gespielt, es gab Grußworte, Dankesworte, Lobesworte, eben noch hat Innenminister Reinhold Gall die Arbeit der Polizei gepriesen, hat PD-Leiter Ralf Michelfelder erklärt, wie wichtig so ein Trainingszentrum ist, hat sein Stellvertreter Peter Hönle, der diese Übungsstätte entscheidend mitkonzipierte, hauchdünn den Kampf gegen die Tränen der Rührung gewonnen, als Landrat Fuchs ihm ein gelbes Verkehrsschild überreichte mit der Aufschrift „Pit Hönle Sondergebiet“, eben noch war all das nicht mehr als ein stimmungsvolles Gebäudeeinweihungsritual. Und im nächsten Moment kracht die Welt aus den Fugen.
Die Tore der Halle fliegen auf, ein Auto, dicht gefolgt von einem Polizeiwagen, rast herein und kracht in einen Stapel Reifen, inmitten eines sinneverwirrenden Durcheinanders aus Quietschen, Motorenlärm und Sirenengeheul öffnet sich die Fahrertür, ein Betrunkener torkelt heraus, Gebrüll, Gedrängel – und bevor der Beobachter recht erkannt hat, was der Besoffene da in der Hand hält, hat der die Bierflasche auch schon mit Brachialgewalt auf dem Schädel eines Polizisten zerschmettert, ein Glitzerregen aus Splittern, der Uniformierte sinkt zu Boden, ein Handgemenge . . . und dann haben sie ihn im Griff: Sie drücken ihm den Kopf auf die Brust, drängen ihn in den Streifenwagen. Und der Beobachter merkt, dass ihm der Atem gestockt hat, bloß daran, dass er, als alles vorbei ist, nach Luft schnappt.
Okay, die Flasche war aus einem leicht berstenden Zucker-Chemikaliengemisch. Okay, das war alles nicht echt. Okay, der Geist hat theoretisch von Anfang an gewusst: Dies ist nur eine Trainingssequenz.
Aber praktisch hat der Geist, sobald die Ereignisse sich zu überstürzen begannen, den Betrieb eingestellt und das Kommando dem Bauch überlassen, dem Rückenmark, der Adrenalinpumpe, den vibrierenden Nervensträngen.
Das Einsatztraining, das alle Polizisten des Rems-Murr-Kreises hier absolvieren, ist wie Theater, so professionell wie die Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg. Aber zur Aufführung kommen keine Kriminalromane, sondern Extremsituationen, die sich in der Polizei-Praxis irgendwo in Baden-Württemberg schonmal ereignet haben – und das Drehbuch kennen nur die „Regisseure“: die Ausbilder. Die „Schauspieler“ müssen ihr Können und Wissen situativ anwenden, in Sekundenschnelle. So simulieren sie den Ernstfall. Die Inszenierung ist so intensiv, dass die Grenze zwischen Übung und Realität zerfließt. Den Stress, das desorientierende Chaos aus strudelnden Sinneseindrücken, die Irritation durch nur schemenhaft wahrnehmbare Bewegungen am Rande des Blickfeldes, die Wucht der Geräusche, die ansatzlos eruptive Eskalation: All das müssen die Beamten zu kontrollieren lernen. Ein Puls von mehr als 160 führt zu einer „eingeschränkten Wahrnehmung“, erklärt Peter Hönle.
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