Waiblingen Polizei: Wer wärmt endlich den Chef-Sessel?

Peter Schwarz, 15.01.2016 00:00 Uhr
Die Polizei im Präsidium Aalen (das Rems-Murr-Kreis, Kreis Hall und Ostalbkreis umfasst) hält seit fast einem halben Jahr gespannt Ausschau nach einem Nachfolger von Ralf Michelfelder. (Archivbild) Foto: Büttner / ZVW
Die Polizei im Präsidium Aalen (das Rems-Murr-Kreis, Kreis Hall und Ostalbkreis umfasst) hält seit fast einem halben Jahr gespannt Ausschau nach einem Nachfolger von Ralf Michelfelder. (Archivbild)Foto: Büttner / ZVW

Aalen/Stuttgart. Null-Nachricht aus dem Innenministerium: „Es gibt eigentlich nichts Neues.“ Seit dem 15. August 2015 hat das Polizeipräsidium Aalen keinen Chef mehr – Ralf Michelfelder ist an die Spitze des Landeskriminalamtes gewechselt, ein Nachfolger wurde noch nicht benannt. Komisch. Woran liegt’s?

„Nichts Neues“ – journalistisch hohe Schule ist das eigentlich nicht, einen Artikel mit solch einer Info zu beginnen. Nachrichtenwert messen Medienmacher sonst vor allem dynamischen Entwicklungen, dramatischen Ereignissen, ungewöhnlichen Phänomenen bei: Mann beißt Hund, Pegida spendet für Flüchtlingskinder, S-Bahn kommt pünktlich; so in der Art. Aber manchmal kann „nichts Neues“ eben doch ein Aufreger sein: Seit etwa einem halben Jahr bleibt der Chefsessel im Polizeipräsidium Aalen kalt. Nur mal so zum Vergleich: Als Ende Februar 2005 Veronica Halach, die Leiterin der Polizeidirektion Waiblingen, in Pension ging, stand am 1. März ihr Nachfolger Ralf Michelfelder auf der Matte.

Nun gut, dass es einen nahtlosen Übergang diesmal nicht geben würde, hatte bereits Ende Juli ein Sprecher des Innenministeriums auf Zeitungsfrage angekündigt. Das war im Ansatz auch verständlich: Michelfelder war recht kurzfristig gen LKA entschwebt. Der Sprecher erklärte damals: Erst müsse man eine Stellenausschreibung veröffentlichen, dann Bewerbungsfrist einräumen, die Bewerbungen sichten, im einen oder anderen Fall wohl erst noch eine aktuelle Dienstbeurteilung erstellen, eine Nummer 1 küren, das Kabinett informieren . . . der Sprecher bat um Geduld, das könne dauern; und zwar wohl „einige Wochen“.

Im Nachhinein wirft das eine Frage auf, die wir damals naiverweise nicht gestellt hatten: Was bedeutet „einige“? Etwa „25 plus x“? 25 Wochen nämlich ist das Telefonat her. Und dieser Tage gab es auf unser Nachhaken erneut nur vage Auskunft: Die Bewerbungsphase sei „abgeschlossen“, eine Entscheidung noch „nicht gefallen“, das „Verfahren dauert an“. Möglicherweise sei in den „nächsten zwei, drei Wochen“ mit einem Ergebnis zu rechnen, das sei aber „definitiv noch offen“. Warum zieht sich das so? Nun, erklärt der Sprecher: ausschreiben; Fristen; sichten; Beurteilungen . . . das kommt uns bekannt vor.

Zwei Jahre Präsidium Aalen: Die halbe Zeit ohne richtigen Chef

Das Phänomen irritiert aus zwei Gründen. Erstens: Das Polizeipräsidium ist keine Klitsche, sondern ein Apparat mit etwa 1600 Personalstellen – auch ohne Chef wird das laufende Geschäft mit Sicherheit gut erledigt, aber an strategische Weichenstellungen ist derzeit eher nicht zu denken. Zweitens: Das PP Aalen, entstanden durch die Zusammenlegung dreier Direktionen während der Polizeireform, hat erst im Januar 2014 den Betrieb aufgenommen. So eine junge Einrichtung, bei der viele Abläufe erst noch installiert und nach Anfangserfahrungen oft nachjustiert werden müssen, braucht eigentlich eine stabile Führungsstruktur besonders dringend. Passiert ist das Gegenteil: Der designierte Chef Michelfelder konnte im Januar 2014 nicht durchstarten, er lag erst mal ein halbes Jahr auf Eis. Gegen das Procedere bei der Auswahl der neuen baden-württembergischen Präsidenten hatte es nämlich eine Klage gegeben – erst im Juli 2014 durfte Michelfelder sein Büro beziehen. Mit anderen Worten: Ein halbes Jahr Hängepartie, ein Jahr Michelfelder, ein halbes Jahr Vakanz – wollte man das künftig so weiterführen, könnte man eigentlich auch eine 50-Prozent-Kraft einstellen, einen Frühstückspräsidenten sozusagen.

Auch andere Witzeleien kursieren: Michelfelder sei halt so unersetzlich, dass es künftig überhaupt keinen Nachfolger gebe. Oder: Niemand wolle eben nach Aalen, das sei so weit im Osten, das dahinter bloß noch der Rand der Welt komme – Ellwangen und die fränkische Grenze.

Aber ernsthaft: Woran klemmt’s? Da können wir nur fabulieren. Vielleicht steht derzeit an Nummer 1 der Liste jemand, der das Innenministerium nicht glücklich macht? Die Kandidatenrangfolge darf nämlich nicht nach Gusto zusammengebosselt werden. Angenommen, ein sympathischer und patenter Revierleiter würde sich bewerben – er müsste zwingend hinter einem Konkurrenten eingestuft werden, der auf der Hierarchieleiter weiter oben kraxelt, schon mal eine Direktion geleitet oder einen Vize-Posten in einem Präsidium bekleidet hat. Der Großkopf hätte aus formalen Gründen immer die Nase vorn, selbst wenn er keinen guten Ruf genösse. Aber Achtung: pure Spekulation, wie gesagt.

Bitte keinen bloßen Zwischendurch-Präsi

Klar ist nur so viel: Bitter nottäte ein Chef, der die Position in Aalen nicht nur als Durchlauferhitzer und Karriere-Zwischenstation betrachtet, als Sprungbrett, von dem aus er in zwei, drei Jahren gleich wieder weiterfedern kann. Das Präsidium braucht nach den komplizierten ersten beiden Jahren dringend Kontinuität, sprich jemanden, der in dem Amt mindestens eine Lebensabschnittsaufgabe sieht.

Abschließende Frage an den Sprecher des Innenministeriums: Wird die Stelle wenigstens – wir sind ja bescheiden – definitiv noch vor der Landtagswahl im März besetzt? „Davon gehe ich ganz fest aus.“

Interimslösung

„Das kopflose Präsidium“: Es ist uns schwergefallen, auf diese Überschrift zu verzichten. Wir mussten aber einsehen: So hübsch das Wortspiel ist – es wäre unfair. Es gibt ja auch ohne Präsidenten ein kompetentes Führungsteam. Das PP Aalen setzt sich aus drei Direktionen zusammen, jede dieser Untereinheiten hat einen Chef: Volker Schindler leitet die Direktion Polizeireviere, Rainer Möller die Kriminalpolizeidirektion, Ottmar Kroll die Verkehrspolizeidirektion. Hinzu kommt Peter Hönle, Leiter des Führungs- und Einsatzstabes.

Der Präsident würde normalerweise sozusagen über allem schweben, sich unter anderem um mittelfristige strategische Ausrichtungen kümmern und die Polizei auch nach außen repräsentieren. Seine Funktionen übernimmt derzeit Vizepräsident Schindler quasi nebenbei. Der 61-Jährige war vor der Reform fünf Jahre lang Leiter der Polizeidirektion Aalen, er ist ein absolut gestandener Polizeiführer.

Klar ist aber auch: Das Führungsteam hat schlicht eine Person weniger als gewünscht und vorgesehen.

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Kommentare (5)
Annegret Pichler • vor 12 Monaten
Wenn an mehreren Orten gleichzeitig Theater ist, wird die Polizei de facto überfordert sein. Hat man ja in Köln gut gesehen. Dann wünsche ich mir eine Gesetzesänderung, erst recht bei Straftaten von Flüchtlingen.
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Bürger • vor 12 Monaten
Die Stelle des Präsidenten ist zwar auch wichtig, aber wichtiger wären mehrere Beamte auf der Straße. Aber wirklich mehrere Beamte und nicht nur auf dem Papier. Bei der Polizeireform wurden den Bürgen mehrere Beamte auf den Straßen zugesichert. Der Polizeikopf sollte verkleinert werden. Nun wurden mehrere neue "Wichtige" Stellen geschaffen und die Dienstgruppen und Ermittlungsdienste stehen immer noch mit der gleichen MItarbeiterzahl wie vor der Reform da. Der Polizeiapperat läuft ja auch ohne den Präsidenten, wie bereits schon mehrere Monate bestätigt und bewiesen. Trotzdem iregdnwie ein Armutszeugnis, dass es solange dauert bis diese Stelle besetzt wird. Es muss ja auch eine lange Entscheidung gewesen sein, Herrn Michelfelder als LKA Präsidenten zu ernennen. Warum hatte man sich dann nicht bereits Gedanken über die Neubesetzung des PP Aalens gemacht?
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Jürgen • vor 12 Monaten
Viel wichtiger wäre es, dafür Sorge zu tragen, dass wieder mehr Polizisten auf der Straße unterwegs sind. Die Polizeidichte in BaWü beträgt 1:452, das heißt, rein statistisch ist ein Polizist für 452 Bürgerinnen und Bürger zuständig. Damit ist das Ländle ganz hinten. Im Vergleich hierzu liegt der Bundesschnitt bei ca. 1:370. Das ist ein unhaltbarer Zustand.
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Malschaun • vor 12 Monaten
Falls Sie jemanden suchen der nur 8 Stunden am Tag den Sessel wärmt ,wäre ich bereit den Job zu übernehmen.
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Marius Malschaun • vor 12 Monaten
Hey, ich war zuerst da :-)
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