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Waiblingen Polizistinnen wollen keine Extrawurst

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Waiblingen. Ob Charlotte Lindholm, Lena Odenthal oder Inga Lürsen: Im Fernsehen ermitteln immer mehr Tatort-Kommissarinnen. Auch im echten Leben ist die Zahl der Polizistinnen gestiegen. Und das ist gut so, finden Renate Rösch, Einstellungsberaterin beim Polizeipräsidium Aalen, und die Beauftragte für Chancengleichheit, Gudrun Maier. Anders geworden sei dadurch nicht zuletzt die Kommunikation: „Es tut allen gut, dass Männer und Frauen bei der Polizei arbeiten.“

Rund 1500 Polizisten arbeiten beim Polizeipräsidium Aalen, 300 von ihnen sind Frauen. Seit mehr als 100 Jahren gibt es Frauen bei der Kriminalpolizei, aber erst seit 1987 sind sie bei der Schutzpolizei zugelassen. Entsprechend niedrig fällt der Frauenanteil bei den Führungspositionen aus: Nach Angaben von Gudrun Maier haben beim Polizeipräsidium Aalen nur 20 Frauen (acht Prozent), aber 243 Männer (92 Prozent) eine Führungsfunktion. Im höheren Dienst kommen auf 89 Männer in Chefsesseln gerade mal drei Frauen mit Führungspositionen. Da bleibt für Gudrun Maier und Renate Rösch noch viel zu tun. „Frauen haben noch gut Luft nach oben“, stellt Gudrun Maier fest. Dies sei allerdings ein gesamtgesellschaftliches Problem. Grundsätzlich stünden Männern und Frauen alle Bereiche und Jobs bei der Polizei offen. Gudrun Maier: „Frauen und Männer machen genau das Gleiche, sie haben die gleiche Ausbildung und sie bringen die gleichen Voraussetzungen mit.“ Letztere liegen in Zahlen gemessen bei mindestens 1,60 Meter Körpergröße und 50 Kilo Gewicht. Der Bodymaßindex darf nicht unter 18 und nicht über 27,5 liegen, sagt Renate Rösch, die als Einstellungsbeauftragte für Nachwuchswerbung der Polizei zuständig ist.

Wenn Frauen mit randalierenden Männern klarkommen müssen

Denn wer zur Polizei geht, muss fit sein. Und sich notfalls durchsetzen können. Mit der schweren Einsatzausstattung müssen Frauen ebenso klarkommen wie mit randalierenden Männern, die sie unter Umständen auf Streife antreffen. Eine Sonderbehandlung für Frauen gibt es nicht – und die wollen sie auch nicht, weiß Renate Rösch. „Männer wie Frauen haben während ihrer Ausbildung Sport und Selbstverteidigungselemente und lebenslang Schießtraining. Dazu kommen Spezialprogramme wie Amoktraining oder Gewalt gegen Polizeibeamte.“

Frauen, die nachts Streife fahren, Frauen, die schwere Einsatzgeräte tragen und in brenzligen Situationen ihren Mann stehen: Solche Frauen brauchen Durchsetzungskraft. Klarkommen müssen sie zudem auch mit vielen männlichen Kollegen und Vorgesetzten. Nicht immer verläuft das ohne Probleme. Renate Rösch erinnert sich aus ihrer Zeit als Beauftragte für Chancengleichheit bei der früheren PD Waiblingen an einen Mobbingfall, bei der sich eine Frau von ihren Kollegen ständig doppelt kontrolliert fühlte. Auch Gudrun Maier kennt Mobbingfälle, wobei die Wahrnehmung von Mobbing ihrer Erfahrung nach sehr unterschiedlich ist. Manches habe sich hier auch geändert. „Frauen, die heute im Streifendienst arbeiten, positionieren sich klar“, sagt die Beauftragte für Chancengleichheit. Die ersten Frauen, die diesen Männerberuf ergriffen, hätten sich vielleicht noch dem rauen Ton der Männer angepasst. Heute gibt es ihrer Erfahrung nach aber gerade wegen der Frauen eine neue Gesprächskultur bei der Polizei: „Es tut allen gut, dass Frauen und Männer bei der Polizei arbeiten.“ Auch bei der Kripo, bei der die Beamten mit belastenden Situationen, Leichen und Sexualdelikten klarkommen müssen: „Als die ersten Frauen kamen, hat das viel dazu beigetragen, dass man mehr über so etwas gesprochen hat“, sagt Maier: „Es ist super, dass Frauen zur Polizei gekommen sind.“

Im Alltag kann’s indes schon mal problematisch werden, wenn Polizistinnen schwanger werden. Denn Vertretungskräfte gibt es nicht – nur Umverteilung, sagt Gudrun Maier. Das mache sich in kleinen Revieren mit kleinen Dienstgruppen mit Mindeststärke besonders bemerkbar. Weil diese zwingend vorgegeben ist, müssen Beamte von anderen Gruppen aushelfen. Nach der Elternzeit zieht es die Frauen relativ schnell zurück. Die allermeisten von ihnen fangen wieder in Teilzeit an: 79 Prozent der Polizistinnen sind nach Angaben Maiers teilzeitbeschäftigt. Für sie gebe es Hunderte von Modellen, die für die Beschäftigten individuell angepasst seien. „Manche schaffen nur nachts oder am Wochenende, wenn der Mann zu Hause ist und auf die Kinder aufpasst. Manche morgens oder mittags ... Für so vielfältige Angebote muss man weit laufen.“

Eine Chefin in Elternzeit? Sie soll keine Exotin bleiben

In Elternzeit ist derzeit auch eine der drei Führungsfrauen im höheren Dienst. Geht’s nach Gudrun Maier und Renate Rösch, soll sie als Chefin keine Exotin bleiben. Derzeit erstellt Maier fürs Polizeipräsidium Aalen den Chancenplan, der im Sommer fertig sein soll. Fördern und fordern müsse das Ziel sein, sagt Renate Rösch. Konkret müssten mehr Frauen in den höheren Dienst gebracht werden, damit sie dann als Führungskräfte zur Verfügung stehen, ergänzt Gudrun Maier.

Zuallererst müssten Frauen aber dahingehend unterstützt werden, dass sie überhaupt Chefin werden wollen, meint sie. „Und das ist immer noch ausbaufähig.“

Neue Serie über Frauen bei der Polizei

  • Das Polizeipräsidium Aalen ist seit 2014 für den Ostalbkreis, den Rems-Murr-Kreis und den Landkreis Schwäbisch Hall zuständig. Die Vorgängerorganisationen waren die drei Polizeidirektionen Aalen, Schwäbisch Hall und Waiblingen. Das Polizeipräsidium hat seinen Sitz in Aalen, die Kriminalpolizeidirektion in Waiblingen. Zum Polizeipräsidium Aalen gehören zehn Polizeireviere, 32 Polizeiposten und ein Autobahnpolizeirevier.
  • Als Beauftragte für Chancengleichheit (BfC) ist die Angestellte Gudrun Maier für die Frauen und Männer des gesamten Bereichs zuständig. Früher hätten die Chancengleichheitsbeauftragten bei der Polizei den Ruf „von Emanzen“ gehabt, erzählt sie. „Aber wir waren nie der Meinung, dass alle Männer schlecht sind. Wir wollen gute Lösungen finden.“ Nicht überall sei angekommen, dass es nicht um Bevorzugung, sondern um Förderung gehe. Auch Kriminalhauptkommissarin Renate Rösch, früher BfC in Waiblingen, meint: „Mit Konfrontation erreicht man nichts.“
  • Wir interessieren uns für Frauen bei der Polizei und deren Alltag. Denn schon lange sind sie keine Paradiesvögel mehr. In einer losen Serie werden wir in den kommenden Wochen Polizistinnen vorstellen.
  • Über Chancen und Einstellungsbedingungen bei der Polizei informiert Renate Rösch am 15. Juni, um 16 Uhr bei der Polizei am Alten Postplatz. Um telefonische Anmeldung wird gebeten, unter ) 0 71 51/95 03 59.
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