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Waiblingen Der Mann, der Waiblingen zu Waiblingen machte

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Waiblingen. 24 Jahre lang hat er als Oberbürgermeister die Geschicke der Stadt geprägt, fast ebenso lang ist er im Ruhestand. Es geht ihm gut – und das sieht man. Offen und aufgeschlossen, agil und jung geblieben, genießt er gemeinsam mit seiner Frau Barbara sein Familienleben und interessiert sich noch immer für das politische Geschehen in Waiblingen: An diesem Mittwoch feiert Dr. Ulrich Gauss seinen 85. Geburtstag. Im Video: Dr. Ulrich Gauss, ehemaliger Oberbürgermeister und Ehrenbürger der Stadt Waiblingen wird 85.

Ulrich Gauss ist ein zufriedener Ruheständler. Das heißt keineswegs, dass er sich ins heimische Wohnzimmer am Oberen Rosberg zurückgezogen hat und keinen Anteil mehr am Leben anderer nimmt. „Man braucht ein offenes Herz für seine Umgebung“, ist er überzeugt. Zur Zufriedenheit gehöre, Veränderungen wahrzunehmen und zu begreifen, was besser und was schlechter geworden ist. Und besser geworden sei vieles, findet er.

"Die alte Stadt zum Mittelpunkt machen“

Ulrich Gauss, Jahrgang 1932, hat viel erreicht und vieles angestoßen in seiner Zeit als Stadtchef von 1969 bis 1994. Unter seiner Ägide entstanden unter anderem die Rundsporthalle, das Hallenbad, das Bürgerzentrum und der Naturpark Talaue, in dem zu Beginn seiner Amtsperiode noch die Kühe grasten. Einmalig findet er es noch heute, wie in den 70er Jahren die Stadt neu entstanden ist.

„Man musste die Ortschaften integrieren, die alte Stadt zum Mittelpunkt machen.“ Auch wenn heute ebenfalls Wohnungen fehlen: Die Wohnungsnot damals könne sich kaum einer vorstellen – in manchen Wohnungen hätten gleichzeitig mehrere Familien gelebt. Die Entwicklung der Infrastruktur habe eine Riesenrolle gespielt, auch wenn manches wie die Kläranlagen gar nicht wahrgenommen wurde. „Die aber war ein entscheidender Beitrag für Umwelt- und Gewässerschutz.“

Nach seiner Pensionierung meldete er sich nur noch einmal zu Wort

Nach seiner Pensionierung hat sich Ulrich Gauss nie mehr zur Waiblinger Kommunalpolitik zu Wort gemeldet. Mit einer Ausnahme: Als es um die Zukunft der Nikolauskirche ging, trat er dafür ein, dass die griechische Gemeinde die kleine Kirche übernehmen konnte. Es hatte ihn geärgert, dass das Gebäude keiner anderen religiösen Gruppe zur Verfügung stehen sollte.

Ansonsten fiel es ihm nicht schwer, sich zurückzuhalten. „Nur der soll mitreden, der die Möglichkeit hat, sich ausführlich zu informieren“, ist er überzeugt. Auch wenn er für Bürgerbeteiligung sei, finde er doch, er selbst solle zur Kommunalpolitik seinen Senf nicht mehr dazugeben.

Der Komplexität des Lebens geschuldet

Dass nicht selten auch Bürgerbeteiligungen auf wenig Interesse stoßen, weiß der frühere Oberbürgermeister aus eigener Erfahrung. Sogar bei der für Waiblingen wirklich wesentlichen Frage der Altstadtsanierung seien nur wenige Bürger zur Infoveranstaltung gekommen, und noch weniger hätten sich zu Wort gemeldet.

Offenbar habe niemand bessere Lösungen gehabt, meint er heute. Dass sich Menschen bei Auseinandersetzungen aber immer kompromissloser zeigen, führt Gauss auf eine Egozentrik zurück, die der Komplexität des Lebens geschuldet sei.

„Das Rad dreht sich weiter“

Er habe Kriegszeiten erlebt, in denen es um Existenzielles gegangen sein, als Bomben fielen und man die Kinder mit der Bahn aus der Stadt brachte, erinnert er sich. Heute aber sei man im persönlichen Leben oft bei den kleinen Entscheidungen überfordert.

Ob es um ein neues Auto gehe, um Computer, Finanzen oder die Erziehung der Kinder, das Leben werde immer unübersichtlicher. Dabei, beobachtet er, hätten sich die Menschen nie so sehr gegen neue Entwicklungen gewehrt wie jetzt: „Keine Zeit war so sehr auf Erhaltung aus wie unsere“, stellt Ulrich Gauss fest. Stillstand könne man deswegen aber nicht für richtig halten. „Das Rad dreht sich weiter“, ergänzt seine Frau Barbara, die Stillstand ebenfalls erdrückend findet: „Das ist der Tod.“

Fit mit Sport, Mähen und Holzhacken

Stillstand ist dem Ehepaar auch im eigenen Leben fremd. „Die letzten Jahre sind wahnsinnig schnell vergangen“, meint Barbara Gauss. Viel Zeit verbringen sie mit den Kindern und den drei Enkeln, lieben nach wie vor Opern und Theater – und ihr Haus am Bodensee, in dem sich die Großfamilie trifft und Ulrich Gauss beim Holzhacken und Grasmähen fit hält. Neben dem wöchentlichen Sport im VfL bei den Unruheständlern, versteht sich. Und der Gymnastik im Bayerischen Rundfunk morgens mit seiner Frau.

Zurückziehen wird sich Ulrich Gaus nun von einer anderen Aufgabe: Viele Jahre hatte er als Berater seiner verwitweten Schwester zur Seite gestanden, als diese von ihrem verstorbenen Mann Anteile der Ingelfinger Firma Bürkert geerbt hatte.

„Hier gehöre ich her“

Als sie selbst vor fünf Jahren verstarb, war es Aufgabe von Ulrich Gauss, den Unternehmensanteil seiner Schwester in eine gemeinnützige Stiftung zu überführen und dafür zu sorgen, dass diese – die Christian- Bürkert-Stiftung – zum Leben kam. Aus der Stiftungsorganisation scheidet er nun aus.

Ungebrochen ist sein Interesse an Waiblingen. Mit seinen ehemaligen Mitstreitern, den Bürgermeistern Klaus Denk und Hans Wössner, früheren Amtsleitern und Mitarbeiterinnen hat er sich jüngst mal wieder getroffen. Das hat er genossen, wie es ihm auch gefällt, Kontakte mit Bekannten und Bürgern zu haben. Seit fast 48 Jahren wohnt er nun in Waiblingen, und er findet es noch immer schön, hier zu leben. „Es ist schön zu sehen, wie sich die Stadt weiterentwickelt“, sagt er: „Hier gehöre ich her.“

Integration damals und heute

  • „Wir haben früher Ausländerarbeit betrieben“, sagt Alt-OB Ulrich Gauss. „Eins der schönsten Feste war Freundschaft der Nationen auf der Erleninsel.“
  • Auch jetzt gebe es einen großen Einsatz in der Bevölkerung, um den Zuzug der Flüchtlinge leichter zu machen. Allerdings sei die Integration bei großen kulturellen Unterschieden und einem starken Zuzug vieler auf einmal schwerer. „Es war richtig, dass die Bundesrepublik Hilfe angeboten hat, als die Not groß war und viele mit Booten übers Mittelmeer kam“, meint Ulrich Gauss.
  • Sehr schmerzlich sei es für ihn, wenn Bürger, denen es richtig gut geht, dafür kein Verständnis aufbringen. „Ich bitte diese Menschen, zu überlegen, dass auch sie von Not betroffen sein und auf Hilfe angewiesen sein könnten.“
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