Waiblingen Verneigung vor den „Gastarbeitern“

Andreas Kölbl, 20.10.2016 00:00 Uhr
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Drei vom Ausstellungsteam: Kulturchef Thomas Vuk, Museumsleiterin Tanja Wolf und Brigitta Szabo. Foto: Habermann / ZVW
Drei vom Ausstellungsteam: Kulturchef Thomas Vuk, Museumsleiterin Tanja Wolf und Brigitta Szabo.Foto: Habermann / ZVW

Waiblingen. Die Geschichte der „Gastarbeiter“, die vor allem in den sechziger Jahren aus Südeuropa nach Deutschland kamen, ist noch nicht umfassend erforscht. Die persönlichen Lebensgeschichten der ersten Generation wurden nie öffentlich erzählt. Die neue Ausstellung „Stimmen“ im Haus der Stadtgeschichte ist insofern eine Pionierleistung.

Video: Stimmen von Gastarbeitern zur Ausstellung in Waiblingen.

Sechs Männer und Frauen, die zwischen 1959 und 1971 ihre Heimatländer Griechenland, Italien, Spanien, Türkei, Jugoslawien und Ungarn verließen, um in Deutschland zu arbeiten, erzählen in bewegenden Video-Interviews von Abreise und Ankunft, vom schweren Start und vom langen, stillen Prozess, in dem sie in Waiblingen heimisch wurden. Selten wurde so authentisch, so persönlich vom Lebensweg dieser Generation berichtet. Guiseppe Scappichio erinnert sich, wie bitterlich er als damals 18-Jähriger unter Heimweh litt und vor lauter Fremdheit zwei Wochen lang „stumm wie ein Fisch war“. Die Griechin Sula Westendorf musste ihr erst einjähriges Kind bei der Oma zurücklassen. In den mütterlichen Trennungsschmerz mischte sich bereits beim Einschiffen in Piräus die Angst vor dem Unbekannten.

„Nach der vierten Klasse der Tochter war klar, dass wir alle bleiben“

Gezielt wurden zu Zeiten des Wirtschaftswunders Arbeitskräfte in den ärmeren Regionen Süd- und Südosteuropas angeworben. Bereitwillig ließen meist junge Menschen auf der Suche nach Arbeit Gesundheitsuntersuchungen über sich ergehen und wurden oft von vor Ort eingerichteten Anwerbeagenturen direkt auf Jobs in Deutschland vermittelt, meist als un- beziehungsweise angelernte Arbeiter. Vielfach machten sie die Jobs, die Einheimische nicht wollten, und gaben sich mit unterdurchschnittlichen Löhnen zufrieden.

Eigentlich alle „Gastarbeiter“ waren fest entschlossen, nach ein paar Jahren, wenn das Ersparte zur Gründung einer kleinen Existenz ausreichen würde, zurückzukehren. Doch Millionen sollten für immer bleiben. Wie Borbala Sipos, geborene Mago: Als Küchenhilfe und Nachtwache arbeitete sie im Kreiskrankenhaus, geplant waren nur ein oder zwei Jahre. Beim Heimaturlaub in Zagreb verliebte sie sich in einen katholischen Priester. Mihaly Sipos ließ sich aus dem Priesteramt entlassen und fand aufgrund seiner früheren Ausbildung eine Anstellung als Elektriker, ebenfalls beim Krankenhaus. Drei Kinder kamen zur Welt, und „spätestens nach der vierten Schulklasse der ersten Tochter war klar, dass wir alle bleiben“. Beide schafften bis zur Rente beim ersten Arbeitgeber. Wie hier waren es meist die Kinder, die den Ausschlag fürs Bleiben gaben, teilweise auch die politischen Verhältnisse wie die Franco-Diktatur in Spanien oder der beginnende Balkankrieg.

Die Ausstellung ergänzt die Video-Interviews mit Erinnerungsstücken der Interviewten. Solchen aus der Heimat wie ein von der Mutter besticktes Kissen, ein Band mit ungarischen Gedichten oder ein von Karaman Yayla von Hand abgeschriebener Koran. Und mit Stücke, welche die Zeit in Deutschland dokumentieren. Welche Ausstellung hat je Vergleichbares gezeigt wie das Schlüsselexponat: eine Metallfigur, die ausschließlich aus Fertigungsteilen der Firma Bosch besteht und die ein deutscher Arbeitskollege der Gastarbeiterin Chrisoula „Sula“ Westendorf zu ihrem 25. Betriebsjubiläum schenkte. Mit genau diesen Bauteilen arbeitete sie, seit sie mit 19 nach Waiblingen kam, 40 Jahre lang. Ein einzigartiges Zeugnis eines langen Arbeitslebens und einer gelungenen Integration.

„Selbstintegration“ ohne Deutschkurse

Diese geschah im Stillen, lange bevor der Begriff zu einem geflügelten Wort wurde oder Integrationskonzepte entwickelt wurden. Stadthistoriker Hans Schultheiß spricht daher von einer „Selbstintegration“, die keine Deutschkurse und erst recht keine Einwanderungspolitik kannte. Deutsch lernten die „Gastarbeiter“ im Kontakt mit Einheimischen, vor allem eben bei der Arbeit. In der Waiblinger Bevölkerung erkennt Borbala Sipos ihr „laufendes Wörterbuch“. Unterstützung erfuhr zum Beispiel der Türke Karaman Yayla durch die Stadt Waiblingen und seinen Arbeitgeber Stihl, die dem ehrenamtlichen Hoca (islamischer Religionsgelehrter) für das Ramadan-Fest die alte Gemeindehalle, für die Koranschule das alte Pumphäusle und einen Besprechungsraum als Gebetsraum zur Verfügung stellten. So geschah auf lokaler Ebene das, was auf höherer politischer Ebene unterlassen wurde.

Aktuelle Bezüge drängen sich auf. OB Andreas Hesky: „Heute sind es asylsuchende Menschen, die vor Krieg, Terror und Elend bei uns Schutz und eine Perspektive suchen. Stets haben diese Menschen Gastfreundschaft, Hilfe und Unterstützung durch die Waiblinger erfahren und tun dies auch heute noch.“ Die Ausstellung versteht sich ausdrücklich auch als Verneigung vor der Lebensleistung der ersten Gastarbeiter-Generation, die zum Teil 40 Jahre in deutsche Sozialsysteme eingezahlt und zum beeindruckenden Aufschwung der Wirtschaft in der Nachkriegszeit beigetragen hat. „Wir zeigen Pioniergeschichten“, sagt Kulturamtschef Thomas Vuk, „die unwiederbringlich verloren gehen, wenn sie nicht dokumentiert werden“. Durch die Interviews würden sie Teil des „kollektiven Gedächtnisses“ der Stadt.

Eröffnung

Die Ausstellung wird am Samstag, 22. Oktober, um 11 Uhr im Haus der Stadtgeschichte eröffnet und geht bis 29. Januar. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr.

Unsere Zeitung sucht weitere „Gastarbeiter“, die bereit sind, ihre Geschichte zu erzählen. Kontakt per E-Mail an andreas.koelbl@zvw.de.

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