Weihnachten 2016: Was gibt uns Halt? „In der Natur ist man entschleunigt“

Christian Siekmann, 24.12.2016 00:00 Uhr
Naturparkführer Dr. Manfred Krautter, Walter Hieber und Wolfgang Grabe (v. l.) darüber, wie die Natur ihnen Halt, Kraft und Ruhe gibt. Foto: Siekmann / ZVW
Naturparkführer Dr. Manfred Krautter, Walter Hieber und Wolfgang Grabe (v. l.) darüber, wie die Natur ihnen Halt, Kraft und Ruhe gibt.Foto: Siekmann / ZVW

Welzheim. Wenn Dr. Manfred Krautter Gedanken bewegen, erfreuen oder martern, dann kriegt er bei einem Spaziergang oder einer Wanderung „die Birne frei!“ Die Natur, die Umwelt, die Tiere, die Stille und die Schönheit des Waldes, der Täler, der Klingen und der Seen sind wohl nicht nur für die Naturparkführer Manfred Krautter, Walter Hieber und Wolfgang Grabe erdende Quellen der Ruhe, wo man auftanken kann. Die Natur ist eine Kraft, die Kraft gibt – und Halt.

Seit neun Jahren sind die drei Herren mit den grünen Westen als Naturparkführer im Schwäbisch-Fränkischen Wald unterwegs. Sie, egal welchen beruflichen Hintergrund sie haben, lieben die Natur und wollen diese Liebe, ihren Respekt und diese Freude teilen. Auch darum haben sie sich zu Naturparkführern, mit unterschiedlichen Talenten und Schwerpunkten, ausbilden lassen, um anderen Menschen die Natur näherzubringen, auf ganz unterschiedliche Art. Die Natur gibt ihnen Halt, ohne das überhöhen zu wollen, halten alle drei fest.

Kraft tanken und Beschwerden rauslaufen

„Ich wohne in einer wunderschönen Gegend“, sagt Wolfgang Grabe. Schon als Kind sei er gerne gewandert. Als Wanderführer, Limes-Cicerones und Naturparkführer könne er die Gegend, auf der man „ja permanent auf römischen Scherben gehe“, Bürgern und Touristen näherbringen. Als er noch berufstätig war, habe er Verantwortung gehabt, musste Entscheidungen treffen – auch Personalentscheidungen. Auf dem Rückweg abends habe er dann öfter mal angehalten. „Ich habe immer Stiefel im Auto“, sagt er. Dann ging es in den Wald, um Kraft zu tranken, die Gedanken zu sortieren und auch, um mitunter knifflige Entschlüsse zu treffen. Im Wald sein tat und tut ihm gut. Und was ihm guttue, das wolle er anderen zeigen und vermitteln.

Manfred Krautter klinkt sich ein. Wandern in der Natur sei ja fast wie Meditation – zumindest alleine oder in kleinen Gruppen. Wenn sie als Naturparkführer 30 Leute im Schlepptau hätten, „dann bedeute Natur auch mal Stress“, sagt er lachend. Im Wald könne man sich Beschwerden, auch mal körperlicher Art, „rauslaufen“, sagt Walter Hieber. „Mit jedem Schritt geht es einem besser“, ergänzt Wolfgang Grabe. Er wandere gerne alleine, alleine mit seinen Gedanken – und auch mit seiner Frau. In der Natur führe man mitunter „die besten Gespräche“ – und das mitunter stundenlang.

Der Wald erdet die Menschen

Er, Manfred Krautter, habe oft das Bedürfnis, „dringend in den Wald zu müssen“, sagt er, „ein paar Kilometer durch den Wald zu schlendern“. Walter Hieber führt auf neue Pfade: Es gehe ja nicht nur darum, selbst Halt zu finden, Kraft zu tanken. Er hat erlebt, dass sich Kinder und Jugendliche im Wald viel ruhiger verhalten. Der Wald erdet die Menschen, sagt er. Viele Kinder seien gar nicht mehr gewohnt, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Das überfordere sie. Im Wald fange irgendwann jeder an, etwas zu machen. Sie buddeln, graben, planschen, laufen, bauen Hütten. Im Wald könne man Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene erden, ist er sich sicher. Sein Motto: „Mehr Matsch!“

Hieber: ADS ist auch oft ein Natur-Defizit-Syndrom

Spielen dürfe nicht nur in geschlossenen Räumen stattfinden, sonst gehe die Verbundenheit mit und damit auch die erdende Kraft der Natur verloren. ADS sei auch NDS, Natur-Defizit-Syndrom, so Hieber. Die Natur biete Halt, sorge für Halt. Dort sei man verortet, geerdet, verwurzelt. Er zitiert die „Grüne Resilienz“, die Fähigkeit, Krisen mit Hilfe der Natur zu meistern. In der Natur, beim Wandern „sieht man die Dinge klarer“, sagt er. Man sei ausgeglichener, Glückshormone stellten sich ein, und natürlich schade ein Besuch im Wald auch nicht der körperlichen Gesundheit.

„In der Natur ist man automatisch entschleunigt“, sagt Manfred Krautter. Hier gebe es kein Rot und Grün, wie auf den Straßen und im täglichen Leben, keine Stopp- und Mach-Signale. „Kennen Sie einen hektischen Förster?“, fragt Wolfgang Grabe. Die meisten seien geerdet, ruhig und mit sich selbst im Reinen. Walter Hieber ist sich sicher: Wer Stress hat, Ruhe braucht, dem helfe bereits ein kurzer Besuch im Wald. Im Wald daddle man nicht rum, stellt Krautter fest. In der Natur könne man „das Drumherum vergessen“. Stimmt, findet Walter Hieber. „Im Wald kann man auch mal ohne Programm sein!“, das würde er auch Lehrern raten: Wer Brücken und Hütten baut, lerne auch Materialien, Physik und mehr kennen. Vielleicht könne die Natur auch wieder dazu beitragen, Neugier zu wecken – nicht nur bei Kindern.

„Die Natur relativiert vieles“

Wer beruflich gestresst sei, dem empfehlen die Naturfreunde eine 24-Stunden-Wanderung. Anstrengend, aber ungemein intensiv und lohnenswert, das hätten ihnen Teilnehmer versichert. Hieber stellt fest: Ein Brot ist nichts Besonderes für Kinder. Stockbrot hingegen sei faszinierend, ein Erlebnis. Brot und Feuer hätten etwas „Ursprüngliches“ – nicht nur für Kinder, ergänzt Grabe. Vielleicht seien das „verschüttete Sehnsüchte“, so Walter Hieber. Lagerfeuer zünden auch bei Erwachsenen. In der Natur könne man „mit einfachen Dingen glücklich sein“, so Wolfgang Grabe weiter.

Bei Spaziergängen und Wanderungen könne man kreativ werden. Dann hätten sie die besten Ideen, sagen die drei Männer. Gedanken würden geboren und könnten wachsen. Bevor man Dinge mit in die Wohnung oder ins Bett nehme, nehme man sie doch lieber mit in den Wald. „In der Natur kriegt man die Sachen in den Griff“, sagt Manfred Krautter. Einem Specht zu lauschen, das baue einen doch auf, weiß Walter Hieber. Begegnungen im Wald böten einem neue Zugänge, nicht nur zur Natur.

Ist er in der Natur, so Krautter, könne er, natürlich nicht nur dort, Probleme, Krisen und schlechte Nachrichten verarbeiten – nicht nur registrieren. „Man lässt die Welt nicht komplett hinter sich“, aber die Natur helfe. „Die Natur relativiert vieles“, sagt Walter Hieber, Fragen um Geld, Macht und mehr. Das kenne die Natur nicht.

Das tut gut

Wer Probleme oder Stress hat, der sollte in die Natur gehen, sagt Walter Hieber. Das habe er bei vielen Kindern und Jugendlichen erlebt. „Man hat gemerkt: Das tut ihnen gut!“

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