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Weinstadt/Winterbach Enorme Frostschäden im Weinbau

Weinstadt/Winterbach. Jahr für Jahr ist der „Leuchtende Weinberg“ ein Höhepunkt der Festles-Saison in Weinstadt. In der Nacht zum Donnerstag brannten im Remstal vielerorts Kerzen in den Wengert. Aber nicht, weil die Weingärtner etwas zu feiern gehabt hätten. Sie versuchten fast verzweifelt, den Frost zu vertreiben.

„Frostkiller“ nennen sich die Paraffinkerzen, die im Weinberg zu Hunderten angezündet werden müssen, um die Reben ein bisschen warm zu halten. Jörg Ellwanger gehörte zu denen, die sich die Nacht um die Ohren schlugen und ihren Reben einheizten, sagte eine Mitarbeiterin des Winterbacher Weingutes Ellwanger.

Hubschraubereinsatz in Heilbronn-Franken

Paraffinkerzen sind nur eine der Möglichkeiten, was Weingärtner gegen strenge Frostnächte unternehmen können. Überlegt wurde auch im Remstal, Hubschrauber aufsteigen zu lassen, um die kalte, in den Kuhlen gefangene Luft zu verwirbeln, sagt Albrecht Schurr, Leiter Direktvermarktung der Remstalkellerei. In der Region Heilbronn-Franken fand ein Großversuch zur Frostabwehr per Helikopter statt, der erste seiner Art in Württemberg. Er wurde vom Landwirtschaftsministerium unterstützt und wird von der Versuchsanstalt für Weinbau in Weinsberg wissenschaftlich begleitet. Das Ergebnis steht aus.

Weingärtner skeptisch beim Thema Helikopter

Das Landwirtschaftsministerium trägt 50 Prozent der Kosten von 7500 Euro je Hubschrauber. Allerdings sind viele Weingärtner recht skeptisch, zumal das Experiment als nicht erfolgreich gilt. Aus dem Heilbronner Raum werden starke Frostschäden gemeldet.

Frost erwischt Austriebe kalt

Im Remstal sind die Schäden ebenfalls enorm, sagt Albrecht Schurr nach einem ersten Blick in die Weinberge. Die schönen Tage vor Ostern waren für den Weinbau Fluch und Segen zugleich. Das warme Wetter sorgte für einen frühen Austrieb der Reben. Und die jetzt drei, vier Zentimeter langen Austriebe hat der strenge Frost kalt erwischt.

„Wie man hört, gibt es ziemliche Schäden“

„Es war nicht nur ein Streifschuss“, sagt Schurr. Es war „ein Volltreffer“, befürchtet Schurr. Er steht mit dieser Einschätzung nicht allein. „Wie man hört, gibt es ziemliche Schäden“, sagt Lisa Escher vom Weingut Escher in Schwaikheim. Die Tafeltraubenanlage in Schwaikheim habe es voll erwischt. Aber auch in den sieben Lagen der Eschers im Remstal, die ansonsten nicht besonders frostgefährdet gelten, seien größere Schäden zu verzeichnen.

Frost stellt Risiko für Weingärtner dar

„Teilweise katastrophal“ nennt Sylvia Häfner-Hutt die Schäden in den Weinbergen. Allerdings sei diese Einschätzung nur vorläufig. Denn erst in zwei Tagen sei wirklich abzusehen, welche Triebe abgestorben sind. Paraffinkerzen in den Weinbergen anzuzünden, daran habe das Remshaldener Weingut nicht gedacht. „Bringt’s was?“, laute die Frage, zumal man ja auch nicht immer genau wisse, welche Lage vom Frost besonders betroffen sein wird. Der Frost gehöre nun einmal zu den Risiken des Weingärtners.

Frostruten: "kleine Rückversicherung" gegen Kälteschäden

Der Mensch habe nun einmal keinen Einfluss auf die Natur. Häfners „kleine Rückversicherung“ gegen Kälteschäden sind sogenannte Frostruten, die sie beim Rebschnitt stehen ließe. So wie es ihr Großvater und wie es ihr Vater getan haben – und deretwegen sie von Kollegen oftmals belächelt wird. Denn diese Reservetriebe kosten der Rebe Energie. Allerdings im Fall der Fälle wie jetzt gebe es die Chance, dass die Frostruten einen kleinen Ertrag sichern.

Wie stark der Frost in der Nacht zum 20. April gewesen sein muss, zeigt die Tatsache, dass selbst Frostruten in Mitleidenschaft gezogen wurden und junge Reben, die im Wuchsrohr aus Plastik steckten, sogar noch Schäden davontrugen.

Weitere Tiefstwerte für die Nacht zum Freitag 

Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) fielen die Temperaturen in den Morgenstunden des Donnerstags weit unter den Gefrierpunkt. Den Tiefstwert der Temperaturen direkt am Boden registrierten die Meteorologen in Hechingen (Zollernalbkreis) mit minus 10,5 Grad. Heftigen Bodenfrost gab es auch in Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis) mit minus 8,4 Grad. In Stuttgart war es am Flughafen mit minus 7,7 Grad nicht viel wärmer. Auch im Rheintal sank die Temperatur auf minus 5,5 Grad in Rheinstetten (Landkreis Karlsruhe). Für die Nacht zum Freitag erwartete der DWD in Baden-Württemberg ähnliche Tiefstwerte, danach soll es weitgehend frostfrei bleiben.

Beregnung: Mittel gegen Frostschäden

Außer Paraffinkerzen und Hubschrauber ist auch die Beregnung von Obst- und Weinanlagen ein Mittel gegen Frostschäden. Der Nebel legt sich wie ein Eispanzer um die Blüten, setzt dabei Wärme frei und schützt die empfindliche Pflanze. Deshalb haben Erdbeer-Gärtner auch die besten Aussichten, mit einem geringen Ernteausfall davonzukommen. Sofern sie ihre Plantagen beregnen können. Im Weinbau hierzulande sind Beregnungen nicht üblich.

Häcker schätzt Schäden auf über 50 Prozent

Der Wein- und Obstbauer Ernst Häcker aus Großheppach schätzt die Schäden im Weinbau auf über 50 Prozent. „Wie abgebrüht“, beschrieb Häcker den Anblick der Triebe sehr anschaulich. Während der Ernteausfall im Weinbau auf der Hand liegt, seien die Auswirkungen beim Obst noch nicht abzuschätzen. Auf eine Prognose will er sich nicht einlassen, zumal alle Obstbäume in diesem Frühjahr so stark geblüht hätten, wie er es in seinem Leben noch nicht erlebt habe.

„80 bis 90 Prozent“

In Fellbach fielen die Temperaturen auf minus 5 Grad. Kellermeister Werner Seibold sprach gegenüber dem Südwestrundfunk von „massiven Schäden, die bei 80 Prozent, vielleicht sogar bei 90 Prozent liegen.“ Betroffen seien alle Lagen, auch beste Lagen: „Die Reben sind grade im Austrieb. Teilweise haben sich schon einige Blättchen entfaltet. Und die sind eben empfindlich gegen Frost.“ Mit der Folge, dass die Lese sehr viel bescheidener ausfallen werde als üblich. „Die Traubenmenge wird auf jeden Fall nur einen Bruchteil betragen.“

 

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