Welzheim Friedensgebet in der Sankt-Gallus-Kirche

ZVW, 05.12.2016 22:35 Uhr
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Impressionen vom Friedensgebet in Welzheim. Foto: Habermann / ZVW
Impressionen vom Friedensgebet in Welzheim.Foto: Habermann / ZVW

Welzheim. Das Friedensgebet in Welzheim ist etwas Besonderes und hat viele andere vergleichbare Angebote inzwischen überlebt. Martin Becker als treibende Kraft sorgt dafür, dass dem Friedensgebet nicht die Puste ausgeht. Alljährlicher Höhepunkt des Veranstaltungsreigens im Jahr ist, wie jetzt am Montagabend, die Adventsfeier mit schwäbischen Gutsle und türkischem Tee.

„Warum nur muss ich erleben, wie gerade unsere gemeinsames Europa und unsere Welt mit jedem Sonnenuntergang mehr und mehr verroht?“ Diese Frage stellte Martin Becker in seiner Predigt im gut gefüllten Gottesdienstraum, darunter der Landtagsabgeordnete Gernot Gruber und der Welzheimer Bürgermeister Thomas Bernlöhr. „Was höre ich immer lauter? Selber schuld! Dein Problem! Der Arbeitslose, die Kleinrentnerin, der Flüchtling, die Schwache … Es geht um das „reine“ Volk und den einzig wahren Glauben.“

Mit braunen Springerstiefeln werde der Ozean der Weisheit „besudelt“. Papst Franziskus habe gesagt: Jedes Geschöpf ist Gegenstand der Zärtlichkeit Gottes. Auf diese Weise wohne Gott selbst in jedem Geschöpf und offenbart sich durch diese in der Welt. „Und ich – und ich sehe: Aleppo, Mossul, Kobane, …“ Die russische Seele sagt nach Tolstoi: „Solange es Schlachthöfe gibt, wird es Schlachtfelder geben.“

Becker: Das Leben leben ist meine Bestimmung

Die Antwort auf diese Fragen lautet für Martin Becker, sich darum ständig zu bemühen, ganz Mensch zu sein. „Das ist meine Überzeugung. Ich bin Mensch geworden, weil Gott in mir Mensch sein möchte.“ In dieser Form möchte Becker zu dieser Zeit, an diesem Ort, auf diesem zerbrechlichen Staubkorn im Weltall spürbar sein. „Das Leben leben ist meine Bestimmung. Das Menschsein mein tieferer Lebenssinn.“ Gott wolle gelebt und so auf dieser Erde verehrt werden.

Der neue Imam der türkisch-islamischen Gemeinde in Welzheim, Ersin Günes, sang im christlichen Gotteshaus laut Übersetzung: „Und gedenke auch im Buche der Maria. Da sie sich von ihren Angehörigen an einen östlichen Ort zurückzog. Wir zogen einen Schleier zwischen ihr und ihnen. Und wir sandten Gabriel zu ihr. Der stellte sich ihr dar als ein wohlgestalteter Mensch. Sie sprach: „Siehe, ich suche Schutz vor dir beim Barmherzigen, rühr mich nicht an, so du ihn fürchtest.“ Er sprach: „Ich bin nur ein Gesandter von deinem Herrn, um dir einen reinen Sohn zu bescheren.“ Sie sprach: „Wie sollte ich einen Jungen bekommen, wo mich kein Mann berührt hat und ich tugendhaft bin?“ Gabriel sagte: „Also sei’s. Gott lässt dich wissen: Das ist mir ein Leichtes; und wir wollen ihn zu einem Zeichen für die Menschen machen und einer Barmherzigkeit von uns. Und es ist eine beschlossene Sache. Da war sie nun schwanger mit ihm. Und sie zog sich mit ihm an einen entlegenen Ort zurück.“

Gemeinsamer Kerzengang

Diakon Anton Weber wählte dazu anschließend die passenden Worte aus dem Evangelium von der Verkündigung Mariens. Und jeder Gottesdienstbesucher konnte daraufhin entscheiden, wie viel Gemeinsames in den Worten der Religionen steckt.

Beim gemeinsamen Kerzengang mit Gesang vereinten sich die Besucher zu einer einzigen großen Gemeinschaft: „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.“

Jeden Montag findet um 19 Uhr in der St.-Gallus-Kirche das Friedensgebet statt. Hier kann jede und jeder kurz aus dem Alltag heraustreten, durchatmen und durch Lieder, Gebete, Besinnung Ruhe und Gemeinschaft finden.

Gemeinschaft prägt das Friedensgebet

Gemeinschaft prägt das Friedensgebet, hinter der die ACK - die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Welzheim - steht: etwa durch die Möglichkeit, zu Beginn des Friedensgebetes Gebetsanliegen abzugeben, oder der gegenseitigen Handauflegung beim Segen. Gemeinschaft ist immer auch Gemeinschaft mit der globalen Welt, mit allen Menschen. Daher stehen immer auch politische Ereignisse und Herausforderungen und die Ökumene im Mittelpunkt.

Vom Friedensgebet ausgehend finden auch noch weitere Veranstaltungen statt: gemeinsame Abendessen, Begegnungen mit Menschen in der Moschee und beim alevitischen Kulturverein.

Entstanden war das Friedensgebet nach den Terroranschlägen von New York am 11. September 2001 und ist seither aus dem gesellschaftlichen und kirchlichen Leben im Welzheimer Wald nicht mehr wegzudenken.

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Kommentare (4)
Inge.Fluechtl@freie-schlappohra.hol.es • vor 1 Monat
Man kann nur hoffen dass auch alle Götter das Gebet erhört haben.
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deus lo vult • vor 2 Monaten
Super Sache - und nächstes Jahr halten wir eine christliche Messe in der Moschee ab.
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Ed Absurdrum deus lo vult • vor 1 Monat
Dann ist aber was los
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