Winnenden Bilder & Video: Das Amoklauf-Mahnmal steht

Regina Munder, 04.03.2014 11:40 Uhr
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125 Kilometer durch die Nacht: Am frühen Morgen hat das Mahnmal Winnenden erreicht. Im Laufe des Vormittags wurde der Ring vom Künstler Martin Schöneich und der Firma Paule aufgestellt. Foto: Gabriel Habermann / ZVW
125 Kilometer durch die Nacht: Am frühen Morgen hat das Mahnmal Winnenden erreicht. Im Laufe des Vormittags wurde der Ring vom Künstler Martin Schöneich und der Firma Paule aufgestellt.Foto: Gabriel Habermann / ZVW

Winnenden. Der stählerne Koloss wirkt schwerelos, wie er sanft durch die Luft schwebt und langsam auf seinem Platz im Stadtgarten landet. Nur die stramm gespannten Ketten am Autokran lassen ahnen, dass der Ring schwer ist – er wiegt acht Tonnen. Mit der Plastik verwandelt sich die geschotterte Fläche an der Albertviller Straße zur Gedenkstätte für die Opfer des Amoklaufs.


In nur dreieinhalb Stunden ist der Transporttross von Speyer, von der Schiffswerft Braun, in der Nacht nach Winnenden gefahren. Die Polizeieskorte legte ein ordentliches Tempo vor, 80 ist maximal zulässig. Zum Schluss wurde es noch etwas diffizil, die 7,25 Meter breite Ladung durch den Leutenbacher Tunnel zu bugsieren. Doch schließlich hörten Anwohner um 1.30 Uhr den Tieflader, wie er auf dem Parkplatz der Hermann-Schwab-Halle anhielt.

Dass beim Auf- und Abladen sowie beim Transport alles rasch und ohne Schäden abgelaufen ist, dafür sorgten zwei Profis aus dem Rems-Murr-Kreis: Manfred Eckstein aus Schwaikheim als Fahrer des achtachsigen, 20 Meter langen Tiefladers und Hans-Peter Winkelhock aus Kernen als Fahrer und Steuermann des Autokrans. Sie arbeiten seit 40 und 50 Jahren für die Spezialtransportfirma Paule aus Stuttgart. Nervenflattern kennen sie nicht.

Maßarbeit

Erst abladen, dann drehen


„Im Lauf der Jahre wird man ja immer ruhiger“, spricht Hans-Peter Winkelhock von Routine und Erfahrung. Manfred Eckstein sieht’s genauso, auch wenn er sagt: „So große, also in die Breite ausladende Transporte hat man nicht alle Tage.“ In Bezug auf den Anlass für die Gedenkstätte hofft er auch, dass so ein besonderer Transport nicht mehr erfolgen muss.

Nicht von ungefähr also hat Disponent Markus Schäfer den „besten Fahrer der Firma“ eingesetzt und damit Fingerspitzengefühl bewiesen. Es gibt schwerere Aufgaben für die Firma zu bewältigen, aber selten welche mit solch ernstem Hintergrund. So ist auch Künstler Martin Schöneich nach eineinhalb Stunden erleichtert, dass alles geklappt hat, und bedankt sich für die reibungslose Zusammenarbeit.

Martin Schöneich war beim Verladen seines Kunstwerks aus Cor-Ten-Stahl in Speyer dabei, fuhr dann nach Hause, um eine Weile zu schlafen, und erschien um 9.15 Uhr gestern in Winnenden. Darauf hatte die Firma Paule nur gewartet. Die beiden Lastwagen stellten sich nun auf die Albertviller Straße und während der Autokranfahrer Winkelhock Platten für seine ausfahrbaren Stützen verlegte und den Computer mit Daten wie Auslegerlänge und Kontergewicht fütterte, legte Martin Schöneich Kanthölzer und -eisen auf dem vorbereiteten Platz zwischen den Stadtgartenbäumen bereit, außerdem eine Flex und ein Schweißgerät. Mit schnellen, aber nicht hektischen Schritten rollte er drei lange Kabel ab, die er zu einer Stromleitung verband und beim öffentlichen WC einsteckte.

Um 10 Uhr dann steigt die Spannung und die Zahl der Zuschauer auf ungefähr 30. Viele, auch wenn sie nicht von der Presse oder von der Stadt sind, fotografieren. Vier blaue Rundschlingen legen Paule-Mitarbeiter um den Stahlring und hängen sie in die Haken am Ende von vier Ketten. Ganz sachte hebt Hans-Peter Winkelhock den Ring in die Höhe, so langsam, dass Manfred Eckstein noch gefahrlos auf der Ladefläche gehen und dem Kunstwerk schließlich einen lösenden Schubs geben kann.

Wie ein Raumschiff, allerdings bis aufs Brummen des Dieselmotors lautlos, senkt sich das Teil dann gen Erdboden, nur die „Füße“ liegen auf der falschen Seite. Um sie in die vorgesehenen Löcher zu bekommen, verändern die Paule-Leute zwei Kettenlängen an der Seite mit den Füßen. Wieder hebt Winkelhock den Kranhaken dezent an, und wie von Zauberhand dreht sich der Ring und die Füße können zu den verschalten Löchern bugsiert werden, in denen sie schließlich verschwinden. Da haben alle Beteiligten Maßarbeit abgeliefert. Später wird Krämer-Bau die „Fußlöcher“ mit Beton ausgießen und den Platz mit einer hellen Schicht Kalksplitt vollenden.

Stützen

Bis der Beton hart ist


Doch eins nach dem andern. Der Künstler ist am Dienstag Handwerker und Sicherheitsbeauftragter zugleich: Er flext zwei Metallstützen zurecht und schweißt sie unter die sich aufwölbende Stelle, so dass der Ring nicht kippt, wenn hier jemand seine Klimmzüge machen sollte. Sobald der Beton auf der anderen Seite hart ist, können die Stützen wieder entfernt werden. Die Bruchstelle des Rings befindet sich auf der Stadtgartenseite und ist Teil der Symbolik, also schon auf der Werft so gebaut, offen gelassen. Denkt man sich Ruhe, Gleichlauf und wiederkehrende Situationen als intakte Schule und Schulgemeinschaft, dargestellt von einem Ring, so hat der Anschlag vom 11. März 2009 das harmonische Gefüge reißen lassen. Das Sichaufbäumen eines Teils des Rings könne man als Mahnung deuten, aber auch als Hoffnungsträger, so Martin Schöneich im Interview mit unserer Zeitung am 13. Februar 2014.

Rost als feine Patina

„Würde man den Ring auseinanderziehen zur Säule, sie wäre 21 Meter lang“, sagt Künstler Martin Schöneich über das Werk, das die Gedenkstätte für die Opfer des Amoklaufs in Winnenden und Wendlingen darstellt. „Bisher habe ich Skulpturen gemacht, also auch selbst gebaut, die acht bis zehn Meter hoch waren, aber so ein großes Werk noch nie.“

Der gebrochene und sich an einer Seite nach oben krümmende Ring befindet sich am höchsten Punkt 2,60 Meter über dem Boden. Blickt man unter dem Stahlbogen durch, sieht man ein Stück von der Albertville-Realschule, an der das Attentat am 11. März 2009 begann.

Die nach Plänen von Schöneich arbeitenden Schiffsbauer haben amerikanischen Cor-Ten-Stahl verwendet, der nicht durchrostet, sondern nur anläuft. Sie hatten vom Künstler den Auftrag, die Schweißnähte abzuschleifen. Diese noch glänzenden Stellen werden rasch dieselbe braune Patina bekommen wie der Rest.

Die Stadt hat für einen Künstler-Wettbewerb eine Kunstkommission einberufen, in der unter anderem auch vom Amoklauf Betroffene mitentschieden haben. Für das Werk bekommt der Künstler 100 000 Euro – inklusive Material-, Transport- und Arbeitskosten.

 

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Kommentare (2)
ARS'ler Ist schon länger als 1 Jahr her
Für sehr viele Winnender ist es mehr als ein Stück Stahl...Vielleicht sollte sich mein Vorredner heute Abend mal die Doku auf 3Sat angucken um einmal die Sicht der betroffenen und Hinterbliebenen zu sehen damit ihm die Augen geöffnet werden...
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Karl M. Ist schon länger als 1 Jahr her
Halb so groß hätte den gleichen Effekt. Man würde Grünfläche in unserem Stadtgarten sparen und hätte gleich noch einen erheblichen Geldbetrag auf dem Konto. Für ein Stück Stahl habe ich nicht gespendet!
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