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Winnenden Geplante Asylbewerber-Unterkunft sorgt für Bedenken

Anwohner vom Eschenweg, einer von der Kastanienstraße, sind sauer auf Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth. Von links: Karin Jahnel-Mayer, Silke Kaiser, Thomas Kaiser, Gaby Fritz, Andrea Keck, Dr. Wolfgang Hirt, Thomas Keck, Petra Hirt, Norbert Gruber, Ingo Mayer. Im Hintergrund, besser gesagt hinter den Bäumen im rechten Bildhintergrund, befindet sich die Wiese zwischen Eschenweg und Waldfriedhof. Stadt und Paulinenpflege bieten sie dem Kreis an, um Wohncontainer für die Flüchtlingsunterbringung zu errichten. Foto: Munder / ZVW

Winnenden. Etliche Anwohner vom Eschenweg sind mit dem Vorgehen von Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth nicht einverstanden: Aus der Zeitung haben einige erfahren, dass auf der Wiese zwischen Eschenweg und Waldfriedhof Wohncontainer aufgestellt werden sollen. „Er hat uns nicht vorher informiert“, bemängelt Dr. Wolfgang Hirt.

Auslöser des Unmuts ist das Angebot der Stadt und der Paulinenpflege an den Landkreis: Auf der Wiese kann die Erlaubnis erteilt werden, Raumcontainer aufzustellen, um die wachsende Zahl an Asylbewerbern unterzubringen (wir haben am 14. August berichtet). Ein Rundschreiben oder ein Anhören der Anwohner vorher hat es nicht gegeben, was die Leute am stärksten bemängeln.

Neun Eschenweg-Anwohner kommen bei Wolfgang Hirt am Sonntagmorgen auf der Terrasse zusammen, um nun eben der Zeitung ihre massiven Bedenken gegenüber der Unterbringung von Flüchtlingen gerade hier, am Rand vom Schelmenholz, zu schildern. „Nach Ihrem Artikel haben sich ganz schnell 50 zusammengefunden“, sagt Ingo Mayer. Diese treibt vor allem die Frage um, wie viele Menschen dort untergebracht werden sollen, und wie lange. „Vielleicht werden es vier Jahre, aber ob das stimmt?“, sagt Silke Kaiser. Wer Nachrichten guckt und liest, kann wahrscheinlich nur sagen, dass es niemand weiß.

Wie viele werden kommen? 90 bis 130, wie der OB sagt?

Hirt und auch Norbert Gruber (er ist als Einziger von der Kastanienstraße herübergekommen) hatten bereits per E-Mail Kontakt aufgenommen zum Oberbürgermeister. Die Antworten haben sie nicht zufriedengestellt. Oder sie misstrauen ihnen offen. „Herr Holzwarth spricht von 90 bis 110 Leuten“, sagt Norbert Gruber. Wolfgang Hirt spitzt zu: „Ob 130 oder 150: Sobald der Bedarf steigt, wird das Ding aufgestockt.“ Erstens kenne er sich aus mit Wohncontainern. Als er 25 Jahre alt war, hat er in Dubai Sammelunterkünfte für Wanderarbeiter gemanagt, baulich geht das. Zweitens nimmt er den Flächenbedarf pro Asylbewerber von 4,5 Quadratmeter und pflastert die Wiese gedanklich zu. „Da komme ich auf 500 Leute, das sind zehn Prozent vom Schelmenholz. Und wir haben schon genug Probleme.“

Allerdings, sagt er, sei das Gelände gar nicht geeignet. „Schon als die Interimsschule hier stand, sind die Container abgerutscht“, so Hirt. Der Boden sei zu weich. Den Einwand, dass eine Baugenehmigung von der Stadt erteilt werde, sie somit die Maximalbelegung steuern könne, lässt er nicht gelten: „Vergessen Sie den Technischen Ausschuss.“

Gaby Fritz kommt auf einen anderen Aspekt zu sprechen, den der Pietät. Sie erzählt, dass ihr Sohn gestorben und auf dem Waldfriedhof begraben ist. „Du hältst es in deiner Trauer schon nicht aus, wenn Kinder und unsere deutschen Mitbürger lachen oder mit dem Handy rummachen“, sagt sie. „Ich will keine Asylanten und keine Trommler daneben haben.“

Ingo Mayer stört sich ebenfalls an der Nähe zum Friedhof. „Wir sind nicht gegen politisch Verfolgte und wir sind nicht rechts ausgerichtet“, betont er. Die Anwohner hätten die „Initiative Waldfriedhof Asylheim“ gegründet, deren Internetseite von Dienstag an freigeschaltet sein sollte: www.initiative-wa.de. „Dort richten wir auch einen Spendenknopf ein, das kommt dann den Flüchtlingen zugute“, so Ingo Mayer. Gaby Fritz bestätigt das: „Wir würden denen helfen, mit Fernsehern und anderen Dingen. Ich habe schon einen Kontakt zum Rathaus dafür. Der OB kann von uns viel Hilfe erwarten. Aber alle wären wir glücklich, wenn die Asylbewerber zum Beispiel auf dem runden Wunnebadparkplatz untergebracht wären.“ Oder in einem Industriegebiet. „Ich will sie nicht vor meiner Haustür.“

Auch Ingo Mayer findet die Nähe zu den Eschenweg-Häusern unpassend: „Hier wohnen keine armen Leute. Das muss für die Flüchtlinge wie ein Schock sein. Und unsere Gebäude verlieren an Wert.“ Andere aus der Runde werfen ein, dass sie befürchten, sich mit so vielen jungen Männern aus anderen Kulturen in ihrer Nachbarschaft nicht mehr frei bewegen zu können. Petra Hirt: „Ich sitze gern im Bikinioberteil im Garten. Aber nicht mehr, wenn ich mir vorstelle, dass ich dabei angeschaut oder gar gefilmt werde. Wenn ich mich das nicht mehr traue, geht es doch um mein Persönlichkeitsrecht.“ Andrea Keck würde ihre 15-jährige Tochter künftig vom Bus abholen. „Ich will niemandem etwas unterstellen ... aber allein das schränkt uns ein.“

E-Mails vom OB

Eschenweg-Anwohner Wolfgang Hirt leitet seine Mail-Korrespondenz mit Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth an unsere Zeitung weiter. Jener befindet sich zurzeit im Urlaub.

Hirt hätte sich ein Rundschreiben oder ein Treffen nur für die Anrainer gewünscht. So hat er das Gefühl, dass man nur noch darüber informiert werde, kein Mitspracherecht habe.

Holzwarth schreibt dazu: „So einen Vorschlag zu unterbreiten ist in der heutigen Situation Pflicht einer jeden Kommune - und kann nicht zuvor schon zu Ende diskutiert werden. Er muss ja erst mal ins Gespräch, an die Öffentlichkeit, an die Zeitung, und damit auch zu den Anwohnern.“

Holzwarth betont, dass bei einem Baugesuch durch den Landkreis „die Stadt am Drücker“ sei, will heißen: Der Technische Ausschuss des Gemeinderats legt die Maximalbelegung fest, die Art der Bebauung und die Abschirmung zum Friedhof. Und: „Im Rahmen des Bauordnungsrechts kann jedem Bauvorhaben von jedem Anwohner widersprochen werden.“

OB Holzwarth wollte und will die Anwohner informieren und anhören, bevor der Technische Ausschuss über das Baugesuch entscheidet – zuerst muss der Landkreis es vorlegen.

„Haben Sie ein Konzept?“, fragt Wolfgang Hirt und fordert Punkte wie Umzäunung, Überwachung, Abfallwirtschaft, Lärmvermeidung und ein Integrationskonzept ein. „All die Punkte sind zu klären. Glauben Sie mir, das haben wir vor“, so Holzwarth.

 

Cool bleiben

Ein Kommentar von Regina Munder

Dass die Anwohner vom Eschenweg aufgebracht sind, kann man ein Stück weit verstehen. Sie hatten mit der Jugendhilfe der Paulinenpflege lange eine schwierige Klientel in der Nachbarschaft. Und man braucht sich bloß zu fragen: Wie würde ich reagieren, wenn vor meinem Haus ein Containerdorf mit rund 100 Flüchtlingen aufgebaut würde? Dass Ängste und Unmut nur OB Holzwarth treffen, ist indes nicht fair. Es waren andere Politiker auf höheren Ebenen, die die Weichen nicht gestellt haben, die keine Lösungen gefunden haben. Die Kommunen müssen es nun ausbaden. Und da bittet Holzwarth die Bürger zu Recht, sachlich, nüchtern und konstruktiv zu bleiben.

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