Wo landet unser Müll Altkleider sind kein Abfall

Andreas Kölbl, 19.09.2015 00:00 Uhr
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Ilse Wurst, gute Seele der Rotkreuz-Kleiderkammer, zeigt gut erhaltene Babysachen. Foto: Steinemann / ZVW
Ilse Wurst, gute Seele der Rotkreuz-Kleiderkammer, zeigt gut erhaltene Babysachen.Foto: Steinemann / ZVW

Waiblingen. Die Mode von heute ist schon morgen von gestern. Angetrieben von Billigklamotten-Ketten regiert eine Wegwerf-Mentalität, die für Tonnen und Abertonnen Altkleider sorgt. Die beste Ware kommt in Second-Hand-Läden oder in Kleiderkammern. Wenn jedoch nicht akut Bedarf herrscht wie jetzt in der Flüchtlingskrise, wird der weitaus größte Teil nach Afrika exportiert.

Die steile Treppe hinauf zur Winnender Kleiderkammer steht voll mit Kleidersäcken. „Zur Zeit ist ganz viel los“, sagen Sozialleiterin Heidrun Woicke und Geschäftsführerin Hannelore Dombeck vom Ortsverein des Roten Kreuzes, „die Leute wollen spenden.“ Unzählige, unbezahlte Stunden werden die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen damit zubringen, die Ware zu ordnen und für den Verkauf vorzubereiten. Fein säuberlich nach Größe hängen T-Shirts, Hemden und Kleider an den Ständern, alles so ansprechend wie möglich präsentiert. „Fast wie im Modehaus“, sagt Ilse Wurst. Die Ehrenamtlichen wissen: Viele Bedürftige empfinden es als stigmatisierend, aus Geldmangel unter Altkleidern wühlen zu müssen. Menschenkenntnis und Fingerspitzengefühl sind daher mehr gefragt als Verkaufstalent. Das gilt auch in der Warenannahme: Wenn eine alte Dame mit 90 Jahren den nur einmal getragenen Hochzeitsanzug ihres Mannes bringt, bekommt sie die gebührende Wertschätzung.

Dringend: Jetzt sind Jacken und Hosen für Flüchtlinge gefragt

Gemeinnützigen Organisationen wie dem DRK wird oft vorgeworfen, sie würden nur vortäuschen, Altkleider für Katastrophengebiete und Bedürftige zu sammeln – und sie stattdessen gewinnträchtig nach Übersee exportieren lassen. Die aktuelle Flüchtlingskrise zeigt aber, wie der Vorwurf der „Altkleider-Lüge“ fehlgeht. Mehr denn je sind jetzt warme Jacken, Hosen und Winterschuhe gefragt. Die Malteser, die in der Erstaufnahmestelle Ellwangen mehr als 4000 Flüchtlinge versorgen, haben dringenden Bedarf. „Die Leute kommen in Sommerkleidung und brauchen warme Sachen“, sagt Geschäftsführer Klaus Weber. Im Rems-Murr-Kreis organisiert das Rote Kreuz die Verteilung. Wer spenden möchte, gibt gut erhaltene Kleider in den Kleiderkammern oder bei der DRK-Kreisgeschäftsstelle, Henri-Dunant-Straße in Waiblingen, ab.

Schätzungen zufolge liegt der Anteil von Kleiderklammern und Second-Hand-Läden am Altkleidermarkt in Deutschland bei nur drei Prozent. Was in die Container des DRK geworfen wird, geht – wenn nicht ausdrücklich als „Für Flüchtlinge“ gekennzeichnet – wie in „normalen“ Zeiten an den Textilverwerter Michael Sigloch aus Schwäbisch Hall, dessen Firma die 127 Altkleider-Container des Roten Kreuzes im Rems-Murr-Kreis leert. 600 000 Kilo sammelt das hiesige DRK pro Jahr. Ein großes Problem für in der Branche engagierte gemeinnützige Organisationen wie das Rote Kreuz, die Malteser oder die Johanniter sind ungenehmigte, von dubiosen Händlern aufgestellte Container. Diese haben entweder gar keine Kennzeichnung oder versuchen durch erfundene Symbole oder anrührende Slogans Gemeinnützigkeit vorzugaukeln. Hier trifft der Vorwurf der „Altkleider-Lüge“ tatsächlich zu.

Altkleider-Exporte nach Afrika: Fluch oder Segen?

Rund zehn Prozent des Containerinhalts sind illegal entsorgter Restmüll. Die von den Maltesern mit der Leerung beauftragte Firma Striebel musste aus Containern in Neustadt sogar schon angefaulte Schlachtabfälle entsorgen. Etwa ein Drittel der gesammelten Altkleider ist zu zerschlissen, um noch einmal getragen oder aufbereitet zu werden. Sie werden aufbereitet und zu Dämmmaterial, Putzlappen oder Vlies verarbeitet. Wer seine Wohnung streicht und gewissenhaft den Boden mit Malervlies auslegt, steht auf „stofflich verwerteten“, mit Folie unterlegten Altkleidern. Etwa 60 Prozent des Sammelguts jedoch wird wieder getragen, überwiegend in Afrika und Osteuropa.

Irgendwo zwischen Langeweile und Genervtheit changieren Michael Siglochs Gefühle über den Vorwurf der „Altkleider-Lüge“, besonders prominent vorgebracht 2011 durch eine gleichnamige ARD-Reportage. Danach zerstörten die massenhaften Altkleider-Exporte nach Afrika die dortige Textilienmärkte – und damit eine Vielzahl von Arbeitsplätzen. „In Wirklichkeit schaffen die Exporte viele Arbeitsplätze im dritten Sektor, in Handel und Logistik.“ Und dabei handele es sich um bessere Arbeit als die von „Fabriksklaven“ in einer verklärt dargestellten lokalen Produktion. Die Firma Gras und Sigloch verkauft die Sammelware für etwa 50 Cent das Kilo an importierende Großhändler. Ziele sind unter anderem Togo, Burkina Faso und Madagaskar. Meist direkt an den dortigen Häfen wird die Ware je nach Güte, Bedarf und Klimazone in weitere Regionen quer über den Kontinent vertrieben. In vielen dieser Länder könne eine große Textilproduktion gar nicht bestehen. Schon weil die Textilindustrie stets großen Bedarf an Wasser hat.

Hauptproblem ist die Billigware aus Indien und Bangladesh

Für die Malteser, die im Rems-Murr-Kreis etwa 50 Container-Standorte unterhält, sortiert und exportiert die Firma Striebel aus Langenenslingen die Ware. Das Problem der afrikanischen Textilindustrie besteht aus Sicht von Geschäftsführer Klaus Weber nicht in den Altkleidern aus Europa, sondern – neben politischer Instabilität und mangelhafter Infrastruktur - vor allem in Billigware aus Indien und Bangladesh. Wobei die Produkte für den afrikanischen Markt noch billiger und von noch schlechterer Qualität sind als die für europäische Verbraucher. Die Altkleider aus Deutschland sind im Vergleich dazu gut. Die Erwartung, Afrikaner sollten bunte folkloristische Gewänder tragen, erscheint als überhebliche Sicht aus der Kolonialzeit. Über die Altkleider-Exporte sagt Michael Sigloch: „Wir geben den Leuten die Chance auf günstigen Konsum.“

Die ganze Serie unter www.zvw.de/muell

Annahmestelle und Verwendungszwecke

Das Rote Kreuz nimmt gerne Kleiderspenden für Flüchtlinge an. Gefragt sind vor allem warme Sachen für Männer. Die Kleidung sollte sauber und tragbar sein. Annahmestellen: Schorndorf, Lortzingstr. 48, 07181/4 50 45 (Annahme 19. September von 13 bis 19 Uhr); Winnenden, Brunnenstr. 19, 07195/6 50 68; Welzheim, Schlossgartenstr. 88/1, 07182/22 70. In Waiblingen soll demnächst eine Kleiderkammer eröffnen, derzeit können Spenden beim Kreisverband, Henri-Dunant-Str. 1,
07151/2 00 20, abgegeben werden.

Auch wenn nicht akut Bedarf besteht wie jetzt, sammelt das Rote Kreuz trotzdem Altkleider. Denn: „Die Altkleidersammlung ist auf der einen Seite eine wichtige Säule zur Finanzierung der ehrenamtlich geprägten sozialen Arbeit. Andererseits erhalten wir dadurch auch die gut erhaltene Kleidung, die mehr als eine Million Bedürftige pro Jahr in unseren Kleiderkammern oder DRK-Secondhand-Shops umsonst oder gegen eine geringe Schutzgebühr erhalten.“

Im Rems-Murr-Kreis finanziert das Rote Kreuz Gruppenarbeit, Katastrophenschutz und die Krebsnachsorge-Gruppen mit Erlösen aus dem Altkleider-Verkauf. Jährlich sind dies etwa 30 bis 40 000 Euro. Die Erlöse aus Altkleider-Sammlungen fließen direkt an die Ortsvereine.

Fair-Wertung beurteilt die Altkleider- Exporte differenziert: „Das Sammeln, Sortieren und Verkaufen von Gebrauchttextilien sichert weltweit vielen Menschen Arbeit und Einkommen. In vielen Importländern bietet der Secondhand-Handel besonders Frauen und Jugendlichen ohne Berufsabschluss eine Verdienstmöglichkeit. Allerdings hat der Gebrauchtkleiderhandel Auswirkungen auf das Schneiderhandwerk. Vielfach haben sich Schneiderinnen und Schneider daher auf das Umarbeiten von Secondhand-Kleidung oder das Herstellen von neuen Kreationen aus Gebrauchttextilien spezialisiert.“

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