Wo landet unser Müll An der Papier-Autobahn

Andreas Kölbl, 25.09.2015 00:00 Uhr
Ohne Pause jagen Zeitungen und Prospekte über das Band. Wer hier arbeitet, darf nicht schwindelanfällig sein. Foto: Schneider / ZVW
Ohne Pause jagen Zeitungen und Prospekte über das Band. Wer hier arbeitet, darf nicht schwindelanfällig sein.Foto: Schneider / ZVW

Waiblingen. Im Eisental türmen sich Berge auf. Berge aus Papier und Karton. Das gesamte Altpapier aus Stuttgart sowie den Landkreisen Esslingen und Rems-Murr häuft sich in der Sortierhalle der Firma Alba. Der Konzern, zu dem die Waiblinger Niederlassung gehört, ist einer der Riesen der Entsorgungs- und Recyclingbranche.

Tief gräbt sich der Bagger in den Papierberg. Wie ein alpines Raupenfahrzeug mit dem Schnee kämpft er mit Zeitungen, Werbeprospekten und Pappe. Schiebt Fuhre um Fuhre höher hinauf zum Gipfel, gerät immer wieder in Steillage und droht zu kippen. Staub liegt in der Luft, senkt sich als salziger Geschmack auf die Lippen und trocknet sie aus. 120 000 Tonnen Altpapier und Karton landen jährlich bei der Alba-Papiersortierung. Jeden Tag schütten 20 bis 30 Lastwagen ihre Ladung in die Halle. Material aus Blauen Tonnen, Depotcontainern und von Gewerbebetrieben. Manchmal rufen Leute bei Alba an, weil sie aus Versehen ihren Ehering in den Container geworfen oder bei Omas Haushaltsauflösung ein Buch nebst darin versteckten Banknoten entsorgt haben. Dann wird der entsprechende Container eine Weile geparkt, der Suchende darf darin wühlen. Zwar scheint die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen einfacher, doch sowohl der Ring als auch das Buch wurden gefunden.

Alles ist in schneller Bewegung. Gabelstapler, Schwenkkran und anliefernde Lastwagen folgen einer undurchschaubaren Choreografie. In einem unaufhörlichen Strom schießt auf dem Förderband Papier zur Sortierstation, an der drei Männer von Hand Kartonagen und Plastik herausfischen. Schon von ein paar Minuten Zuschauen kann’s einem schwindlig werden vom Anblick der vorbeisausenden Massen. „Die Leute, die hier arbeiten, müssen richtig taff sein und brauchen einen stabilen Kreislauf“, sagen die beiden Niederlassungsleiter Jochen Reinhard und Halil Eroglu anerkennend. Letzterer fing hier selbst vor 20 Jahren als Ferienjobber an. Gearbeitet wird im Dreischichtbetrieb, die Vormittagsschicht geht von 6 bis 14 Uhr – nur für eine halbe Stunde steht das Band dazwischen still. So mancher hier macht den Job schon seit mehr als zehn Jahren. Letztlich ist sogar das Gewohnheitssache.

In Papierfabriken löst Chemie die Farbe aus den Druckerzeugnissen

Sortiert wird außer von Hand in der High-Tech-Sortieranlage mit Rüttlern und Spikes, die Kartonagen aus den Fluten pieksen. 55 verschiedene Papiersorten unterschiedlicher Qualität – zum Beispiel mit mehr oder weniger Anteil von Karton – gehen später an Papierfabriken in ganz Europa. Vorher wird die Ware nach Sorten wie „B 12“ (Mischpapier) zu Ballen verpresst. Von Hand lassen sich die so entstehenden unscheinbaren Würfel nicht ein Stück bewegen. Kein Wunder bei 450 Kilo. Einen Großteil machen die „De-Inking“-Produkte aus. Mittels Natronlauge und anderen Chemikalien wird von Zeitschriften und Zeitungen die Druckfarbe abgelöst, damit das Papier recycelt werden kann.

Fast drei Viertel des handelsüblichen Papiers haben heute Recyclinganteile. Die bei Alba in Waiblingen sortierten Abfälle werden für Pappen, Zeitungen, Schreibpapiere, Verpackungen und Hygieneartikel verwendet. Gegenüber der Papiersortierung befindet sich die Firma Reißwolf, eine 100-prozentige Alba-Tochter, die in Waiblingen als „Werk  1“ gezählt wird. Der klangvolle Name der Spezialisten für Archivierung und Datenvernichtung hält, was er verspricht. 100 Prozent der vernichteten Datenträger gehen in die Rohstoffverwertung. Aus einstmals sensiblen Daten von Firmen und Banken wird sensitives Klopapier.

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