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Wo landet unser Müll Wo Problemfälle willkommen sind

Waiblingen. Die Farbenlehre der Mülltrennung mit Gelb, Braun, Blau und Schwarz hat zweifellos ihre Tücken. Richtig kompliziert wird es bei den Abfällen, die in keine Tonne dürfen: Farben, Lacke, Altöl und Energiesparlampen. Damit diese nicht in der freien Natur landen, nimmt die Problemmüllsammelstelle sie umsonst an.

Totenköpfe, verdorrte Bäume, loderndes Feuer und Fische, die leblos an Seeufern liegen. Aus Reagenzgläsern tropft Flüssigkeit, die sich durch dicke Böden frisst. Die orangeroten Gefahrenhinweise sind von eindringlicher Symbolkraft. Gut zwei Dutzend luftdicht verschließbare Fässer stehen in der Problemmüllsammelstelle bereit, alle mit mehreren Warnschildern verziert. Giftig, ätzend, hoch entzündlich und umweltgefährdend kann zum Beispiel der Inhalt von Spraydosen mit Pflanzenschutzmitteln und Reinigern sein, die in einem dieser Fässer stecken. „Wenn Sie hinter einem LKW herfahren, der alle diese vier Symbole trägt, sollten Sie besser Abstand halten oder schnell überholen“, scherzt Siegfried Becker, der bei der Abfallwirtschaftsgesellschaft Rems-Murr die Problemmüllsammelstellen verwaltet. Der Normalbürger will mit solchen Stoffen prinzipiell nichts zu tun haben – hat er aber ziemlich oft. Ob im Garten beim Kampf gegen Mehltau, im Haus gegen Mücken oder am Grill gegen die Rückstände der letzten Party.

Altöl zur Raffinerie, Autobatterien zur Rund-Erneuerung

Ob explosiv oder nicht, gesundheitsschädlich oder harmlos, das können nur Fachleute sicher einschätzen. Deshalb sind die Problemmüllsammelstellen immer mit zwei Leuten besetzt, darunter ist immer ein Chemiker oder eine Chemikerin. In der Sammelstelle Waiblingen-Süd wacht Ingenieurin (FH) Karin Karsten-Meister über Chemikalien, Säuren und Laugen und wird dabei unterstützt von Barbara Schulz. Im Ernstfall, wenn Gas austritt, kann die Doppelbesetzung Leben retten – im Alltag ist sie schlicht notwendig. Nicht selten liefern in wenigen Stunden mehr als 100 Leute Kisten und Behälter an, deren Inhalt sachgerecht beurteilt sein muss. Wegen der potenziellen Gefahren durch Gase und Verpuffungen verlangen die Sicherheitsbestimmungen Entlüftungsanlagen, feuergeschützte Lichtschalter und Stromanschlüsse sowie ein Löschwasserrückhaltebecken, damit im Brandfall kein kontaminiertes Löschwasser in die Kanalisation oder gar in die Gewässer gerät wie vor wenigen Wochen beim Mühlenbrand an der Jagst.

Eher ungefährlich sind die Eimer mit Dispersionsfarben, die praktisch nach jeder Wohnungsrenovierung übrig bleiben und in großen Mengen angeliefert werden. Das Problem: Kämen sie in den Restmüll, würden sie im Müllauto verpresst und unweigerlich platzen. Die Farbe würde auf die Straße laufen und das Müllauto beschädigen. Letztlich gehen die Eimer jedoch in die Restmüllverbrennung.

Energiesparlampen: Billigware geht schnell kaputt

Mehr als 14 Tonnen Altöl jährlich nehmen die Problemmüllsammelstellen an. Zwar müssen Verkaufsstellen grundsätzlich Altöl zurücknehmen. Aber was passiert mit Öl, das jahrzehntelang in Opas Garage stand? Die AWG liefert Altöl an die Südöl-Raffinerie in Eislingen an der Fils zur Wiederaufbereitung. Ins Recycling gehen auch die 33 Tonnen Haushalts- und 38 Tonnen Autobatterien. Ihr Hauptbestandteil ist Blei, das wieder verhüttet wird. Autobatterien werden zu fast 100 Prozent recycelt. Für Gerätebatterien haben die Hersteller ein gemeinsames Rücknahmesystem eingerichtet (Stiftung Gemeinsames Rücknahmesystem Batterien – GRS). Dorthin wandern auch die bei der AWG abgegebenen Batterien.

In einem Giftschrank lagern Chemikalien, die regelmäßig von einem Spezialisten abgeholt werden. Bei der Entsorgung solchen Problemmülls arbeitet die Abfallwirtschaftsgesellschaft mit der Sita zusammen, einem der größten Entsorgungsunternehmen der Republik. Dieses betreibt Zwischenlager und spezielle Behandlungsanlagen für Sonderabfall. Grundsätzlich landen weite Teile des gefährlichen Abfalls in Sonderabfallverbrennungsanlagen. Das betrifft insbesondere Pflanzenschutzmittel, Säuren, Laugen und Holzschutzmittel, die thermisch beseitigt werden. Stofflich verwertet werden hauptsächlich die Batterien, das Öl und Leuchtstoffröhren.

Gern gesehen sind in der Problemmüllsammelstelle Eimer mit Speiseöl, etwa aus Großküchen. Sie wandern zur Biogasanlage nach Backnang: „Die Bakterien lieben es“, sagt AWG-Abteilungsleiter Dr. Manfred Siglinger, „das ist der Turbo.“ Weniger angenehm, was manchmal klammheimlich abgegeben wird – zum Glück kommt regelmäßig auch der Sprengmittelbeseitigungsdienst. Häufig fragen die Bürger, wie schädlich die Energiesparlampen sind. „Zwei oder drei Stunden gründlich lüften, das sollte reichen“, rät Siglinger einer besorgten Frau. „Das ist nicht vergleichbar mit den alten Quecksilber-Thermometern.“ Die Billigware aus Übersee gehe leider schnell kaputt. „Kaum waren die Energiesparlampen auf dem Markt, hatten wir sie auch schon häufig hier als Abfall.“

Früher gingen die Leute mit solchen Problemstoffen dagegen eher sorglos um. So erzählte eine ältere Dame dem Sammelstellen-Team, wie sie als Kind mit den Quecksilber-Kügelchen gespielt habe. Überhaupt kommt manchmal eine kleine Chemiefabrik zusammen, wenn Haushalte aufgelöst werden: Arsen, PBT oder nikotinhaltige Spritzmittel. Und Karin Karsten-Meister weiß aus vielen Gesprächen: „Viele ältere Leute trauern diesen Mitteln sogar hinterher.“ Dann wird an der Problemmüllsammelstelle immer auch etwas Aufklärungsarbeit geleistet.

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