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Wohin geht unser Müll Gelbe Tonne: Von wegen Recycling

Waiblingen. Papier und Glas werden fast vollständig wiederverwertet. Anders sieht es beim Verpackungsmüll der Gelben Tonne aus. Nach mehr als 20 Jahren fällt deren Bilanz ernüchternd aus. Weniger als die Hälfte des Materials wird tatsächlich wieder zu Plastikprodukten aufgearbeitet - der große Rest wird in Industrieanlagen verbrannt.

1992 wurde im Rems-Murr-Kreis die Gelbe Tonne eingeführt. Die Tonne und nicht der Gelbe Sack. Sie ist im Vergleich eine saubere Sache, wie sie der Schwabe zu schätzen weiß. Der Inhalt lässt sich freilich von außen nicht erkennen. Wachsende Müllberge erzwangen die Einführung des Grünen Punkts, sogar vom „Müllnotstand“ war die Rede. Heute ist das Verpackungs-Recycling auf dem Weg über die Tonne Alltag. Wer erinnert sich schon daran, dass es sich dabei nur um einen Plan B handelt, dass nach der ursprünglichen Idee unnötige Verpackungen eigentlich in den Geschäften zurückgenommen beziehungsweise von den Herstellern vermieden werden sollten? Jedenfalls war die Entsorgungswirtschaft in den 90ern bei weitem nicht gerüstet, die gewaltigen Mengen von Verpackungsmüll zu verarbeiten. Sortiert wurde an Fließbändern ausschließlich von Hand. Wenn überhaupt: Niemand weiß, wie viele Gelbe Säcke ungeöffnet nach China gingen. Der Energiebedarf der rasant wachsenden Volkswirtschaft war unersättlich, die Umweltfolgen störten dort (noch) keinen.

In China werden aus PET-Flaschen neue Fleece-Pullis

20 Jahre später sieht die Lage anders aus. Nicht, dass das Müllaufkommen so stark gesunken wäre. Doch der technische Fortschritt hat die Verwertung in großen Teilen automatisiert. In Werken wie etwa von Alba in Walldürn oder Eisenhüttenstadt werden zunächst einzelne Kunststoffarten aus dem Sammelgut der Gelben Tonne herausgefiltert, zerkleinert und gewaschen. Dann der entscheidende Schritt: Das möglichst sortenreine Mahlgut wird nach bestimmten Rezepturen unter Beimischung von Zusatzstoffen und Farben zu Kügelchen beziehungsweise Granulat weiterverarbeitet.

Je nach Input-Material gibt es unterschiedliche Granulat-Typen: Kunststoffverpackungen aus Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP) verarbeitet Alba nach eigenem Bekunden zu sortenreinen Rezyklaten für die Kunststoffproduktion. Aus Polyethylenterephthalat (PET) werden „Flakes“ (Flocken) für die Industrie. Spätestens hier kommt wieder China ins Spiel, denn das Reich der Mitte ist der Hauptabnehmer für diese „Sekundärrohstoffe“. Sie erleben erstaunliche Metamorphosen. So werden zum Beispiel aus alten PET-Flaschen Polyesterfäden für Fleece-Pullis. Nach Angaben von Greenpeace landen mindestens die Hälfte der in deutschen Supermärkten zurückgegebenen PET-Pfandflaschen in Asien. Das Granulat Procyclen eignet sich außerdem zur Herstellung von Verpackungen, Getränkekästen und Fahrzeugteilen. Aus Recythen können robuste Gegenstände wie Gartenmöbel gefertigt werden.

Das alles klingt gut und macht sich in der Selbstdarstellung der Verwerter formidabel. Und die Recyclingquoten? Nach Informationen der AWG Rems-Murr liegen sie nur zwischen einem Drittel und 40 Prozent. Der große Rest wird „thermisch verwertet“– also verbrannt. Genaue Daten bekommt die AWG seit Jahren nicht mehr. Die Arbeit der Dualen Systeme bleibt auch für die kommunale Abfallwirtschaftsgesellschaft – und für den Bürger sowieso – intransparent. Bei den vielfach anzutreffenden höheren Quotenangaben wird der Begriff „Recycling“ weiter gefasst, als ihn der Verbraucher versteht. Die „thermische Verwertung“ ist dabei eingeschlossen. Dabei wird der Müll nicht blindlings verfeuert, wie in den 90ern in China, sondern je nach Zusammensetzung zu verschiedenen Ersatzbrennstoffen verarbeitet.

Ersatzbrennstoffe sind Brennstoffe, die aus Abfall gewonnen werden. Den Grundstoff bilden laut Sita Deutschland nicht-recycelbare Kunststoffe und Abfall zur Verwertung aus der Industrie, Sortierreste aus Wertstoffsortieranlagen sowie Sperr- und Gewerbeabfälle. Die „EBS“ ersetzen besonders in Industrie fossile Brennstoffe. In der Stoffstromanlage in Bruchsal produziert beispielsweise die Sita hochkalorischen Ersatzbrennstoff, der an die Zementwerke geliefert wird, sowie den schweren Ersatzbrennstoff, mit geringerem Heizwert, dessen Abnehmer in erster Linie Industrie- oder Heizkraftwerke sind.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz sieht die Ersatzbrennstoffe kritisch. Die Verwertungsanlagen müssten deutlich geringere Anforderungen an die Abgasreinigung einhalten als die Abfallverbrennungsanlagen, in denen die Abfälle bisher entsorgt wurden. „Häufig wird die Bevölkerung bewusst im Unklaren gelassen, dass es sich keineswegs um eine schadlose energetische Verwertung, sondern um neue, billige Müllverbrennungsanlagen handelt.“ Bei den Quoten fürs eigentliche, werkstoffliche Recycling sieht AWG-Geschäftsführer Gerald Balthasar indes noch Luft nach oben. Mehr als 50 Prozent wären drin, glaubt er. Wenn die Sortenreinheit des Materials stimmt und technische Innovationen vorangetrieben würden.

Müll in Zahlen

13 700 Tonnen Müll landeten 2014 in den Gelben Tonnen in Waiblingen und dem Rems-Murr-Kreis. Das sind etwa 33 Kilo pro Einwohner.

Nach einer Sortieranalyse der AWG befanden sich in Gelben Tonnen im Rems-Murr-Kreis nur 60 Prozent Leichtverpackungen; zehn Prozent Glas, Papier und Kartonagen; 13 Prozent stoffgleiche Nichtverpackungen und 17 Prozent Störstoffe (Restmüll).

Deutschandweit fielen im Jahr 2012 16,6 Millionen Tonnen Verpackungen an. Verpackungen aus Papier, Pappe oder Karton hatten dabei den größten Anteil mit etwa 7,3 Millionen Tonnen. Es folgen Verpackungen aus Kunststoffen (2,8 Millionen Tonnen), Glas (2,8 Millionen Tonnen) und Holz (2,7 Millionen Tonnen).

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