Wohin geht unser Müll „Stuttgarter Dreck“ im Erbachtal

Andreas Kölbl, 07.11.2015 00:00 Uhr
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Historische Bilder der Erddeponie im Erbachtal: Zeigt die Endladestation und den Transport des Restabfalls über Förderbänder ins Erdbachtal. Foto: privat
Historische Bilder der Erddeponie im Erbachtal: Zeigt die Endladestation und den Transport des Restabfalls über Förderbänder ins Erdbachtal.Foto: privat

Waiblingen. Geruchlich war sie eine Zumutung, für die Kinder aus Neustadt und Hohenacker aber auch eine Art Abenteuerspielplatz. Heute ist von der alten Deponie Erbachtal kaum noch etwas zu sehen, ein Teil der rekultivierten Fläche wurde sogar in einen Park verwandelt. Jahrzehntelang landete hier der „Stuttgarter Dreck“.

Stadtrat Wolfgang Bechtle, Jahrgang 1956, denkt gerne an seine Kindheit und Jugend, in der er mit seinen Kumpels das Erbachtal unsicher machte. Oberhalb der Abraumhalde in Richtung Bahnhof lag in den Sechzigern noch ein kleines Seele, in dem man baden konnte, und eine Holzscheune, die einem Bauer gehörte, den sie „Düftele“ nannten. In dem tiefen Teich fischten die Buben nach Kaulquappen und Molchen. In der Nähe ragte eine mehr als zehn Meter hohe Wand eines Steinbruchs auf, die sie hochkletterten: „Das war natürlich saugefährlich.“ Der alte „Döhles“- beziehungsweise Dohlen-Ausgang - war noch zugänglich. Die Kinder gingen mit Taschenlampen durch, um „Ratten zu verscheuchen“. Geschickt war, dass dieser inoffizielle Abenteuerspielplatz auf halbem Weg zwischen Neustadt und Hohenacker lag, so dass sich die Friedensschul-Klassenkameraden aus beiden Dörfern nachmittags treffen konnten.

Die Deponie brachte Gestank und ein paar Arbeitsplätze

Damals wurde der „Stuttgarter Dreck“ nur noch als Schlacke angeliefert, das Abladen des unverbrannten Hausmülls hat er noch nicht erlebt. Sein Vater, der 89-jährige Alt-Stadtrat Kurt Bechtle, aber schon. Sinnebetäubend sei der Gestank an manchen Tagen gewesen. Trotzdem nutzten die Kinder die Deponie sonntags auch als Abenteuerspielplatz, fuhren mit auf den Rollkarren, fanden Fahrradteile, alte Rollschuhe und anderes Wertvolles. „Manchmal ist uns dann der Platzwart, ein Herr Holzwart aus Schwaikheim, hinterhergerannt.“

Nach über 100 Jahren Nutzung als Deponie wurde das Gelände abgedichtet, rekultiviert und vor einem Jahr zu Teilen als Erholungsfläche für die Öffentlichkeit freigegeben. 1902 hatte Stuttgart die 14 Hektar von den beiden damals selbstständigen Gemeinden Neustadt und Hohenacker gekauft. Proteste blieben aus, die Industrialisierung schritt rasch voran und ökologische Bedenken hatte dabei noch keiner. Vielmehr bot die Deponie den Bewohnern der Ortschaften handfeste Vorteile: Die Wengerter, deren Weinberge von der Reblaus und vom Frost zerstört waren, erhielten eine Entschädigung, und auf der Deponie wurden Arbeitskräfte gebraucht. Zehn Waggons mit 100 Tonnen Abfall kamen täglich an. Neustädter Firmen sortierten und verwerteten Eisenteile, Blech, Lumpen, Papier, Knochen, alte Schuhe, grüne und weiße Glasscherben, Altgummi, Koks, Holz, und Flaschen aus. Von Recycling sprach noch keiner, dennoch wurde es, soweit sinnvoll, praktiziert.

Stuttgart profitierte sowieso, denn bis zur Inbetriebnahme der Deponie zwischen Neustadt und Hohenacker wurde der Abfall auf mehreren kleinen Müllplätzen am Rand der schnell wachsenden Stadt entsorgt. Mit der Bahn wurde der in städtischen Müllfahrzeugen – anfangs waren das Pferdegespanne – gesammelte Stuttgarter Müll außer Sicht- und Riechweite gebracht. Bis 1911 erfolgte die Entladung mittels Loren und Feldbahn, danach wurde sie durch eine mechanische Entladevorrichtung ersetzt. Je nach Entfernung der Abladestellen waren eine größere oder kleinere Anzahl ortsfest montierter Förderbänder angeordnet.

Seit der Inbetriebnahme der Deponie Erbachtal und deren Stilllegung sind rund 2,2 Millionen Kubikmeter Abfall abgelagert worden, der größte Teil vor 1965. Im Jahr 1965 ging die Abfallverbrennungsanlage in Stuttgart-Münster in Betrieb, danach wurde in Neustadt hauptsächlich die Schlacke abgelagert. Als Stadt- und Ortschaftsrat kämpfte Kurt Bechtle gegen die Anlieferung in Lkws durchs Wohngebiet. Die Schlacke landet heute im Salzbergwerk bei Heilbronn.

1995 begann die Stilllegungsphase der ehemaligen Deponie. Ging man bis in die 80er Jahre davon aus, dass zwei Meter Erde als Abdeckung ausreichen, handelt es sich heute um eine Kombination aus Lehm und Kunststofffolie. Immer noch treten Deponiegase aus, wobei der größte Teil über ein weitläufiges Drainagesystem vor Ort kontrolliert verfeuert wird. Und 25 Meter unter Tage tropfen aus mehreren Rohren leise die letzten Reste des Deponiewassers in ein Auffangbecken.

Chronologie

▪ 1902 kaufte die Stadt Stuttgart das Gelände, im Jahr darauf begann die Mülldeponierung.

▪ Die Ablagerung von Haus- und Gewerbemüll dauerte an bis 1965. Bis 1994 wurden Staub und Schlacke aus der Müllverbrennung Stuttgart-Münster abgelagert.

▪ Zwischen 1995 und 1997 entstanden der neue Erbachstollen und die erste Oberflächenabdichtung für insgesamt 8 Millionen Euro. Es folgten die Verfüllung der alten Dole und die weitere Oberflächenabdichtung für 5,5 Millionen Euro.

▪ 20009 begann die Rekultivierung, 2013 die Nachsorgephase. Im November 2014 wurde ein Abschnitt des Geländes als Park geöffnet.

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