Zeitung in der Schule Interesse an Lokalnachrichten

Heidrun Gehrke, 16.12.2016 00:00 Uhr
Die Grundschüler aus Beutelsbach machen Zeitung. Foto: Palmizi / ZVW
Die Grundschüler aus Beutelsbach machen Zeitung.Foto: Palmizi / ZVW

Waiblingen. Die Grundschüler haben das Zeitungsprojekt „Schüler machen Zeitung“ des Zeitungsverlags Waiblingen genossen. Vor allem haben sie viel gelesen und nicht nur die schönen bunten Tierbilder in der Kinderzeitung angeschaut. Letzteres taten sie zwar auch, aber die tägliche Zeitungslektüre weckte insbesondere ihr Interesse an Lokalthemen, Sport und Nachrichten aus aller Welt. Dies berichteten die Lehrer, die in kleiner Runde das Zeitungsprojekt Revue passieren ließen.

„Bei uns kamen die Schüler teilweise eine Viertelstunde vor Unterrichtsbeginn in die Schule, um in Ruhe die Zeitung zu lesen“, berichtete Silke Fischer von der Grundschule Winnenden-Birkmannsweiler. „Schüler, die sonst nie lesen, waren voll dabei und haben sich über das Gelesene ausgetauscht“, schilderte Ursula Daiber, Klassenlehrerin an der Fuchshofschule in Schorndorf, eine Reaktion. Die Sicht der teilnehmenden Lehrer war gefragt beim Abschlusstag im Casino des ZVW. 24 Grundschullehrer hatten vier Wochen lang aufgeweckte Zeitungsleser in den Schulbänken sitzen. Die Schüler erhielten täglich die Tageszeitung und erlebten viel mit dem Informationsmedium. Sie wurden selbst zu Reportern, fragten Redakteuren des Zeitungsverlags Löcher in den Bauch, verfolgten bei einer Führung durch das Druckhaus die Entstehung „ihrer“ Tageszeitung, schrieben Lesetagebücher und verfassten Gedichte rund um das Zeitunglesen. Eine Klasse komponierte ein Zeitungslied, eine andere band Zeitungen in den Sport- und Kunstunterricht ein. Einen Schüler hat das Projekt so inspiriert, dass er selbst eine Wochenzeitung herausgebracht hat.

Das Medienverständnis wird geschult

Arbeits- und Unterrichtsmaterialien unterstützten das Medienverständnis. Zusammengestellt wurden sie von Promedia Maassen, dem medienpädagogischen Partner des Zeitungsverlags Waiblingen, der das Projekt „Schüler machen Zeitung“ koordiniert und inhaltlich konzipiert hat. Die Rückmeldung der Lehrer war überwiegend positiv. Sehr gut kamen die Arbeitsblätter zur Vorbereitung auf einen Redakteursbesuch an. „Die Kinder haben dem Redakteur mit Hingabe ihre zuvor vorbereiteten Fragen gestellt und hätten noch stundenlang weiterfragen können“, erzählte eine Lehrerin. Die medienpädagogische Begleitung umfasste zudem ein Angebotspaket für die Einbindung der Zeitung in den Unterricht. Die Lehrer erzählten, wie sie Berichte, Interviews und Meldungen in Aufsätze und Schularbeiten umgewidmet haben. Eine Unfallmeldung wurde bei Schorndorfer Grundschülern zum Aufsatzthema: „Die Schüler bekamen Bilder von Unfallfahrzeugen gezeigt und schrieben die Polizeimeldung dazu, in der sachlichen Sprache und in Vergangenheitsform, wie sie es gelesen und durchgenommen haben“, so die Lehrerin.

Basteln mit dem Altpapier

Das Altpapier wanderte in der Regel auf den Bastel-Stapel statt in die blaue Tonne. Die Schüler bastelten Tannenbäume, Weihnachtskarten und -sterne, Hüte, Collagen, Adventskalender und Windlichter. Grundschüler aus Schlechtbach schrieben einen Bericht über ihren Laternen- und Fackellauf, für den sie Sonnen- und Geisterlaternen gebastelt hatten. „Bei mir haben sie Todesanzeigen angeschaut und ausgerechnet, wie alt die Menschen geworden sind“, freute sich ein Lehrer über die Form „angewandter Mathematik“. Eine Lehrerin bekam große Augen, als sie ihre Schüler als aufgeweckte Korrektoren erlebte: „Sie waren immer ganz gierig, Fehler zu suchen.“

Kinder schrecken nicht vor komplizierten Nachrichten und langen Artikeln zurück

Annette Kumlin von der ZVW-Marketingabteilung erkundigte sich nach den Lese-Vorlieben der Kinder. Die Kinderzeitung war erwartungsgemäß der Renner. Doch im Gespräch mit den Lehrern wurde auch deutlich: Schüler schrecken nicht vor längeren Artikeln im Lokalteil und auf den Seiten mit den überregionalen Neuigkeiten zurück. Die Sprache ist nicht zu kompliziert für sie. Wenn sie ein Thema interessiert, bleiben sie dran. „Sie können genau erzählen, was sie gelesen haben“, versicherte eine Lehrerin aus Weiler zum Stein. Dazu gehörten auch schlimme Nachrichten wie die eines Mannes, der seine Familie getötet hat. Oder das Thema „Gewalt an Lehrern“, über das während der vier Wochen groß und breit in der Zeitung zu lesen war. „Es machte sie sprachlos, aber es war zugleich ein Anlass, darüber zu sprechen und zu fragen, wo die Gewalt herkommt“, meinte eine Lehrerin.

"Irgendetwas fehlt, seit keine Zeitung mehr kommt"

Übereinstimmend die Feststellung, dass die Zeitung die Konzentration gefördert und Lesekompetenzen ans Licht gebracht hat: „Die Schüler haben während der Vesperpause die Zeitung gelesen, da war es im Klassenzimmer mucksmäuschenstill“, beschrieb eine Lehrerin ihre Erlebnisse. In vielen Klassen hat das Zeitunglesen Horizonte geöffnet, der Abschluss des ZVW-Projekts hinterlässt daher auch manche Lücke. „Irgendetwas fehlt uns, seit keine Zeitung mehr kommt“, sagte eine Lehrerin.

Alle Artikel und Videos zum Thema Schüler machen Zeitung finden Sie unter www.zvw.de/zisch

          2
 
Kommentare (2)
Teri • vor 3 Monaten
Jaja, an "Zeitung in der Schule" kann ich mich auch noch gut erinnern. Ich war damals in der 7. Klasse der Staufer Realschule in Waiblingen. So ein Projekt in einer Grundschule?!? Ist schon ein wenig witzig. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich versucht hatte, die verquartzen Texte zu verstehen - vor allem der Wirtschaft- und Politikteil - im Anschluss mussten wir eine Hausarbeit über die vierwöchige Zeitungslektüre ausarbeiten, ich habe mich damals mit dem Politiker Hundt beschäftigt. Hätte ich nur den VfB als Thema genommen. Ich zweifel auch sehr daran, das auch nur zwei meiner Mitschüler heute ein Abo der WKZ haben, warum auch? Ich verfolge die Zeitung auf Twitter und bin doch immer wieder erstaunt wie sehr alle Zeitungen sich einig über "große" Themen sind. Liegt wohl daran, das alle Zeitungen mittlerweile ein par reichen Familien gehören und damit nur noch eine Agenda gemacht wird. Jetzt gerade ganz aktuell, der Fall Aleppos, hat man eine Zeitung gelesen, hat man alle gelesen und die GroKo ist der selben Meinung. Ich für meinen Teil halte das nicht für objektive Berichterstattung und dafür werde ich sicherlich kein hart erarbeitetes Geld ausgeben - tut mir leid, im Zeitalter des Internets müssen sich Zeitungen eben neu erfinden oder sie gehen unter. So ist das eben, das nennt sich "die Distrophie neuer Erfindungen". Aber meine 60 Jahre alten Eltern und meine 80 jährigen Großeltern sind euch treu :-D Die müssten ja auch zugeben, das sie sich Jahrzehnte lang von euch verarschen liesen, weil sie ihr Weltbild auf euren Thesen aufgebaut haben, dann zahlen sie lieber die 2,70 Euro pro Zeitung und bleiben in ihrem Weltbild - kann ich auch irgendwie nachvollziehen. Ob die Masche aber bei den Grundschülern von heute funktioniert, daran hege ich große Zweifel. Seid halt mal mutig und versucht etwas neues! Viele Grüße
Antworten
ZVW Onlineredaktion Teri • vor 3 Monaten
Hallo Teri, vielen Dank für deine kritische Anmerkung. Nun, die Tatsache, dass du online einen Artikel kommentierst, denn du wohl über Twitter gefunden hast, zeigt doch, dass wir auch anders können. Und deinen Glaube daran, dass alle Medien gleichgeschaltet sind, können wir auch mit Argumenten oder gar Fakten nicht erschüttern, dass wissen wir auch. Das bedeutet postfaktisch. Nur so viel: "Liegt wohl daran, das alle Zeitungen mittlerweile ein par reichen Familien gehören und damit nur noch eine Agenda gemacht wird. Jetzt gerade ganz aktuell, der Fall Aleppos, hat man eine Zeitung gelesen, hat man alle gelesen " Das, lieber Teri, liegt daran, dass die meisten Zeitungsredaktion sich leider keine eigenen Reporter in jedem Fleck der Erde leisten können und deswegen auf verifizierte und langjährige Partner zurückgreifen , in diesem Fall DPA. Und das wir uns keine eigenen Reporter überall auf der Welt leisten können, liegt daran, dass Leute wie Du nicht mehr bereit sind, für Informationen und sauber recherchierte Nachrichten Geld auszugeben. Du liest ja lieber auf Twitter und bist sicher in der Lage, jede Fakenews-Meldung dort zu erkennen. Denn Fakenews sind genau das, was passiert, wenn man meint, sich selber rein über Netzwerke informieren zu können. Fakenews sind keine Zeitungs-Enten, sondern absichtlich erzeugte und gestreute Falschmeldungen von dubiosen Quellen und mit noch dubioseren Absichten, niemals von offiziellen Nachrichten oder Zeitungsseiten, die die per Facebook, Twitter & Co. so schön aufgeblähten Filterblasen der eigenen Informationsgewilltheit ausnutzen und alle mit den "Nachrichten" versorgen, die sie hören wollen (siehe falscher Künast-Post). Dann wird schnell die echte Wahrheit für "Agenda" abgetan, weil sie nicht ins eigene Weltverschwörungs-Theorem passt.
2
Antworten