Afghanistan

Abzug der US-Truppen beginnt in prekärer Sicherheitslage

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Konflikt in Afghanistan
US-Soldaten kontrollieren noch immer die Tore am Flughafen in Kabul. Foto: Staff Sgt. Victor Mancilla/U.S. Marine Corps/AP/dpa © Staff Sgt. Victor Mancilla
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Explosion in Kabul
Ein Mitglied der militant-islamistischen Taliban ist am Explosionsort in der Nähe des Kabuler Flughafens. Foto: dpa © dpa

Washington/Kabul (dpa) - Kurz vor dem Ende des Evakuierungseinsatzes hat das US-Militär mit dem Abzug seiner Truppen vom Flughafen Kabul begonnen. Der Prozess sei gestartet worden, sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby.

Gleichzeitig widersprach er entschieden Aussagen der militant-islamistischen Taliban, wonach die USA «zwei, drei» Zugänge zum Flughafen in der Nacht zu Samstag an ihre Kräfte übergeben hätten. Die Taliban hätten Sicherheitskontrollen rund um den Flughafen errichtet, sagte Kirby. «Aber sie kontrollieren keine Tore, sie sind nicht am Flughafen und haben keine Rolle für die Sicherheit», betonte Kirby.

Alle Tore unter US-Kontrolle

Das US-Militär werde noch bis zum geplanten Abzug am Dienstag für Sicherheit und Betrieb des Airports verantwortlich sein, sagte Kirby. Alle Tore des Flughafens stünden weiter unter Kontrolle der US-Soldatinnen und Soldaten. Die Truppen sollen Afghanistan nach Willen von US-Präsident Joe Biden bis Dienstag verlassen. Am Freitag waren noch mehr als 5000 am Flughafen Kabul stationiert gewesen. Kirby erklärte, das Militär werde aus Sicherheitsgründen zunächst keine neuen Zahlen zur Truppenstärke nennen. Das US-Militär werde noch bis zum Abschluss des Einsatzes westliche Staatsbürger und frühere afghanische Mitarbeiter ausfliegen können, betonte er.

Nachdem die Bundeswehr und andere Verbündete ihre Evakuierungsmission abschlossen, gingen auch die militärischen Rettungsflüge der USA in die Endzüge. Dabei wurden von der US-Luftwaffe und Verbündeten innerhalb von 24 Stunden noch einmal rund 6800 Menschen aus Kabul ausgeflogen, wie das Weiße Haus am Samstag mitteilte. Seit Mitte August hätten die USA und ihre Partner insgesamt rund 112.000 ihrer Staatsbürger und früherer afghanischer Mitarbeiter ausgeflogen. Das US-Außenministerium erklärte, es seien rund 5400 Bürger ausgeflogen worden, etwa 350 Amerikaner seien noch im Land und wollten ausreißen.

Die allermeisten Evakuierten waren Afghanen. Etwa 20.500 Evakuierte landeten bis Samstag auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz. Mittelfristig will das US-Militär bis zu 50.000 Afghanen in Stützpunkten in den USA unterbringen.

Die Bundeswehr zog auch ihr Sanitätsflugzeug aus dem usbekischen Taschkent ab, das dort noch für eine mögliche Rettung Verletzter aus Kabul stationiert war. Die Bundeswehr hatte ihre Luftbrücke am Donnerstag beendet, Frankreich und Spanien am Freitag. Die britischen Truppen sollten am Wochenende folgen.

Warnung vor weiteren Anschlägen

Nach dem Anschlag vom Donnerstag am Flughafen Kabul mit Dutzenden Toten - darunter auch 13 US-Soldaten - warnte die US-Botschaft erneut vor möglichen Angriffen. US-Bürger sollten bestimmte Tore sofort verlassen oder aufgrund der Gefahrenlage weiterhin gar nicht erst zum Flughafen kommen. Schon vor dem Anschlag, bei dem sich nach US-Angaben ein Selbstmordattentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) an einem Tor in die Luft sprengte, hatten die USA eine entsprechende Warnung ausgegeben.

Das US-Militär tötete bei einem Vergeltungsschlag in der Provinz Nangarhar nach eigenen Angaben zwei ranghohe Vertreter des örtlichen IS-Ablegers. Ein weiterer sei verletzt worden, erklärte Generalmajor William Taylor im Pentagon. Nach dem unbemannten Luftangriff hatte das Militär am Freitagabend (Ortszeit) zunächst angegeben, «einen Planer» des tödlichen Terroranschlags in Kabul getötet zu haben. Nun gehe man davon aus, einen Planer und einen Unterstützer des Vorhabens getötet zu haben, hieß es. Es gebe nach bisherigen Erkenntnissen keine zivilen Opfer, sagte Taylor. US-Präsident Joe Biden hatte nach dem IS-Angriff Rache geschworen.

Das US-Militär soll noch bis Dienstag Menschen in Sicherheit bringen, allerdings wird die Zahl der ausgeflogenen Personen wegen des gleichzeitigen Abzugs von Soldaten und Ausrüstung sinken. Deutschland hofft darauf, dass Schutzsuchende das Land künftig auch mit zivilen Flugzeugen verlassen können. Offenbar warten noch rund 300 Deutsche und mehr als 10.000 Afghanen auf Ausreise nach Deutschland. Der Kommandeur des deutschen Evakuierungseinsatzes, Jens Arlt, wagte am Freitagabend allerdings keine Prognose, wann der Flughafen von Kabul wieder zivile Flugzeuge abfertigen kann. Die Lage um den Flughafen ist seit Machtübernahme der Taliban chaotisch und extrem gefährlich.

Es blieb weiter unklar, ob Frauen unter Taliban-Herrschaft weiter ihren Berufen nachgehen können. Konkrete Aussagen dazu machten die Taliban bisher nur in den Bereichen Bildung und Gesundheit. Am Freitagabend twitterte Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid dazu, dass der Arbeit von Frauen im öffentlichen Gesundheitssektor nichts im Wege stehe. Das Gesundheitsministerium weise alle Mitarbeiterinnen in Kabul und den Provinzen an, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren.

Merkel telefoniert mit Johnson

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) führte nach Angaben der Bundesregierung Gespräche mit dem britischen Premierminister Boris Johnson sowie dem niederländischen Regierungschef Mark Rutte. Merkel und Johnson forderten bei ihrem Telefonat internationale Anstrengungen, um eine humanitäre Krise im Land zu verhindern. Wie aus einer Mitteilung der Regierung in London hervorging, bekannten sich die beiden auch zur Zusammenarbeit, um den beim Treffen der G7-Staats- und Regierungschefs Anfang der Woche diskutierten Fahrplan für den Umgang mit einer künftigen Regierung in Kabul umzusetzen.

Von der Bundesregierung hieß es, die Kanzlerin und die beiden Premierminister seien sich einig gewesen, dass «der Ausreise von Staatsangehörigen, Ortskräften und schutzbedürftigen Menschen aus Afghanistan auch weiterhin höchste Priorität zukommt, ebenso wie der humanitären Versorgung der Bevölkerung und der Flüchtlinge in der Region». Neben der politischen Instabilität erschwert eine anhaltende Dürre und verbreiteter Hunger die Lage in Afghanistan zusätzlich.

© dpa-infocom, dpa:210828-99-999249/7