Russische Invasion

Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage

Trümmer
Inmitten von Trümmern: ein ukrainischer Soldat in einem durch russischen Beschuss zerstörten Sportkomplex der Polytechnischen Hochschule in Kiew. © Carol Guzy

Kiew/Moskau (dpa) - Russische Truppen haben die zuletzt umkämpfte strategisch wichtige Stadt Sjewjerodonezk in der Ostukraine eingenommen.

Das bestätigten beide Seiten am Samstagabend. Zugleich will Russland Boden-Raketen vom Typ Iskander nach Belarus verlegen, die auch mit atomwaffenfähigen Raketen bestückt werden können. Das versprach Präsident Wladimir Putin dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko. Die Verlegung werde in den nächsten Monaten erfolgen, sagt Putin bei dem Treffen in St. Petersburg der Staatsagentur Tass zufolge.

Die Iskander-M könnten «sowohl ballistische Raketen als auch Marschflugkörper aufnehmen - sowohl in konventioneller als auch in nuklearer Ausführung», meinte Putin. Sie haben russischen Medien zufolge eine Reichweite von bis zu 500 Kilometern. Putins Angaben zufolge sollen zudem die Kampfflugzeuge von Belarus vom Typ Su-25 nachgerüstet werden. «Diese Modernisierung sollte in Flugzeugfabriken in Russland vorgenommen werden.» Dann könnten diese Flugzeuge auch Atomwaffen transportieren.

Russen nahmen mehrere Ortschaften im Osten ein

Die Ukraine hatte ihren Rückzug aus Sjewjerodonezk bereits am Freitag angekündigt. «Nach dem Rückzug von Einheiten unserer Truppen hat sich der Feind in Sjewjerodonezk festgesetzt», teilte der ukrainische Generalstab am Samstag mit. Auch Russland meldete am Abend, die Kontrolle über die Stadt zu haben. Prorussische Kämpfer der Volksrepublik Luhansk hätten mit Unterstützung russischer Truppen die Stadt «vollständig befreit», sagte Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow. Russische Truppen wollen zudem die gesamte linke Uferseite des Flusses Siwerskyj Donez im Luhansker Gebiet eingenommen haben. Angaben aus dem Kriegsgebiet lassen sich gar nicht oder nur schwer überprüfen.

Nach russischen Angaben wird die Chemiefabrik «Azot» in Sjewjerodonezk von prorussischen Einheiten der Luhansker Separatisten kontrolliert. Es sei «der Versuch des Feindes vereitelt worden, das Industriegebiet (...) in ein Zentrum des Widerstands zu verwandeln». Laut den Separatisten sollen 800 Zivilisten aus dem Werk «evakuiert» worden sein, wie die russische Nachrichtenagentur Interfax meldete.

In den vergangenen Tagen hatten die russischen Streitkräfte mehrere Ortschaften im Ballungsraum Sjewjerodonezk-Lyssytschansk eingenommen. Heute leben in Sjewjerodonezk aber nur noch einige Tausend Menschen. Zudem stehen moskautreue Truppen am südlichen Stadtrand von Lyssytschansk. Die Stadt ist zum nächsten Angriffsziel der Russen geworden. Sowohl Artillerie als auch die Luftwaffe hätten Lyssytschansk unter Feuer genommen, hieß es.

Die ukrainische Nachrichtenagentur Unian meldete, auch die Region Dnipropetrowsk sei mit Artillerie beschossen worden. Allein in der Umgebung von Schytomyr - einer Großstadt westlich von Kiew - schlugen nach Angaben von Bürgermeister Serhij Suchomlin 24 Raketen ein.

Russische Angriffe auch aus Belarus

Dem ukrainischen Generalstab zufolge feuerte Russland die Raketen auf Schytomyr und Tschernihiw aus Belarus ab. Die Ex-Sowjetrepublik unter Machthaber Lukaschenko bezeichnet sich in dem seit mehr als vier Monaten dauernden Krieg eigentlich als neutral. Im Gebiet Lwiw (früher: Lemberg) war einmal mehr das Militärgelände in Jaworiw Ziel der Angriffe. Ukrainischen Angaben zufolge wurden sechs Marschflugkörper von Schiffen auf dem Schwarzen Meer abgeschossen.

Im Gebiet Chmelnytzkyj konnte die ukrainische Luftabwehr nach eigenen Angaben zwei Raketen abschießen. Deren Trümmer sollen keine Schäden angerichtet haben. Dafür meldete das Gebiet Mykolajiwka im Süden der Ukraine einen schweren Angriff. Eine Sprecherin der Verwaltung sagte, man wisse, dass die Hafeninfrastruktur, Wohnviertel und Erholungsgebiete von Zivilisten angegriffen wurden. Angriffe gab es demnach auch auf den Ballungsraum Slowjansk-Kramatorsk-Kostjantyniwka.

Moskau: Mehr als 800 Soldaten in der Ukraine getötet

In der erbitterten Schlacht um den Osten der Ukraine wurden russische Truppen nach eigenen Angaben binnen 24 Stunden fast 800 gegnerische Soldaten getötet - darunter 80 freiwillige Kämpfer aus Polen. Die «Söldner» seien durch einen Raketenangriff auf ein Zinkwerk in der Stadt Kostjantyniwka liquidiert worden, erklärte das Verteidigungsministerium in Moskau. Ein Raketenangriff auf Mykolajiw im Süden habe etwa 300 Soldaten getötet. Auch die Regierung in Kiew berichtete von heftigem Beschuss in vielen Gebieten.

Selenska: Ukrainische Frauen erleben den Horror

Selenskyjs Ehefrau Olena Selenska verwies in der «Welt am Sonntag» auf die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad, die vom IS versklavt worden war. «Es ist furchtbar, das auszusprechen, aber viele ukrainische Frauen erleben unter der Besatzung dasselbe», sagte sie und fügte hinzu: «Weil die russischen Besatzer nicht besser als IS-Terroristen sind.» Murad hatte Verbrechen der Terrororganisation Islamischer Staat an Jesiden im Irak überlebt. Sie ist seit 2016 UN-Sonderbotschafterin.

Selenska bedankte sich dafür, dass die Bundesrepublik zahlreichen Ukrainern Asyl gewährt. Auch appellierte sie an ihre geflüchteten Landsleute, zurückzukehren, wenn die Lage wieder sicher werde, um beim Wiederaufbau zu helfen.

Selenskyj: Kiew freut sich über EU-Kandidatenstatus

Selenskyj selbst äußerte sich in einer Videoansprache optimistisch, dass sein Land die Kriterien für einen EU-Beitritt erfüllen wird. Dazu gehören Rechtsstaatlichkeit, Kampf gegen Korruption, Garantie der Grundrechte und eine funktionierende Marktwirtschaft. In Georgien gingen in der Nacht zum Samstag Zehntausende Menschen für einen EU-Beitritt auf die Straße. Im Unterschied zur Ukraine und Moldau hatte ein EU-Gipfel am Donnerstag Georgien keinen Kandidatenstatus gewährt.