Russische Invasion

Krieg in der Ukraine: So ist die Lage am Abend

Wolodymyr Selenskyj
Gibt sich siegesgewiss: Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine. © Andrew Kravchenko

Kiew/Moskau (dpa) - Überschattet von neuen russischen Angriffen hat die Ukraine am Mittwoch ihren Unabhängigkeitstag begangen. Durch russischen Beschuss auf den Bahnhof von Tschaplyne im Gebiet Dnipropetrowsk wurden nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj mindestens 22 Menschen getötet und etwa 50 verletzt. Nach ersten Berichten wurde ein Personenzug getroffen.

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Die Führung in Kiew meldete zudem russische Raketenangriffe in verschiedenen Regionen. Die Angaben der Kriegsparteien lassen sich nur schwer unabhängig überprüfen. Der Krieg dauerte am Mittwoch genau ein halbes Jahr.

Russland hatte das Nachbarland am 24. Februar überfallen. Sechs Monate später geben sich beide Seiten siegesgewiss - trotz Tausender Toter, Verwüstungen und eines weitgehenden militärischen Patts an der Front. Selenskyj bekräftigte das Ziel, alle besetzten Gebiete zurückzuerobern Die USA kündigten weitere Waffenhilfe im Wert von drei Milliarden Euro an. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz bekräftigte die Unterstützung. Zusammen mit mehr als 50 anderen Ländern forderten Deutschland und die USA Moskau auf, den Krieg zu beenden.

Russland hält inzwischen rund ein Fünftel des Landes besetzt. Nach Angaben der britischen Regierung sollen mehr als 80.000 russische Soldaten sollen getötet oder verwundet worden oder desertiert sein. Moskau selbst nennt dazu schon länger keine Zahlen mehr. Die Ukraine sprach zuletzt von 9000 getöteten Soldaten in den eigenen Reihen, Beobachter gehen aber auch hier von höheren Zahlen aus.

Russland verteidigt Angriff auf die Ukraine

Moskaus Verteidigungsminister Sergej Schoigu rechtfertigte das Vorgehen Russlands mit der Ablehnung des Minsker Friedensplans für den Donbass durch die Ukraine. «Alle Ziele werden erreicht», sagte Schoigu laut Interfax über den von Moskau als «Militäroperation» bezeichneten Krieg. Experten vermerken, dass die russischen Truppen nur schleppend vorankommen. Am Abend meldete die Ukraine, dass mehrere Regionen mit russischen Raketen beschossen worden seien.

«Wir werden kämpfen bis zum Schluss»

Selenskyj sagte in einem Videoclip zum 31. Jahrestag der Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion: «Wir werden kämpfen bis zum Schluss.» Der 44-Jährige schloss Zugeständnisse und Kompromisse aus. Russische Soldaten nannte er «Mörder, Vergewaltiger und Plünderer». Der Krieg habe die Ukraine geeint. In einem Videoauftritt vor dem UN-Sicherheitsrat warnte Selenskyj, wenn Russland jetzt nicht aufgehalten werde, würden «russische Mörder» wahrscheinlich in anderen Ländern landen.

UN-Generalsekretär António Guterres zog ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn ein bitteres Fazit. «Trotz Fortschritten an der humanitären Front gibt es keine Anzeichen für ein Ende der Kämpfe in der Ukraine - und es gibt neue Gebiete für eine potenzielle gefährliche Eskalation», sagte er. «Der heutige Tag markiert einen traurigen und tragischen Meilenstein».

Waffen aus Deutschland und den USA

Kanzler Scholz hatte erst am Dienstag ein weiteres Rüstungspaket im Umfang von 500 Millionen Euro angekündigt, darunter drei weitere Flugabwehrsysteme des Typs Iris-T, ein Dutzend Bergepanzer und 20 auf Pick-ups montierte Raketenwerfer erhalten. Die US-Regierung legte ihrerseits weitere Militärhilfen für drei Milliarden Dollar (rund drei Milliarden Euro) nach. «Damit kann die Ukraine Luftabwehrsysteme, Artilleriesysteme und Munition, unbemannte Luftabwehrsysteme und Radare erwerben, um sich langfristig verteidigen zu können», erklärte Präsident Joe Biden. Die USA seien entschlossen, das ukrainische Volk im Kampf um die Verteidigung seiner Souveränität zu unterstützen.

Vielfache Forderungen nach Kriegsende

Mehr als 50 Länder - darunter die USA, alle EU-Staaten und Großbritannien - verurteilten den Angriffskrieg. «Wir fordern die Russische Föderation auf, ihre völlige Missachtung ihrer völkerrechtlichen Verpflichtungen, einschließlich der Charta der Vereinten Nationen, des humanitären Völkerrechts und der internationalen Menschenrechtsgesetze, zu beenden», sagte der ukrainische UN-Botschafter Serhij Kislizia in New York im Namen der beteiligten Staaten. Auch Papst Franziskus äußerte die Hoffnung auf ein Ende der Kämpfe.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte: «Die Ukraine muss sich durchsetzen, und die Ukraine wird sich durchsetzen.» Die Nato werde so lange wie nötig Unterstützung leisten. Kanzler Scholz sagte in einer Videobotschaft: «Liebe Ukrainerinnen und Ukrainer, ihr Land wird den Schatten des Kriegs vertreiben, weil es stark ist und mutig und weil es Freunde hat in Europa und überall auf der Welt. Wir sind stolz uns zu diesen Freunden zählen zu dürfen, heute und in unserer gemeinsamen europäischen Zukunft.»

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen versprach der Ukraine Hilfe beim Wiederaufbau. Der scheidende britische Premier Boris Johnson besuchte Kiew am Jahrestag der Unabhängigkeit. Er versicherte, Großbritannien stehe weiter an der Seite der Ukraine. «Und ihr könnt und werdet gewinnen.»