Krieg in der Ukraine

Moskau: Kiew plant Provokation durch radioaktive Bombe

Sergej Schoigu
Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu behauptet, die Ukraine plane zur Diskreditierung Moskaus die Zündung einer radioaktiven Bombe. © Russian Defense Ministry Press Service

Moskau (dpa) - Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu hat gegenüber den europäischen Atommächten Großbritannien und Frankreich behauptet, Kiew plane zur Diskreditierung Moskaus die Zündung einer radioaktiven Bombe. Schoigu habe «seine Besorgnis über mögliche Provokationen der Ukraine mit Hilfe einer «schmutzigen Bombe» übermittelt», teilte das russische Verteidigungsministerium mit.

US-Außenminister Antony Blinken wies diese Behauptung zurück. Die russischen Vorwürfe seien falsch, schrieb Blinken auf Twitter. Er habe darüber mit seinem ukrainischen Amtskollegen Dmytro Kuleba gesprochen und ihm die weitere Unterstützung der USA zugesagt.

Zuvor hatte Schoigu mit dem französischen Verteidigungsminister Sébastien Lecornu und mit dem britischen Minister Ben Wallace gesprochen. Auch der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar bekam einen Anruf Schoigus.

Aus London hieß es nach dem Telefonat, Wallace habe die Behauptungen zurückgewiesen und gemahnt, solche Vorwürfe sollten nicht als Vorwand für eine weitere Eskalation genutzt werden. Der Verteidigungsminister habe außerdem den Wunsch nach einer Deeskalation betont.

Kiew weist Vorwürfe entschieden zurück

Als «schmutzige Bombe» werden konventionelle Sprengsätze bezeichnet, die auch radioaktives Material verstreuen. Die Ukraine hat nach dem Zerfall der Sowjetunion ihre Atomwaffen abgegeben. «Die russischen Lügen über angebliche Pläne der Ukraine, eine «schmutzige Bombe» zu nutzen, sind so absurd wie sie gefährlich sind», reagierte Außenminister Dmytro Kuleba auf Twitter. Die Ukraine stehe treu zum Atomwaffensperrvertrag. «Die Russen beschuldigen andere oft dessen, was sie selber planen», warnte Kuleba in Kiew.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in seiner abendlichen Videoansprache, wenn Moskau der Ukraine vorwerfe, eine sogenannte schmutzige Bombe werfen zu wollen, bereite es selber irgendetwas Schmutziges vor.

Er sprach von einem «Telefonkarussell» Schoigus. «Wenn jemand in unserem Teil Europas Atomwaffen einsetzen kann, dann ist es das nur einer - und dieser eine hat dem Genossen Schoigu befohlen, dort anzurufen», sagte Selenskyj unter Anspielung auf Russlands Staatschef Wladimir Putin. Die Welt müsse klarstellen, dass sie nicht bereit sei, diesen «Schmutz» zu schlucken.

«Wohin Russland auch geht, es hinterlässt Massengräber, Folterlager, zerstörte Städte und Dörfer, vermintes Land, zerstörte Infrastruktur und Naturkatastrophen», sagte der Präsident. Die Ukraine versuche dagegen, ihren Menschen wieder ein normales Leben zu ermöglichen. «Wo die Ukraine ist, wird kein Leben zerstört.»

Moskau: «Unkontrollierte Eskalation» in der Ukraine

Laut dem russischen Verteidigungsministerium spitzt sich die Lage in der Ukraine immer stärker auf eine «unkontrollierte Eskalation» hin zu. Die staatliche russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti behauptete, dass Kiew die Fertigstellung einer kleinen taktischen Atombombe faktisch abgeschlossen habe und bereit sei, diese auf eigenem Boden zu zünden, «um eine starke antirussische Kampagne zu starten, die das Vertrauen zu Moskau untergraben soll».

Ungewöhnlicherweise sprach Schoigu am Sonntag auch zum zweiten Mal in drei Tagen mit US-Verteidigungsminister Lloyd Austin. Es sei um die Lage in der Ukraine gegangen, hieß es. Ein Verweis auf das Atomthema fehlte in der Mitteilung des Verteidigungsministeriums in Moskau. Das Pentagon in Washington teilte mit, das Gespräch sei von russischer Seite initiiert worden.

Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine läuft seit Monaten nicht so, wie von Moskau geplant. Der Vormarsch geriet zunächst ins Stocken, inzwischen sind die russischen Einheiten sogar teilweise in die Defensive geraten. Vor diesem Hintergrund mehren sich Spekulationen um einen möglichen russischen Einsatz taktischer Atomwaffen gegen das Nachbarland. Moskau bestreitet derartige Absichten.