Baden-Württemberg

Angriffe auf Rettungsdienste auf Rekordniveau

Thomas Blenke nimmt an einer Sitzung im Landtag teil
Thomas Blenke nimmt an einer Sitzung im Landtag von Baden-Württemberg teil. Foto: Marijan Murat/dpa/Symbolbild © Marijan Murat

Stuttgart (dpa/lsw) - In Karlsruhe wird ein Sanitäter von einem sturzbetrunkenen Mann geschlagen, den er eigentlich ins Krankenhaus bringen will. In Mannheim greift ein Zecher einen Mitarbeiter des Rettungsdienstes an. Und auf der Autobahn 6 bei Heilbronn sorgt ein Lkw-Fahrer für Schlagzeilen, weil er aus Ärger über die Rettungsgasse einen Feuerwehrwagen bespuckt. Fast täglich werden Sanitäter und Feuerwehrleute irgendwo im Südwesten angegriffen und oft auch verletzt. Im vergangenen Jahr so oft wie nie zuvor.

Im Vergleich zum Jahr 2011 seien sie mindestens drei Mal so oft attackiert worden, teilte das baden-württembergische Innenministerium mit. Verglichen mit dem vorvergangenen Jahr ist die Zahl der körperlichen Angriffe im Jahr 2019 um mehr als ein Drittel gestiegen.

«Da spielen sich ab und zu Szenen ab, bei denen wir über Polizeischutz nachdenken müssen», sagt Marc Groß, Landesgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes, am Donnerstag. Schockiert habe ihn besonders ein Zwischenfall bei den jüngsten Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt: «Da wurden Rettungskräfte in ihrem Wagen minutenlang eingekesselt und beworfen - mit einem Patienten an Bord», erinnert sich Groß. «Das hat uns bis ins Mark getroffen. Solche Bilder kannte ich bislang nur aus den Bundeswehrberichten über Afghanistan.»

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) ruft die Politik auf, öffentlich deutlicher zu machen, wie wichtig die Arbeit von Rettungskräften ist. «Das muss dringend einen anderen Stellenwert bekommen», sagt Groß. Dagegen fordert die CDU für die Täter schärfere Konsequenzen. Angreifer sollten deutlich schneller die Folgen der Taten zu spüren bekommen, sagte der innenpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Thomas Blenke. «Beleidigungen oder Straftaten gegen Rettungskräfte mit klarer Beweislage könnten im beschleunigten Verfahren verhandelt werden», schlug er vor. Nur durch eine schnelle Sanktionierung zeige der Rechtsstaat, dass er Straftaten nicht toleriere, sondern entschieden bestrafe.

Laut Ministerium wurden im vergangenen Jahr 190 Fälle von Gewalt gegen Rettungskräfte registriert, im Jahr zuvor waren es noch 139 gewesen. 255 Angehörige von Rettungsdienst und Feuerwehr wurden dabei Opfer körperlicher Angriffe - die Zahl liegt höher als die Zahl der Taten, da in einigen Fällen mehrere Menschen bei ein und demselben Zwischenfall angegriffen wurden. 93 von ihnen wurden 2019 bei den Zwischenfällen leicht verletzt - etwa bei Protest gegen die Rettungsgasse, bei Gaffern oder zum Beispiel bei Familienstreitigkeiten, bei denen sie von oft betrunkenen Angreifern gestoßen oder beworfen wurden.

Und das, obwohl 2017 ein Gesetz geändert und tätliche Angriffe auf Feuerwehrleute und Rettungsdienstmitarbeiter seitdem schärfer bestraft werden. Angriffe auf helfende Feuerwehrleute zum Beispiel werden mittlerweile mit mindestens drei Monaten Freiheitsstrafe geahndet.

Die Dunkelziffer der Taten dürfte nach Einschätzung des Innenministeriums hoch sein. Nicht jedes Kriminalitätsopfer zeige eine Straftat an, das sei berufsübergreifend so. «Wurde die Straftat darüber hinaus auch durch Unbeteiligte nicht wahrgenommen und das Opfer vertraut sich niemandem an, begünstigt dies den Eingang in das sogenannte Dunkelfeld», erläuterte das Ministerium.

In 30 Dienstjahren hat auch Alfred Brandner die zunehmende Steigerung der Gewalt und der Beleidigung miterlebt. «Früher gab es im Einsatz auch mal einen Kaffee, heute müssen wir uns fast verteidigen», sagt der 68-Jährige aus Schwäbisch Gmünd, der auch nach seinem Abschied aus dem DRK als Rettungsfachkraft und als Dozent in der Gewaltprävention unterwegs ist. Tatorte gebe es fast überall - im Rettungswagen, an Brandorten, in der Wohnung des Patienten, in der Arztpraxis, in der Klinik, auf der Straße und in Kneipen. «Und die Wurzeln der Gewalt liegen meist einzig und allein in der Persönlichkeit der Täter. Diese haben kein Gespür für das Leid anderer», sagt Brandner.