Baden-Württemberg

Armutsrisiko steigt: Corona-Pandemie als Treiber

Rucksack und Schild mit Aufschrift «Ich habe Hunger»
Ein grüner Rucksack vor einem Pappschild mit der Aufschrift «Ich habe Hunger». Foto: Peter Kneffel/dpa/Symbolbild © Peter Kneffel

Stuttgart (dpa/lsw) - Die Corona-Pandemie verschärft aus Sicht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands die Lage für ärmere Menschen und wird die Armutsgefährdung in Baden-Württemberg in diesem Jahr weiter steigen lassen. Bereits im vergangenen Jahr habe der Anteil der in relativer Armut lebenden Baden-Württemberger den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung erreicht, teilte der Verband mit. «Nun sind frische Lebensmittel teurer geworden. Dazu kommen zusätzliche Ausgaben für notwendige Schutzkleidung und Hygieneartikel», sagte die Landesverbandsvorsitzende Ursel Wolfgramm am Freitag.

Betroffene Menschen hätten keine finanziellen Rücklagen, außerdem verstärke die Kurzarbeit die prekäre finanzielle Lage. «Menschen, die ohnehin wenig haben, gehören zu den großen Verlierern der Corona-Krise», sagte Wolfgramm, bei der Vorlage des «Armutsberichts 2020» am Freitag in Stuttgart. Sie forderte unter anderem höhere Hartz-IV-Sätze und eine Kindergrundsicherung.

Nach diesen Angaben und laut Statistischem Bundesamt mussten im vergangenen Jahr rund 12,3 Prozent der 11 Millionen Menschen im Land mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze auskommen. Im Jahr zuvor waren es 11,9 Prozent oder 1,3 Millionen. Nur in Bayern ist der Anteil etwas geringer. Bundesweit liegt die Armutsquote dem Bericht zufolge bei 15,9 Prozent nach 15,5 Prozent im Jahr 2018. Rechnerisch seien damit mehr als 13 Millionen Menschen von Einkommensarmut betroffen, heiß es im Bericht des Paritätischen Gesamtverbands, der am Freitag in Berlin ebenfalls vorgestellt wurde.

Dem wohlhabenden Süden stehen Nordrhein-Westfalen und der Osten mit Quoten von rund 18 und teils mehr als 19 Prozent gegenüber. Zudem sei auch in einigen Regionen Baden-Württembergs ein auffälliger Anstieg der Armut festzustellen, der dringend politische Aufmerksamkeit und ein Gegensteuern erfordert, bemängelte der Paritätische.

Armut wird in reichen Ländern wie Deutschland nicht über direkte Not, wie Hunger oder Obdachlosigkeit definiert, sondern über das Haushaltseinkommen und die daraus folgenden Möglichkeiten an gesellschaftlicher Teilhabe. Die Armutsgefährdungsquote gibt dabei den Anteil der Bevölkerung an, der mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss. Bei einem Einpersonenhaushalt lag diese Grenze in Deutschland im vergangenen Jahr bei 1074 Euro im Monat. Der Paritätische Gesamtverband bereitet in dem Bericht bereits veröffentlichte Zahlen der Behörden auf.

Laut Bericht verteilt sich die Armut regional deutlich. Im Süden rund um München liegen die Regionen mit den niedrigsten Armutsquoten. Die meiste Armut gemessen an der Einwohnerzahl gibt es in und um Bremen und Bremerhaven. In Baden-Württemberg ist der Anteil vor allem in der Region Rhein-Neckar (15,1), am Südlichen Oberrhein (14,0) und im Nordschwarzwald (13,6) ausgeprägt. Die niedrigsten Quoten finden sich in der Region Hochrhein-Bodensee (10,6) und in Ostwürttemberg (10,9). Die Armutsquote bei den Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren liegt landesweit laut Bericht bei 14,8 Prozent - auch dies ein Höchststand.