Kommunen

Bürgermeisterinnen dringend gesucht: «tolles Amt»

Ehemalige Bürgermeisterin Astrid Siemes-Knoblich (parteilos)
Astrid Siemes-Knoblich (parteilos), ehemalige Bürgermeisterin von Müllheim. © Thomas Reichelt

Kehl (dpa/lsw) - Baden-Württemberg hat 1101 Gemeinden und nur in knapp 100 von ihnen ist der Chefsessel im Rathaus von einer Frau besetzt. Angesichts insgesamt rückläufiger Kandidatenzahlen für dieses Amt werben Experten bei Frauen dafür, Klischees über Bord zu werfen und sich die verantwortungsvolle Aufgabe einfach zuzutrauen. «Überkommene Rollenbilder hindern Frauen gerade in kleinen Gemeinden, sich für diese Spitzenpositionen zu bewerben», sagt Joachim Beck, Rektor der Verwaltungshochschule Kehl, der Deutschen Presse-Agentur. Dabei hätten Frauen viele Gestaltungsmöglichkeiten und könnten Anliegen von Frauen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorantreiben.

An diesem Donnerstag treffen sich etwa 50 amtierende und ehemalige Bürgermeisterinnen in Titisee-Neustadt. Für die dortige Rathauschefin Meike Folkerts liegt der Fokus des Treffens auf dem Netzwerken. «Wir sind alle über einen Messengerdienst verbunden, teilen Wissen und Ideen und unterstützen uns in dem manchmal recht einsamen Job.» Gerade beim Umgang mit der Corona-Pandemie sei das sehr hilfreich gewesen.

Frauen stellen zwar an den beiden Verwaltungshochschulen in Kehl und Ludwigsburg die große Mehrheit. Von den insgesamt 800 Studienplätzen für das Fach «Public Management» sind 80 Prozent von Studentinnen belegt. Bei den Kandidaturen ist laut Rektor Beck das Verhältnis gerade umgekehrt. Der Gemeindetag zählt 92 Bürgermeisterinnen. In sechs Gemeinden «regieren» Oberbürgermeisterinnen: In Fellbach Gabriele Zull, in Schramberg Dorothee Eisenlohr, in Kornwestheim Ursula Keck, in Metzingen Carmen Haberstroh, in Stutensee Petra Becker und in Bruchsal Cornelia Petzold-Schick - alle parteilos.

Für die ehemalige Bürgermeisterin von Müllheim, Astrid Siemes-Knoblich (parteilos), ist die Parität ein Herzensanliegen. «Es ist wichtig, dass die Hälfte der Bevölkerung auch die Hälfte der Fähigkeiten, der Kompetenzen, der Ideen und Erfahrungen beisteuert, die eine Gesellschaft voranbringen.» Dass Frauen nicht im Entferntesten entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung auf den Spitzenposten vertreten sind, hat nach ihrer Meinung zwei Gründe: Die inoffiziellen Findungskommissionen in den Gemeinderäten bevorzugten Männer. Andererseits mangele es auch an der Bereitschaft der Frauen zu kandidieren. «Sie glauben nicht das Rüstzeug mitzubringen - ein generelles Problem für Frauen in Führungspositionen.»

Folkerts, die Gastgeberin der Zusammenkunft im Schwarzwald, meint, dass die Anforderungen an die Frauen, Familie und Amt zu vereinbaren, sehr hoch sind. «Da muss schon die ganze Familie mitziehen, dass es funktioniert», sagt die alleinerziehende Mutter eines Sohnes. Frauenfeindliche Sprüche hat die 37-Jährige im Wahlkampf erlebt. Ein älterer Mitbewerber habe auf einer Podiumsdiskussion die Frage gestellt, welcher Kandidat die Familienplanung wohl schon abgeschlossen habe. Mittlerweile zeigten sich die Bürger stolz, dass sie die einzige Bürgermeisterin im Hochschwarzwald haben.

Für den Gemeindetag gibt es nicht die eine Erklärung für das nicht nur bei Frauen mangelnde Interesse an dem Wahlamt. «Es ist vielmehr eine grundsätzliche Frage, wie es gelingen kann, dass mehr Frauen und Männer bereit sind, sich den Anforderungen des Bürgermeisteramtes zu stellen», heißt es bei dem Kommunalverband.

Ex-Rathauschefin Siemes-Knoblich hat beobachtet, dass Frauen oft nicht für eine zweite Amtszeit gewählt werden. Sie würden als Krisenmanagerinnen gewählt, weil man ihnen zutraue, widerstreitende Interessen unter einen Hut zu bringen. Oft seien das Schwierigkeiten, die vom Rathaus gar nicht beeinflussbar seien: «Da klaffen Erwartungen und Möglichkeiten auseinander.»

Derzeit bewerben sich nach ihrer Beobachtung Frauen Ende 40 nach abgeschlossener Familienphase oder ganz junge Frauen auf die Posten. Für alle gelte, dass Hobbys und Familie hinten an gestellt werden müssten. «Wer bereit ist, für einen verantwortungsvollen 24/7-Job Familie und individuelle Wünsche zurückzustellen, für die oder den ist das ein tolles, kreatives Amt.» Um ihn für Frauen attraktiver zu machen, sollten die Amtszeiten von acht auf fünf Jahre verkürzt und nur eine zweite Amtszeit erlaubt werden, so Siemes-Knoblich.

Laut einer Umfrage der Organisation «Diversity in Leadership» arbeiten 61 Prozent der Bürgermeister mehr als 50 Stunden, jede vierte sogar über 60 Stunden. Das treffe besonders auf hauptamtliche Bürgermeister zu. Aber auch Ehrenamtliche bringen es demnach auf 20 bis 40 Stunden.

Gleiche Bezahlung ist auch bei Rathauschefinnen ein Thema. Siemes-Knoblich klagt vor dem Verwaltungsgericht Freiburg, weil sie weniger Geld verdiente als ihr Vorgänger und ihr Nachfolger, die beide vom Gemeinderat in eine höhere Besoldungsgruppe eingestuft worden seien. «Das ist kein Einzelfall.»