Baden-Württemberg

Baerbock im Südwesten: Wahlkampf ist kein Zuckerschlecken

Wahlkampfauftakt der Grünen in Baden-Württemberg
Annalena Baerbock (M) steht zum Abschluss des Wahlkampfauftakts der Grünen auf der Bühne. Foto: Uwe Anspach/dpa © Uwe Anspach

Stuttgart (dpa) - Der Südwesten als Vorbild für die ganze Republik? Annalena Baerbock gibt sich am Mittwoch jedenfalls beeindruckt vom Ländle. Gemeinsam mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) besucht die Kanzlerkandidatin der Grünen ein Zementwerk in Allmendingen im Alb-Donau-Kreis. Die beiden tragen knallorangene Warnwesten, weiße Helme und bestaunen den großen Steinbruch, in dem die Rohstoffe gewonnen werden. Die Produktion läuft klima- und ressourcenschonend. Das gefällt Baerbock. In Sachen klimagerechter Wohlstand nennt sie Baden-Württemberg sogar eine «Blaupause». Deshalb sei sie hier.

Baerbock nannte konkret die von der grün-schwarzen Landesregierung initiierten Strategiedialoge, bei denen die klugen Köpfe eines Landes oder einer Region an einen Tisch geholt würden. «Das ist auch die Blaupause für eine zukunftsfähige Politik auf Bundesebene». so die 40-Jährige.

Baerbock ist seit Wochen in der Defensive, will wieder Oberwasser gewinnen in diesem Bundestagswahlkampf. Beim Besuch in Baden-Württemberg soll es um Inhalte gehen, nicht um ihre Person. Im schwäbischen Allmendingen spricht sie von Wertschöpfungskraft, von internationaler Konkurrenz bei der Klimaneutralität. Die Spitzenpolitikerin der Grünen fordert eine «massive Entbürokratisierung» bei Fördermitteln. Klimaneutralität in der Industrie sei nichts Abstraktes mehr.

Die Grünen waren nach Bekanntgabe der Kanzlerkandidatur von Baerbock zunächst im Umfragehoch. Danach gerieten sie aber unter Druck, auch weil Plagiatsvorwürfe gegen die Bundesvorsitzende wegen ihres Buchs «Jetzt. Wie wir unser Land erneuern» erhoben wurden. Zuvor war bekannt geworden, dass Baerbock Sonderzahlungen der Partei verspätet an den Bundestag gemeldet hatte. Partei und Kandidatin mussten zudem Angaben in Baerbocks Lebenslauf korrigieren. Zuletzt lagen die Grünen in Meinungsumfragen deutlich hinter der Union.

Baerbock zeigte sich am Mittwoch wenig überrascht angesichts der heftigen Kritik, die sich in den vergangenen Wochen gegen sie richtete. «Dass ein Wahlkampf nicht nur Zuckerschlecken ist, war uns von Anfang an klar», sagte sie auf die Frage, wie sie wieder Tritt fassen wolle im Wahlkampf. «Ganz besonders wenn man zum ersten Mal in seiner 40-jährigen Geschichte überhaupt eine Kanzlerkandidatin aufstellt.» Man stehe vor einer Richtungswahl. Es gehe um die entscheidenden Weichenstellungen für klimagerechten Wohlstand.

Am Mittwochabend läuteten die Grünen dann offiziell in einem Heidelberger Biergarten den Bundestagswahlkampf ein. «Wenn ich 50 Jahre jünger wär, würde ich sagen: Wir rocken das», rief Kretschmann den Anhängern zu. Nur durch Klimaschutz werden man den Wohlstand erhalten können. «Der Weg ins postfossile Zeitalter ist kein Spaziergang», sagte er. Kretschmann betonte vor allem die Bedeutung der Bauwirtschaft im Kampf gegen den Klimawandel. Dabei gehe es um die «graue Energie», also den Aufwand, um Baustoffe herzustellen und ein Gebäude zu errichten. Oft würden Gebäude abgerissen, obwohl deren Substanz noch intakt sei. Mit dem Grundsatz Sanierung vor Neubau könne man viel für die Umwelt bewirken.

Baerbock forderte in Heidelberg mehr Investitionen in Grundschulen. Es sei ja nicht so, dass Deutschland wenig für Bildung ausgebe, aber das Geld komme nicht dort an, wo es am allermeisten gebraucht werde, kritisierte sie. «Nämlich im Primarbereich, bei den Kleinsten, in den Kitas, aber vor allem in den Grundschulen - da wird der Schlüssel für einen guten Bildungsweg gelegt.» In den Grundschulen erreiche man jedes Kind - egal welcher Herkunft und unabhängig vom Einkommen der Eltern. «Deshalb muss genau dort unsere Priorität sein.»

Die Abteilung Attacke wurde in Heidelberg von der Grünen-Landesvorsitzenden Sandra Detzer bedient. Sie griff Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet frontal an. «Regieren ist auch eine Stilfrage», sagte sie. «Und genau deswegen wäre der lachende Laschet eine Fehlbesetzung - und das werden wir in diesem Wahlkampf immer wieder deutlich machen.» Detzer bezog sich dabei auf das Lachen des CDU-Politikers bei einer Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Flutkatastrophengebiet.

Die Union versuche sich nun im «Schlafwagen-Wahlkampf» in die nächste Regierung zu schaukeln, aber das werde man nicht zulassen, sagte Detzer. «Die CDU hat kein Abo auf das Kanzlerinnenamt, das machen wir ihnen streitig.» Wenn man so eine Machtfrage stellt, blase einem der Wind ganz gehörig ins Gesicht. «Das ist das, was wir erwartet haben.»

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