Baden-Württemberg

Debatte um Umgang mit Krippenfigur in Ulmer Münstergemeinde

Frank Otfried July während einer Pressekonferenz
Frank Otfried July während einer Pressekonferenz. Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild © Sebastian Gollnow

Ulm (dpa/lsw) - An einer Krippenfigur hat sich in Ulm eine Debatte um den Umgang mit rassistischen Abbildungen entfacht. Die evangelische Münstergemeinde wird die Heiligen Drei Könige, darunter den Melchior mit schwarzer Hautfarbe, in diesem Jahr aus der Weihnachtskrippe entfernen, sagte Dekan Ernst-Wilhelm Gohl. Die Gemeinde reagiere damit auch auf die andauernde Rassismus-Debatte in Deutschland.

«Die Holzfigur des Melchior ist etwa mit seinen dicken Lippen und der unförmigen Statur aus heutiger Sicht eindeutig als rassistisch anzusehen», so Gohl. Dies könne und wolle die Gemeinde so nicht stehen lassen. Stattdessen soll in diesem Jahr die Weihnachtsgeschichte nach Lukas erzählt werden, in der die Heiligen Drei Könige nicht vorkommen. Mitglieder der Gemeinde hatten die Figur laut Gohl als «widerlich und rassistisch» bezeichnet. «Sie haben uns gesagt: «Diese Darstellung würdigt mich als schwarzen Christen herab»», so Gohl.

Mit der Entscheidung möchte die Gemeinde auch einer möglichen Debatte während der Feiertage vorgreifen. Das diesjährige Weihnachten solle nicht von einer Diskussion um die Krippenfiguren bestimmt werden. Eine endgültige Entscheidung zum Umgang mit der Figur des Melchior wolle die Gemeinde «in aller Ruhe» im neuen Jahr treffen. Er könne sich etwa vorstellen, dass die Figur dennoch gezeigt werde, aber eingeordnet und erklärt wird, so Gohl. Eine weitere Idee sei, etwa mit Schulklassen eine neue Krippe zu gestalten.

Einen solchen Umgang befürwortet auch der württembergische Landesbischof Frank Otfried July. «Der Weg, den man jetzt in Ulm versucht zu gehen, ist richtig», sagte er am Mittwoch der dpa. «Es ist wichtig, eine Entscheidung gut zu beraten und auf dem Weg dorthin die dafür nötige Ruhe in der Gemeinde zu gewinnen.»

July sprach sich dafür aus, die Figuren mit einem erklärenden Kommentar zu versehen. «So etwas abzuhängen oder wegzustellen oder in einem Museum zu verstecken, halte ich für den schlechteren Weg», sagte July. «Es ist unsinnig, Dinge im Nachhinein unserer gegenwärtigen Überzeugung anzupassen. Man muss sie erklären und in eine heutige, kritische Bewertung stellen.»

Neben der Diskussion um die Darstellung des Melchior beschäftigt die Ulmer auch der Umgang mit der unweit des Münster gelegenen «Mohrengasse». Hier wurde zuletzt eine Umbenennung von einem Gremium der Stadt jedoch abgelehnt. Auch in anderen Städten gab es bereits Debatten zu aus heutiger Sicht als rassistisch empfundenen Darstellungen schwarzer Menschen. So wurde eine umstrittene «Sarotti-Mohr»-Werbung vom Kulturzentrum Capitol in Mannheim nach einer Diskussion um die Darstellung verhüllt.

Ein Sprecher der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland hatte damals kritisiert, dass die Figuren nicht entsorgt wurden und den Versuch, die Dekoration in einen neuen Kontext zu stellen, als «Krampf» bezeichnet. Das jetzige Vorgehen der Ulmer Münstergemeinde, begrüßte der Sprecher der Initiative aber. «Es zeigt, dass es inzwischen einen konsequenteren Umgang mit Rassismus gibt», sagte Tahir Della.

In der Diözese Rottenburg/Stuttgart kann man die Entscheidung der evangelischen Münstergemeinde nachvollziehen. «Die Darstellung des Melchiors ist dort durchaus problematisch und ein sensibler Umgang vor Ort auch von uns gewünscht», teilte eine Sprecherin mit. Grundsätzlich habe das Brauchtum der Heiligen Drei Könige aber keinen rassistischen Hintergrund. Es gebe daher auch keine Empfehlung von Seiten der Diözese, auf den dunkelhäutigen König als Krippenfigur zu verzichten. Bei den Sternsingern gebe es dagegen vom Kindermissionswerk die Empfehlung, die Kinder nicht zu schminken. Die Gleichsetzung von Hautfarbe und Herkunft gehe heute nicht mehr auf.

Im Erzbistum Freiburg wird die Bedeutung der Krippenfiguren ähnlich bewertet. Die drei Könige verdeutlichten zunächst die drei Kontinente der damals bekannten Welt und seien keineswegs rassistisch gemeint, teilte Weihbischof Peter Birkhofer, Dompropst des Freiburger Münsters, mit. «Sich die eigenen Vorurteile immer wieder bewusst zu machen und diese zu hinterfragen, ist eine Aufgabe für jeden von uns.» Die evangelische Kirche in Ulm habe eine solche Diskussion in Gang gebracht. «Ich würde mich freuen, wenn auch die Menschen im Erzbistum Freiburg kritisch mit solchen Stereotypen umgehen», teilte der Bischof mit.

Auch in Bayern hat das Vorgehen der Ulmer Gemeinde eine Diskussion angestoßen. «Die Thematik wird auch bei uns im Erzbistum diskutiert, konkrete Maßnahmen sind uns aber nicht bekannt», sagte eine Sprecherin des Erzbistums München und Freising am Mittwoch auf Anfrage.