Baden-Württemberg

Erste Region im Südwesten überschreitet 50er-Corona-Marke

Landkreis Esslingen
Autos fahren hinter einem Schild mit der Aufschrift «Lkr. Esslingen» entlang. Foto: Sebastian Gollnow/dpa © Sebastian Gollnow

Stuttgart (dpa/lsw) - Der Landkreis Esslingen hat als erste Region im Südwesten die Grenze von 50 Corona-Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen überschritten. Das teilten die Gesundheitsbehörden am Mittwoch mit. Der Wert liege bei 52,3. Damit gehen schärfere Maßnahmen zum Infektionsschutz einher.

«Das ist eine besorgniserregende Entwicklung», sagte Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne). Das Land stehe im engen Kontakt mit dem Landkreis, auch was die jetzt anstehenden schärferen Maßnahmen betreffe. Das Infektionsgeschehen dort gehe vor allem auf Reiserückkehrende, private Feiern und den Ausbruch in einem Unternehmen zurück. Die Kontaktpersonennachverfolgung sei in vollem Gange, sagte Lucha. Er appellierte eindringlich an die Bevölkerung, die Corona-Regeln strengstens einzuhalten. «Wir müssen eine diffuse Ausbreitung des Virus unbedingt verhindern.»

Die Zahl der nachgewiesenen Coronavirus-Infektionen hat sich in Baden-Württemberg im Vergleich zum Vortag um 652 Fälle erhöht. Am Dienstag waren es noch 388 neue Fälle. Insgesamt hätten sich im Land nun 52 222 Menschen nachweislich mit dem Erreger Sars-CoV-2 angesteckt, teilte das Landesgesundheitsamt mit. Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus stieg um 4 auf 1898.

Die Lage spitzt sich seit Tagen gefährlich zu. Mehrere Regionen haben bei der sogenannten Sieben-Tages-Inzidenz die Vorwarnstufe von mehr als 35 Corona-Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen erreicht - darunter die Landeshauptstadt. Die sogenannte Sieben-Tages-Inzidenz lag in Stuttgart am Mittwoch bei 38,4 und somit über der kritischen Marke von 35. Auch Mannheim (37,3) und der Stadtkreis Heilbronn (35,5) liegen in der Vorwarnstufe. Die Sieben-Tages-Inzidenz für das ganze Land stieg am Mittwoch auf 20,6.

Rathäuser und Landratsämter sind deshalb zu neuen Einschränkungen gezwungen. Nach Mühlacker, dem Kreis Esslingen und Mannheim schränkt auch Stuttgart die Teilnehmerzahlen bei privaten Feiern ein. Dort sind Feiern in privaten Räumen von Freitag an und für die kommenden zwei Wochen nur noch erlaubt, wenn weniger als 25 Menschen zusammenkommen. In der Öffentlichkeit oder in angemieteten Räumen liegt die Grenze bei 50 Teilnehmern, wie die Stadt am Mittwoch mitteilte.

Mit der Verschärfung folgen die Kreise und Kommunen der Empfehlung der Bund-Länder-Kommission von Ende September, die insbesondere der Verbreitung von Infektionen im Rahmen von Feierlichkeiten im Familien- und Freundeskreis vorbeugen soll. Bei mehr als 50 Fällen pro 100 000 Einwohner können in betroffenen Gegenden Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen verschärft werden. Welche konkreten Maßnahmen Esslingen nun ergreift, blieb am Mittwochabend zunächst offen.

Bereits am Dienstag hatte die baden-württembergische Landesregierung wegen der steigenden Infektionszahlen die zweite von drei möglichen Corona-Warnstufen ausgerufen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sprach von einer Habt-Acht-Stufe. Die Pandemiestufe zwei gilt, wenn die landesweite sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz von 10 Fällen je 100 000 Einwohner überschritten wird und zusätzlich das Infektionsgeschehen diffus ansteigt oder sich die landesweiten wöchentlichen Fallzahlen innerhalb von zwei Wochen verdoppeln.

Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) nannte die neue Auflage in der Landeshauptstadt am Mittwoch «zielgerichtet und angemessen». Es gehe darum, das öffentliche Leben so weit es geht aufrechtzuerhalten. «Wir wollen einen weitreichenden Lockdown verhindern. Damit Kinder in die Kita oder in die Schule gehen und Geschäfte offenbleiben können, schränken wir private Zusammenkünfte ein, so wie es auch andere Kommunen gemacht haben.»

Nach Angaben des Leiters des Stuttgarter Gesundheitsamts, Stefan Ehehalt, lassen sich Corona-Ausbrüche in ganz Deutschland vermehrt auf Feiern und Partys zurückführen. «Überall dort, wo Menschen auf engem Raum zusammenkommen, laut reden, sich locker austauschen, verbreiten sich Viren. Wenn wir Infektionen nachverfolgen und Ketten durchbrechen wollen, müssen wir den Hebel hier ansetzen», sagte er.

Um Infektionen aus anderen gefährdeten Teilen Deutschlands zu verhindern, soll bundesweit zudem ein Beherbergungsverbot für Urlauber aus inländischen Gebieten mit hohen Corona-Infektionszahlen gelten. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur in Berlin am Mittwoch aus Teilnehmerkreisen nach einer Schaltkonferenz der Chefs der Staatskanzleien der Länder mit Kanzleramtschef Helge Braun (CDU).

Zentrales Kriterium beim Krisenmanagement ist, ob es in einer Region mehr als 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen gibt. Anhand dieser Schwelle stuft die Bundesregierung auch andere Staaten als «Risikogebiete» für deutsche Urlauber ein. Im Inland haben Bund und Länder vereinbart, dass ab dieser Marke in «besonders betroffenen Gebieten» örtliche Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Baden-Württemberg hatte Einreiseverbote und zusätzliche Quarantäneauflagen für Reisende aus dem Inland zunächst nicht in Betracht gezogen. Im Südwesten gilt jedoch schon seit längerem ein Beherbergungsverbot für Besucher aus Stadt- oder Landkreisen mit erhöhtem Infektionsgeschehen für Hotels, Herbergen, Campingplätze und andere ähnliche Einrichtungen.

Bundesweit hat die Zahl der Neuinfektionen wieder einen Höchstwert seit der zweiten Aprilhälfte erreicht. In Fellbach wurden unter anderem 41 Geflüchtete in einer Unterkunft unter Quarantäne gestellt, nachdem sich vier Bewohner mit dem Coronavirus angesteckt hatten. In der Stadt sind außerdem mehrere Schulklassen in Quarantäne.

Auch in Heilbronn steht seit Mittwoch eine Flüchtlingsunterkunft mit 50 Bewohnern unter Quarantäne, nachdem drei Personen positiv auf das Virus getestet wurden. Oberbürgermeister Harry Mergel (SPD) appellierte an das Verantwortungsbewusstsein der Bürger. «Die Gefahr, sich mit dem Virus anzustecken ist keineswegs vorbei. Im Gegenteil, sie verstärkt sich» teilte er mit. «Sollten die Zahlen weiter steigen, werden wir mit strikteren Maßnahmen reagieren müssen.» Er kündigte verstärkte Kontrollen von Ordnungsamt und Polizei an.