Studie

Fachkräftemangel für Ganztagsbetreuung in Schulen ist massiv

Studie zu Ganztagesbetreuung in der Grundschule
Ein Schulbetreuer hält in der Kantine einer Grundschule eine Sanduhr hoch. © Sebastian Gollnow

Gütersloh/Stuttgart (dpa/lsw) - Ab dem Sommer 2026 haben Eltern eigentlich stufenweise einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in den Grundschulen. Eigentlich. Denn es scheint geradezu aussichtslos, dass diese Zusage in Baden-Württemberg auch erfüllt werden kann. Nicht nur in den Kitas ist der Fachkräftemangel akut, auch in der Ganztagsförderung muss das Land trotz schwerer Zeiten massive Lücken stopfen. Bereits jetzt ist absehbar, dass es viel zu wenige Fachkräfte gibt, um bis Ende des Jahrzehnts auch nur ansatzweise jedem Grundschulkind ein Angebot zur Ganztagesbetreuung machen zu können. Das machen Analysen deutlich, die die Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh in ihrem «Fachkräfte-Radar» für Kita und Grundschule zusammengestellt hat.

Die Ergebnisse

Laut dem «Fachkräfte-Radar für Kita und Grundschule» nutzen in Baden-Württemberg 45 Prozent der Kinder im Grundschulalter ein Ganztagsangebot, 16 Prozent ein sogenanntes Übermittagsangebot, das bis etwa 14.30 Uhr zur Verfügung steht. Würden nun alle Kinder im Grundschulalter bis zum Jahr 2030 ihren Rechtsanspruch wöchentlich nutzen, würde laut Studie zwischen Bedarf und Angebot eine Lücke von mehr als 12.000 Fachkräften klaffen. «Dies sind viermal so viele Personen wie die fast 3000 Fachkräfte, die laut Prognose als neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bis 2030 verfügbar sein könnten», heißt es im Bertelsmann-Radar. Der Rechtsanspruch stelle das Land vor erhebliche Herausforderungen. «Es muss sofort, mit allen Verantwortlichen, eine langfristige und massive Fachkräfteoffensive gestartet werden», warnt Kathrin Bock-Famulla, Expertin für frühkindliche Bildung der Stiftung.

Szenarien

Die drei Expertinnen spielen mehrere Szenarien durch. In den ostdeutschen Bundesländern zum Beispiel liegt der Schnitt der Teilhabequote bei rund 86 Prozent. Würde zumindest dieser auch in Baden-Württemberg angestrebt, so fehlten laut Radar immer noch mehr als 9000 pädagogische Fachkräfte. Und selbst wenn weiterhin ein Teil der Kinder die kürzere Übermittagsbetreuung in Anspruch nähme, läge der Personalmangel immer noch bei 6000. «In allen sechs Szenarien ist bis 2030 in Baden-Württemberg eine erhebliche Fachkräftelücke zu erwarten», warnen die Experten. Allerdings fehlen auch die Plätze: Soll bis 2030 für jedes Kind im Grundschulalter ein Platz zu haben sein, müssten laut Studie fast 190.000 Plätze neu geschaffen werden. Und selbst bei einer ostdeutschen Quote wären es noch mehr als 130.000.

Bundesweite Lage

Mit Blick aufs ganze Land könnten mehr als 100.000 pädagogische Fachkräfte fehlen. Vor allem im Westen wird die Umsetzung des Rechtsanspruchs demnach schwierig, im Osten sollte dagegen der vergleichsweise schlechtere Personalschlüssel auf West-Niveau verbessert werden. Ein gutes Zeugnis stellt die Studie nur Berlin, Hamburg und Thüringen aus. Dort gibt es bis Ende des Jahrzehnts laut der Prognose genügend Personal, um jedem einzelnen Grundschulkind einen Ganztagsplatz anzubieten - und das bei einem guten Betreuungsschlüssel. Am Geld scheitert es der Studie zufolge bei allen anderen nicht - es gibt schlicht zu wenige Menschen, die den Beruf ergreifen wollen.

Kettenreaktion

Ohne Ausbildung keine Fachkräfte, warnt die Studie zudem und mahnt, es müssten rechtzeitig Lehrkräfte ausgebildet werden, um das fehlende Personal zu schulen. Es seien lange «Herstellungshorizonte einzuplanen», um schließlich auf die Personalstärke zu kommen, die es brauche. Baden-Württemberg fördere zwar schon Projekte wie die Praxisintegrierte Ausbildung (PiA). Aber der Fachkräfte-Bedarf im Bildungsbereich bleibt enorm. Denn nicht nur im Ganztag fehlt es deutlich, auch bei den Kitas ist die Lücke riesengroß: Es werden demnach mehr als 33.000 weitere Erzieherinnen und Erzieher fehlen, andere Szenarien gehen sogar von über 41.000 aus, wie der «Fachkräfte-Radar für KiTa und Grundschule» im vergangenen Sommer bereits vorgerechnet hat.

Was nun?

Die Unternehmer Baden-Württemberg (UBW) bemängeln, es gebe zwar mehr Ausbildungsplätze, das reiche aber nicht aus. Quereinsteiger müssten ebenfalls ausgebildet und Erzieher aus dem Ausland gewonnen werden, sagt Stefan Küpper, UBW-Geschäftsführer für Politik, Bildung und Arbeitsmarkt. Gefordert wird außerdem eine Imagekampagne für die Erziehungsberufe. Dort setzt auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) an: «Wir müssen jungen Menschen den Beruf des Erziehers und der Erzieherin wieder näherbringen durch bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen», sagt der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand. Bestandspersonal müssten Angebote zur Gesundheitsförderung gemacht werden. Brand rechnet aber auch nicht damit, dass alle Eltern ihren Rechtsanspruch wahrnehmen werden. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi erwartet vom Land eine langfristige Fachkräfteoffensive.

Der Gemeindetag kritisiert die «Schrittfolge» beim Rechtsanspruch. «Es wird zunächst ein gesetzlicher Anspruch festgelegt, es ist aber völlig ungeklärt, ob und wie dieser erfüllt werden kann. Politik muss aber beim Betrachten der Realität beginnen», sagt Gemeindetagspräsident Steffen Jäger.