Baden-Württemberg

Frostige Nächte: Kältebusse helfen aus

Kältehilfe
Ein wohnungsloser Mann hält eine Schale mit Eintopf, die er von Helfern des Kältebusses bekommen hat, in den Händen. Foto: Moritz Frankenberg/dpa/Archivbild © Moritz Frankenberg

Stuttgart (dpa/lsw) - Es ist bitterkalt in dieser Nacht, grelles Licht flutet die Unterführung. Aus dem Schlafsack lugt nur der Kopf des älteren Mannes hervor, eine Wollmütze schützt ihn vor den eisigen Temperaturen weit unter Null. Den Plastikbecher voll heißem Tee, den ihm der ehrenamtliche Betreuer Tobias reicht, nimmt er dankbar an. Seine vier Wände, sein Zuhause, das ist die Unterführung in der Stuttgarter Innenstadt in dieser Nacht. Gemütlich ist anders, völlig anders. Dabei ist das notdürftige Bettlager auf dem Pappkarton nur einer der Orte, an dem Tobias und sein Kollege Martin in ihrer Vier-Stunden-Schicht mit dem Kältebus des Deutschen Roten Kreuzes Halt machen.

Eine windgeschützte Ecke hinter einem Fahrstuhlschacht, der wärmende Vorraum einer Bank oder der Eingang einer Einkaufspassage, eine Brücke oder ein Zelt am Rand des Parks - seit acht Jahren ist der VW-Bus von DRK und Stadt in der Nacht unterwegs. Wenn die Temperaturen unter Null Grad sinken, setzen die Ehrenamtlichen den Tee auf, packen die blauen Plastikkisten voller gespendeter Schlafsäcke, Mützen, Jacken und Isomatten, Snacks und gestrickter Hundepullis zusammen und machen sich auf den Weg durch die Stadt. Zahlreiche bekannte oder vom Sozialamt, Streetworkern oder Anrufern gemeldete Plätze fahren sie an, um nach dem Rechten zu schauen. Die Helfer verweisen auch auf die Angebote der Wohnungsnotfallhilfe und bringen Bedürftige in seltenen Fällen in Notunterkünfte.

«In Corona-Zeiten gibt es keine geöffneten Cafés und kaum Stuben zum Aufwärmen oder Duschen, weniger Pfandflaschen zum Einsammeln. Deshalb sind die Obdachlosen mehr in Not als zuvor», sagt Sandra Welsch, die für das DRK in Stuttgart den Einsatz des Kältebusses koordiniert. In einer normalen Nacht spricht das Team des Busses ein Dutzend Wohnungslose an, 30 Orte im ganzen Stadtgebiet stehen auf der Liste der möglichen Anfahrtspunkte. «Es gibt aber auch Nächte, in denen wir nur ganz wenige erreichen», sagt Welsch. Das DRK registriert rund 50 Anrufe mit Hinweisen am Tag. «Die Resonanz ist riesig», sagt Welsch.

Kältebusse gibt es in Baden-Württemberg zwar nur wenige. In diesen frostig kalten Nächten haben die Versorgungsstationen auf Rädern in Mannheim und in Esslingen aber alle Hände voll zu tun. «Ab Einbruch der Dunkelheit fahren wir die möglichen Schlaforte ab», sagt Stadtmitarbeiterin Diana Schilling. Nacht für Nacht brächten die Ehrenamtlichen derzeit bis zu drei Wohnungslose in die Notversorgung oder die Übernachtungsstellen. Die Zahl der Menschen ohne Bett und Haustür sei in Mannheim in den Corona-Monaten gesunken. «Das liegt auch an den Auflagen», sagt Schilling. «Es gibt viele Wohnungslose, die normalerweise von Ort zu Ort fahren. Aber das können sie derzeit nicht so einfach.»

Der Kältebus in Karlsruhe steht dagegen nach Angaben des DRK seit drei Wochen still. «Wir können wegen der Kontaktbeschränkungen nicht unterwegs sein», sagt DRK-Mitarbeiterin Aksana Novikova. Wohnungslose werden in der Fächerstadt unter anderem von zahlreichen Angeboten der Stadt und dem sogenannten Herzprojekt versorgt. Die private Initiative verteilt ein Mal in der Woche zum Beispiel in einer Unterführung gespendete Lebensmittel. «Wir haben an einem normalen Nachmittag zwischen 30 und 60 Menschen, denen wir helfen können», sagt die Vorsitzende des Projektes, Sonja Schwald.

Genaue Angaben zur Zahl der als akut obdachlos gelten Menschen, die auf der Straße leben, liegen den Städten nicht vor. «Diese Zahl kann nur geschätzt werde», sagt eine Sprecherin der Stadt Stuttgart. Nach Aussagen von Straßensozialarbeitern gehe das Sozialamt in der Landeshauptstadt von bis zu 100 Menschen aus.

Derzeit sind nach Angaben der Stadt rund 75 von etwa 100 Plätzen in Notunterkünften belegt. «Es ist gewährleistet, dass jeder, der Schutz vor der Kälte sucht, auch eine Unterkunft findet», versichert die Stadtsprecherin. Viele entscheiden sich jedoch bewusst für die Straße. Sie weigern sich unter anderem aus Scheu oder Angst vor Diebstahl und Übergriffen, diese Räume aufzusuchen. Anderen ist es nicht möglich, ihren Hund mitzunehmen.

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