Baden-Württemberg

Gedämpfte Stimmung: Wie die Baden-Württemberger die wirtschaftliche Lage des Landes beurteilen

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Symbolfoto. © pixabay.com/geraldoswald62

Die Stimmung der Bevölkerung in Baden-Württemberg ist gedämpft, die Mehrheit sieht den nächsten 12 Monaten skeptisch oder sogar mit ausgeprägten Befürchtungen entgegen; das gilt für 52 Prozent, während 40 Prozent optimistisch sind. Frauen sind zurzeit noch wesentlich skeptischer als Männer, die mittlere Generation, die im Beruf steht, ist skeptischer als die junge und die ältere Generation. Die Trendanalyse zeigt jedoch, dass der Optimismus seit Oktober wächst: im Oktober sahen lediglich 30 Prozent den nächsten 12 Monaten optimistisch entgegen, im November 37 Prozent, aktuell 40 Prozent.

Die Stimmungslage der Bürger wird vor allem davon beeinflusst, ob man selbst von den ökonomischen Kollateralschäden der Pandemie betroffen ist oder befürchtet, dass dies in nächster Zeit geschieht. Diejenigen, die in den letzten Monaten in Kurzarbeit waren oder ihren Arbeitsplatz verloren haben, sehen den kommenden 12 Monaten sorgenvoller entgegen als die, die wirtschaftlich selbst bisher nicht betroffen sind oder deren wirtschaftliche Lage sich sogar verbessert hat. Besonders pessimistisch sind diejenigen, die sich Sorgen machen, dass sie in nächster Zeit von der wirtschaftlichen Krise erreicht werden, sei es, dass sie ihren Arbeitsplatz verlieren oder befürchten, dass sich ihre wirtschaftliche Lage verschlechtern wird. Besonders optimistisch sind dagegen diejenigen gestimmt, deren wirtschaftliche Lage sich durch die Krise sogar verbessert hat.

Insgesamt verzeichnet die Hälfte der baden-württembergischen Bevölkerung direkte Folgen der Pandemie auf ihre wirtschaftliche Situation oder Perspektiven; dies gilt überdurchschnittlich für die berufstätige Bevölkerung. 18 Prozent der Bevölkerung, 23 Prozent der Berufstätigen, haben durch die Krise Einkommenseinbußen, 12 Prozent in einem Maße, dass sich die eigene wirtschaftliche Lage signifikant verschlechtert hat. Jeder Achte befürchtet, dass sich die eigene wirtschaftliche Lage in absehbarer Zeit durch die Krise verschlechtern wird, 4 Prozent haben durch die Krise ihren Arbeitsplatz verloren. Noch größer ist der Anteil, der zurzeit in Kurzarbeit ist: Das trifft auf 14 Prozent aller Berufstätigen in Baden-Württemberg zu, 12 Prozent fürchten um ihren Arbeitsplatz. Deutlich kleiner ist der Anteil der „Corona-Gewinner“: Insgesamt ziehen 6 Prozent der Bevölkerung in Baden-Württemberg die Bilanz, dass sich die Krise wirtschaftlich auf die eigene Situation positiv ausgewirkt hat.

Trotz der ökonomischen Kollateralschäden der Krise und der großen Zahl der unmittelbar Betroffenen bewertet die Mehrheit der Bürger die wirtschaftliche Lage des

Landes zurzeit gut. Insgesamt 57 Prozent schätzen die wirtschaftliche Lage des Landes positiv ein, 35 Prozent negativ. Auch hier fällt das Urteil von Frauen wesentlich kritischer aus als das der Männer. Vor allem unterscheiden sich jedoch die verschiedenen Bildungsschichten: Je höher der Bildungsabschluss, desto positiver wird die wirtschaftliche Lage des Landes eingeschätzt. Von den Absolventen einer höheren Schulbildung bewerten 74 Prozent die wirtschaftliche Situation BadenWürttembergs positiv, von den Absolventen einer einfachen Schulbildung lediglich 45 Prozent. Auch im Bundesgebiet zeigt sich zurzeit, dass die wirtschaftliche Lage in den höheren Schichten deutlich positiver eingeschätzt wird als in der Mittelschicht und den schwächeren sozialen Schichten.

Kritische Einschätzung der wirtschaftlichen Perspektiven

Auch wenn die Mehrheit die wirtschaftliche Lage des Landes positiv sieht, fällt die Bilanz deutlich schlechter aus als in Vorkrisenzeiten. Vor allem ist die Bevölkerung jedoch überzeugt, dass die Wirtschaft noch nicht über den Berg ist. Die große Mehrheit erwartet, dass die Arbeitslosigkeit im Land in den nächsten Monaten steigt: 17 Prozent rechnen mit einem steilen Anstieg, 52 Prozent mit einem begrenzten Anstieg. Lediglich 7 Prozent sind optimistisch, dass die Arbeitslosigkeit in den nächsten Monaten zurückgehen wird.

Vor allem rechnet die Mehrheit mit zahlreichen Firmenpleiten. 56 Prozent der Bevölkerung sind überzeugt, dass viele Unternehmen und Selbstständige in BadenWürttemberg aufgrund der Corona-Krise ihren Betrieb in absehbarer Zeit aufgeben müssen. Diejenigen, die selbst von den wirtschaftlichen Kollateralschäden der Krise betroffen sind, sind davon noch mehr überzeugt als der Durchschnitt der Bevölkerung. Lediglich diejenigen, deren wirtschaftliche Situation sich durch die Krise verbessert hat, sind mehrheitlich optimistisch, dass die meisten Unternehmen und Selbstständigen die Krise mit heiler Haut überstehen werden.

Die überwältigende Mehrheit erwartet auch, dass sich die Innenstädte zumindest vorübergehend durch Insolvenzen von Geschäften, Restaurants und Cafés verändern werden. 70 Prozent der gesamten Bevölkerung in Baden-Württemberg teilen diese Befürchtung, 40 Prozent gehen davon aus, dass die Innenstädte dauerhaft veröden werden, während 14 Prozent auf eine rasche Wiederbelebung hoffen. Diejenigen, die für die nächsten Monate mit einem wirtschaftlichen Abwärtstrend rechnen, gehen sogar mehrheitlich davon aus, dass die Innenstädte dauerhaft an Attraktivität verlieren werden. Lediglich 15 Prozent der Bevölkerung halten die Sorge, dass sich die Innenstädte in nächster Zeit durch die Schließung vieler Geschäfte, Restaurants und Cafés erheblich verändern werden, für übertrieben.

Zu den Auswirkungen der aktuellen Krise kommt der generelle Strukturwandel, insbesondere der Transformationsprozess in der Automobilindustrie und die Digitalisierung. Die Mehrheit der Bürger ist überzeugt, dass die Unternehmen in Baden-Württemberg beim Thema Digitalisierung noch nicht ausreichend gut aufgestellt sind. Lediglich 21 Prozent halten die Unternehmen für gut aufgestellt, während 59 Prozent überzeugt sind, dass sie der Entwicklung noch hinterherhinken. Die berufstätige Bevölkerung und die höheren Bildungsschichten bewerten den Stand der Digitalisierung noch kritischer als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Auch die Zukunft der Vorzeigeindustrie des Landes, der Automobilindustrie, sehen viele skeptisch. Nur 30 Prozent gehen davon aus, dass die Automobilindustrie auch in den kommenden Jahren wesentlich zu einer erfolgreichen wirtschaftlichen Entwicklung in Baden-Württemberg beitragen wird. Jeder Zweite erwartet dagegen, dass die Bedeutung der Automobilindustrie für die Wirtschaft des Landes sinken wird. Diese Erwartungen hängen eng mit der generellen Einschätzung der wirtschaftlichen Perspektiven des Landes zusammen. Nur diejenigen, die mit einem wirtschaftlichen Aufwärtstrend im Land rechnen, gehen überwiegend davon aus, dass die Automobilindustrie dazu einen wesentlichen Beitrag leisten wird, während diejenigen, die sich auf einen wirtschaftlichen Abwärtstrend des Landes einstellen, mit großer Mehrheit von einer Schwächung der Automobilindustrie ausgehen. So erwarten 64 Prozent derjenigen, die die wirtschaftlichen Perspektiven des Landes insgesamt skeptisch sehen, auch einen Bedeutungsverlust der Automobilindustrie.

Während ein Blick auf die Börsen den Eindruck nahelegt, dass die wirtschaftliche Krise überwunden ist, erwartet in der Bevölkerung für das kommende Jahr nur eine Minderheit einen wirtschaftlichen Aufwärtstrend. 28 Prozent der Bürger in BadenWürttemberg gehen für 2021 von einem Aufwärtstrend der Wirtschaft aus, 37 Prozent dagegen von einem Abwärtstrend; 24 Prozent erwarten eine Seitwärtsbewegung, bei der sich an der aktuellen Situation auf absehbare Zeit wenig ändert. Überdurchschnittlich skeptisch sind die Berufstätigen und diejenigen, die selbst wirtschaftlich von der Krise betroffen sind. Von ihnen rechnet knapp die Hälfte für 2021 mit einem Abwärtstrend.

Obwohl nur eine Minderheit an eine baldige Erholung der Wirtschaft in BadenWürttemberg glaubt, fallen die Prognosen der Bevölkerung in Baden-Württemberg signifikant besser aus als im Bundesgebiet. Im Bundesgebiet rechnen zurzeit nur 17 Prozent mit einer baldigen Erholung der Wirtschaft, 46 Prozent dagegen mit einem Abwärtstrend; ein Viertel der Bevölkerung im Bundesgebiet rechnet mit einer weitgehend unveränderten Lage.

Politisches Engagement für die Wirtschaft

In Bezug auf die Unterstützung der Wirtschaft in dieser schwierigen Lage durch die Politik ist das Meinungsbild gespalten. 39 Prozent der Bevölkerung haben den Eindruck, dass sich Ministerpräsident Kretschmann ausreichend für die Wirtschaft einsetzt, 38 Prozent meinen, er müsse auf diesem Gebiet mehr tun. Diese Einschätzung wird erwartungsgemäß auch durch die parteipolitischen Sympathien beeinflusst. Von den Anhängern der Grünen ziehen zwei Drittel die Bilanz, dass Ministerpräsident Kretschmann sich ausreichend für die Wirtschaft engagiert, von den Anhängern des Koalitionspartners CDU 42 Prozent. Überwiegend kritisch äußern sich nur die Anhänger der AfD: Von ihnen hält nur jeder Fünfte das Engagement für die Wirtschaft für ausreichend, während zwei Drittel fordern, der Ministerpräsident müsse mehr tun.

Darüber hinaus hängt das Urteil in hohem Maße davon ab, wie die wirtschaftlichen Perspektiven des Landes eingeschätzt werden. Diejenigen, die einen wirtschaftlichen Aufwärtstrend erwarten, sind weit überwiegend mit dem Engagement des Ministerpräsidenten zugunsten der Wirtschaft zufrieden, während die Mehrheit derjenigen, die sich auf einen Abwärtstrend einstellen, mehrheitlich ein verstärktes Engagement einfordern.

Angesichts der starken Fokussierung auf die Bekämpfung der Pandemie und ihrer ökonomischen Kollateralschäden wird häufiger die Befürchtung geäußert, dass andere wichtige Ziele wie insbesondere Klimaschutz zu kurz kommen. Wenn hier die Politik der Landesregierung zur Diskussion steht, ziehen nur 22 Prozent der Bevölkerung die Bilanz, dass es der Regierung gut gelingt, die Ziele Wirtschaftswachstum und Klimaschutz miteinander zu vereinbaren. Dagegen erheben 24 Prozent den Vorwurf, die Landesregierung konzentriere sich zu sehr auf die Förderung der Wirtschaft; ebenso viele werfen ihr jedoch vor, sie konzentriere sich zu sehr auf Klimaschutz.

Auch dieses Urteil hängt teilweise von der Einschätzung der wirtschaftlichen Perspektiven des Landes ab: Diejenigen, die mit einem wirtschaftlichen Abwärtstrend rechnen, erheben überdurchschnittlich den Vorwurf, die Regierung konzentriere sich zu einseitig auf das Thema Klimaschutz. Umgekehrt ziehen diejenigen, die mit einem wirtschaftlichen Aufwärtstrend rechnen, überdurchschnittlich die Bilanz, dass die Regierung beide Ziele gut miteinander vereinbart; aber auch der Vorwurf, die Regierung konzentriere sich zu stark auf die Förderung der Wirtschaft, wird in dieser Gruppe überdurchschnittlich erhoben.

Untersuchungen auf der Bundesebene zu den wirtschaftlichen Prioritäten der Bürger zeigen, dass die politische Agenda zwar von der Bekämpfung der Pandemie und ihrer wirtschaftlichen Kollateralschäden dominiert wird, dass aber gleichzeitig Klimaschutzziele von der Mehrheit unverändert zu den wichtigsten Herausforderungen für Regierungen gezählt werden – sei es für Bundes- oder Landesregierungen. Die Bevölkerung fordert hier verstärkte Anstrengungen für den Klimaschutz ein, obwohl die große Mehrheit skeptisch ist, ob hier in absehbarer Zeit nennenswerte Fortschritte erreicht werden können.

Die Umfrage der Tageszeitungen

Wie zufrieden sind die Menschen in Baden-Württemberg mit der Arbeit der Landesregierung? Werden die richtigen Schwerpunkte gesetzt, wo wird nur geredet, wo wird gehandelt? Das wollen die Tageszeitungen in Baden-Württemberg in ihrer gemeinsamen Umfrage, dem BaWüCheck, genauer wissen und arbeiten dafür mit dem Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) zusammen.

Das IfD befragt einmal im Monat im Auftrag der Tageszeitungen mehr als 1000 Menschen im Land, um repräsentative Ergebnisse zu erhalten. Das IfD gehört zu den namhaftesten Umfrage-Instituten Deutschlands, auf den Rat der IfD-Chefin Renate Köcher greifen Vorstandsvorsitzende, Regierungschefs und Verbände zurück. Die gedruckten Tageszeitungen in Baden-Württemberg erreichen jeden Tag mehr als fünf Millionen Menschen, hinzu kommen die Leserinnen und Leser auf den reichweitenstarken Online-Portalen der Tageszeitungen.