Fachkräftemangel

Geflüchtete lassen sich bei der Bahn zu Lokführern ausbilden

Sonia Alaghehband
Die Auszubildende Sonia Alaghehband im Führerstand einer S-Bahn. © Julian Rettig

Stuttgart (dpa/lsw) - Lokführer galt mal als Traumberuf. Aber die Zeiten sind vorbei, und es fehlen Bewerber. Viele Züge fallen aus, weil kein Personal zu finden ist. Bahn und Verkehrsbetriebe zahlen Kopfprämien für Nachwuchs und rollen Quereinsteigern den roten Teppich in den Führerstand aus. Tausende Lokführer werden bundesweit eingestellt, aber es reicht nicht. In Baden-Württemberg setzen Betriebe, Bahn und Land seit einiger Zeit auch auf Flüchtlinge, die fit für die Gleise gemacht werden sollen. Mit Erfolg, wie die Projektbetreiber kurz vor Ende der Ausbildung feststellen. Und mit Vorbild, denn ein ähnliches Projekt gab es im Südwesten schon mal.

Insgesamt 13 Menschen aus dem Iran, Syrien und Pakistan stehen bei der S-Bahn Stuttgart nach einer Umschulung zum Eisenbahner kurz vor dem Abschluss. Sie sind Teil eines Projekts, das das Landesverkehrsministerium gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit und mehreren Verkehrsunternehmen vor zwei Jahren gestartet hatte. Mohammad Mohammadi ist einer von ihnen. Der gelernte Automechaniker wollte schon in seiner iranischen Heimat Lokführer werden. Zumindest für ihn ist das weiter ein Traumberuf: «Das war immer mein Ziel. Und jetzt kann ich mir bei der Bahn diesen Wunsch erfüllen», sagt der 39-Jährige aus Stuttgart.

«Es braucht kreative Ideen und verschiedene Zugänge, um den Bedarf zu decken», sagt Dirk Flege, Geschäftsführer des Interessenverbands Allianz pro Schiene. «Geflüchtete Menschen für Jobs auf Lokomotiven, im Gleisbau oder der Fahrzeugproduktion zu gewinnen und zu begeistern, ist aus unserer Sicht ein guter Weg.» Und ein notwendiger. Denn es arbeiteten zwar von Jahr zu Jahr mehr Menschen als Lokführer. «Der Bedarf wächst allerdings schneller als das Angebot», sagt Flege. Die Allianz schätzt ihn auf rund 5000 Fahrzeugführer im Jahr - Tendenz steigend.

Bei der Bahn in Baden-Württemberg arbeiten derzeit 2700 Männer und Frauen im Führerhaus. Bis Oktober hat das Unternehmen 170 weitere in diesem Jahr im Südwesten eingestellt. Außerdem arbeiten 100 Nachwuchskräfte beim Unternehmen. Gesucht wird händeringend, dennoch sind die Hürden hoch, bis der Platz in einem Führerhaus eingenommen werden kann. «Viele Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger scheitern bei der Prüfung. Schichtarbeit ist auch nicht jedermanns Sache», sagt Flege. Hinzu kommen die seelische Belastung durch Suizide auf den Strecken sowie der Pendeldienst.

Der baden-württembergische Abschlusskurs der Bahn mit etwa einem Dutzend Flüchtlingen wurde bei seiner Umschulung begleitet von zwei vom Land finanzierten Ausbildern. Die Auszubildenden erhielten Sprachtraining, sie wurden bei Hausaufgaben betreut, sozialpädagogisch unterstützt und bei Behördenfragen begleitet. «Unsere Zwischenbilanz fällt gut aus. Über 40 Geflüchtete haben im Rahmen unseres Projekts eine Ausbildung absolviert oder sind derzeit noch dabei», sagt Verkehrsminister Winfried Hermann.

Erfahrungen mit Flüchtlingen in der Ausbildung haben mehrere baden-württembergische Eisenbahnunternehmen gemacht. In einem seltenen Zusammenspiel mehrerer Konkurrenten arbeiten die Albtal-Verkehrsgesellschaft (AVG), Go-Ahead, Abellio und die MEV-Eisenbahnverkehrsgesellschaft zusammen, bilden aus und sichern sich auf diesem Weg einen kleinen Teil ihres Lokführer-Nachwuchses. Auch bei diesem Projekt engagiert sich die Bundesagentur für Arbeit. Sie übernimmt die Lehrgangskosten und beteiligt sich an den Lohnkosten.

Als großen Erfolg bezeichnet AVG-Sprecher Michael Krauth den Auftakt des Projekts, dessen zweiter Jahrgang derzeit ausgebildet wird. «Es wurden alle Auszubildenden übernommen.» Sehr erfolgreich sei der erste Flüchtlings-Qualifizierungskurs auch für die vier damaligen Kursteilnehmer von Go-Ahead verlaufen, wie das Unternehmen mitteilt. Außerdem zeigten die Erfahrungen, wie einfach es sein könne, den Fachkräftemangel zu bekämpfen und die Integration zu fördern, hatte Geschäftsführer Fabian Amini zum Start des zweiten Jahrgangs im Juli betont.