Baden-Württemberg

Jugendschützer warnen vor Alarmismus bei Cybermobbing

Ein Junge vergräbt vor seinem Laptop sein Gesicht in den Händen
Ein Junge vergräbt vor seinem Laptop sein Gesicht in den Händen. Foto: Oliver Berg/dpa/Illustration © Oliver Berg

Stuttgart (dpa/lsw) - Die Aktion Jugendschutz Baden-Württemberg hat vor falschen Schlüssen aus zu hohen Zahlen beim Thema Cybermobbing gewarnt. «Alarmierende Zahlen fördern die Tendenz, die sozialen Medien statt den Umgang miteinander ursächlich für Cybermobbing anzusehen», erklärten Lothar Wegner und Henrik Blaich vom Referat Gewaltprävention. «Wir plädieren für eine sachlich fundierte Eingrenzung des Begriffs. Denn nicht jeder Übergriff ist «Mobbing», nicht jeder Online-Konflikt ist «Cybermobbing».» Und auch ohne hochgetriebene Statistiken sei die Situation alarmierend genug.

Wegner und Blaich verweisen unter anderem auf eine Definition, nach der Mobbing «das wiederholte und systematische Herabwürdigen, Verletzen und Demütigen anderer über einen längeren Zeitraum» ist, «das der Befriedigung eigener Bedürfnisse dient, insbesondere nach Macht und Ansehen». In der Gruppe finde es positive Resonanz, könne vom Opfer nicht allein beendet werden und verändere den Werterahmen.

Mobbing und Cybermobbing seien in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen miteinander verwoben, betonten die beiden Experten. «Betroffene werden online und offline angegriffen.» Das finde in verschiedenen Kontexten statt wie in der Schule, in Wohngruppen, in Vereinen oder am Ausbildungsplatz.

Die Größenordnung von Mobbing und Cybermobbing sei - wie bei allen Formen von Gewalt - nicht exakt zu bestimmen, schreiben Wegner und Blaich. Studien kämen wegen unterschiedlicher Definitionen des Begriffs zu unterschiedlichen Befunden. «Doch unabhängig von der exakten Größenordnung lautet unsere Botschaft: es besteht nach wie vor akuter Handlungsbedarf! Denn (Cyber)Mobbing ist nicht nur eine direkte Bedrohung für die betroffenen Personen und den Zusammenhalt einer Gruppe, sondern ebenso für den Wertekonsens und die sozialen Regeln einer Einrichtung.» Wenn es nicht erkannt und beendet wird, stehe das Vertrauen in die Institution auf dem Spiel.

Die Jugendschützer der Landesarbeitsstelle mit Sitz in Stuttgart fordern, dass Konzepte für Prävention und Intervention in Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe etabliert werden. «Ziel ist ein umfassendes einrichtungsbezogenes Konflikt- und Gewaltmanagement.» Mitarbeiter müssten dafür regelmäßig qualifiziert werden. Das seien Fragen von Geld und Personal. «Nur so ist Nachhaltigkeit zu erreichen und nur so kann unserer Meinung nach (Cyber)Mobbing wirksam angegangen werden», bilanzierten Wegner und Blaich.

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