Baden-Württemberg

Kinderärzte am Limit, Kliniken überfüllt: "Druck wird nach unten weitergegeben"

arzt klinik krankenhaus praxis symbolbild symbolfoto symbol hausarzt
Symbolfoto. © Pixabay.com/ckstockphoto

„Ich habe bis eben gearbeitet und noch keine Nachrichten gelesen.“ Mit diesen Worten meldete Kinderarzt Dr. Till Reckert sich am Dienstagabend (06.12.) auf eine Anfrage unserer Redaktion zurück. Wir hatten mit dem Landessprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (bvkj) eigentlich über die aktuellen Reformpläne des Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach sprechen wollen. Stattdessen sprachen wir über die Krisensituation in der Kinder- und Jugendmedizin – und darüber, wie wichtig es ist, die Zusammenhänge zu verstehen.

Kinderkliniken überfüllt: Was das für Kinderärzte bedeutet

„Wenn die Intensivstation in der Kinderklinik überfüllt ist, müssen Kinder auf die Normalstation verlegt werden, die sehr krank sind“, sagt Reckert. Das sei immer eine schwierige Situation. Am Ende würden dann Kinder von der Normalstation entlassen, um Platz zu schaffen.

„Der Druck wird dann nach unten weitergegeben“, so der Kinderarzt, der eine Praxis in Reutlingen betreibt. Wenn in der Kinderklinik kein Bett mehr frei sei, würden Kinder in Arztpraxen behandelt, die eigentlich ins Krankenhaus gehören.

Personalmangel: „Wir sitzen alle in einem Boot“

„Wir sitzen alle in einem Boot“, sagt Dr. Till Reckert. Kliniken und niedergelassene Kinderärzte würden auch um Personal konkurrieren. „Dabei geht es um Ärzte, vor allem junge Ärzte, aber auch um Fachpersonal für die Praxen.“

Der Markt für Fachkräfte sei in der Breite leergefegt, Kinderärzte würden sich teilweise selbst um organisatorische Belange wie die Terminvergabe kümmern müssen. „Irgendwann sitzt hier keiner mehr“, so der Reutlinger Kinderarzt.

Faire Bezahlung: „Tiefschläge in die Magengrube“

„Die Situation zu verbessern ist schwierig, aber sie lässt sich problemlos verschlimmern“, sagt Reckert. „Zum Beispiel wenn wir Nullrunden bei Tarifverhandlungen akzeptieren, wie die Krankenkassen das empfehlen.“ Der Kinderarzt aus Reutlingen spricht in diesem Zusammenhang von „Tiefschlägen in die Magengrube“.

„In Baden-Württemberg haben wir die glückliche Situation, dass niedergelassene Kinderärzte nicht nur für Neupatienten bezahlt werden, sondern für alle, die kommen“, so Reckert. Das sei nicht in allen Bundesländern so. „In Berlin gibt es sowas wie einen ‚End of Pay Day‘, an dem die Kollegen für weitere Patienten kein Geld mehr bekommen“, sagt der Mediziner. „Dann werden Praxen auch mal geschlossen und im Viertel gibt es keinen Kinderarzt mehr.“

Dass die Situation in Baden-Württemberg vergleichsweise gut sei, habe mit der guten Finanzlage und der Arbeit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV BW) zu tun, sagt Reckert. Die KV zahle für viele Patienten aus Kulanz, solange das Geld dafür reiche. „Wenn die Politik hier etwas ändert, wäre schon mal viel geholfen.“

„Dysfunktionale Gesetze“: Kritik an Ex-Gesundheitsminister Spahn

Die aktuell diskutierten Probleme – Personalmangel, gesetzliche und bürokratische Hürden – seien nicht neu. „Die Kinder- und Jugendmedizin ist ein ‚Saisongeschäft‘, und auch die Berichterstattung verläuft zunehmend in Wellen“, sagt der Kinderarzt.

Schon vor Jahren habe er mit Kollegen über die Probleme in diesem Bereich diskutiert. Jens Spahn habe in seiner Zeit als Gesundheitsminister mit „dysfunktionalen Gesetzen“, die er „mit viel Geld zugeklebt“ habe, die Situation noch verschlimmert.

Ob Lauterbachs Pläne nun eine Verbesserung darstellen, kann der Kinderarzt aus Reutlingen am Abend nicht beurteilen. Er hat den ganzen Tag gearbeitet. Fest steht für Dr. Till Reckert nur: „Die Politik, vor allem die Bundespolitik, ist hier jetzt am Drücker.“