Baden-Württemberg

Kritik an fehlender Impfung für Pflegebedürftige zu Hause

Coronavirus – Impfung
Vorbereitete Spritzen für die anstehenden Corona-Impfungen liegen in einer Schale bereit. Foto: Andreas Arnold/dpa pool/dpa/Archivbild © Andreas Arnold

Stuttgart (dpa/lsw) - Menschen über 80 Jahre zählen zu den ersten, die sich gegen das Coronavirus impfen lassen können. Denn für sie besteht die größte Gefahr, an der Krankheit Covid-19 zu sterben. Doch wer zu Hause gepflegt wird und nicht mobil ist, geht bei der Impfung im Südwesten vorerst leer aus. Erklärtes Ziel des baden-württembergischen Sozialministeriums ist es, zunächst die Hochbetagten in den Alten- und Pflegeheimen zu impfen. Für alle anderen stehen die Impfzentren bereit, teilte ein Sprecher des Ministeriums auf Anfrage mit. Die Fahrt dorthin gilt es privat zu organisieren, finanzielle Unterstützung etwa durch Taxigutscheine gibt es nicht.

Doch das stellt viele ältere Menschen im Land vor Probleme. Wer nicht mobil ist und etwa zu Hause oder in einer Senioren-WG gepflegt wird, für den ist der Gang ins Impfzentrum nur mit viel Aufwand oder gar nicht möglich. Nur in Härtefällen soll es deshalb eine Impfung zu Hause geben. Welche Kriterien hierfür gelten, hat das Sozialministerium bislang nicht definiert. Ein Sprecher verweist darauf, dass Menschen zu Hause einem geringerem Infektionsrisiko ausgesetzt seien, da sie weniger Kontakte mit unterschiedlichen Menschen hätten als etwa in einem Pflegeheim. Zudem sei bei der Frage des Impfens zu Hause der Impfstoff ein Problem, da er sobald er für die Impfung vorbereitet sei, also abgetaut und verdünnt, nicht mehr transportiert werden könne.

Eine Sprecherin von Biontech bestätigt, dass dies nicht empfohlen werde. Der Biontech-Impfstoff muss auf bis zu 70 Grad unter Null gekühlt werden. Da bislang nur der Impfstoff des Mainzer Unternehmens in der EU verfügbar ist, bedeutet das in der Praxis: Hochbetagte zu Hause gehen erstmal leer aus. Der am Mittwoch in der EU zugelassene Impfstoff des US-Unternehmens Moderna verspricht hier künftig etwas Abhilfe. Er muss nur bei bis zu minus 20 Grad gekühlt werden.

Für Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, ist die derzeitige Situation dennoch nicht haltbar. «Über 80-Jährige sind überall, wo sie leben, gleich gefährdet. Ob im Pflegeheim oder zu Hause.» Auch den Verweis auf weniger Kontakte hält er für nicht angebracht. Viele ältere Menschen lebten zwar alleine. Doch auch sie brauchten soziale Kontakte, sagte Brysch der Deutschen Presse-Agentur. Dies also als Argument anzuführen, hält Brysch für abwegig. Ein weiterer Aspekt, der ihm missfällt: «Auch die Mitarbeiter von ambulanten Pflegediensten gehören zu den Menschen, die nun vorrangig geimpft werden. Warum dann nicht auch die über 80-Jährigen, die von ihnen versorgt werden?» Für Brysch schieben Politiker organisatorische Probleme vor, um vom eigentlichen Problem abzulenken: dem mangelnden Impfstoff.

Zumindest in der Frage der Knappheit der Impfdosen im Land dürfte Einigkeit bestehen. Das Sozialministerium betonte zuletzt erneut, dass der Impfstoff überall Mangelware sei. Der Start der Kreisimpfzentren wurde deshalb gar um eine Woche verschoben.

Aus Sicht des Sozialverbands VdK braucht es mit Blick auf die Corona-Impfung von älteren und gebrechlichen Menschen, die zu Hause betreut werden, nun einen konkreten Plan. VdK-Präsidentin Verena Bentele sagte der Deutschen Presse-Agentur: «Für die mobilen Impfteams, die pflegebedürftige und immobile Menschen zu Hause impfen sollen, fehlt es an Personal und an dem geeigneten Impfstoff.» Sie bezog sich damit auf den Impfstoff von Biontech, der stark gekühlt werden muss.

«Wir dürfen die Pflegebedürftigen in ihrer Häuslichkeit nicht vernachlässigen», mahnte Bentele. «Es muss deshalb eine Strategie entwickelt werden, wie gerade ältere und gebrechliche Menschen schnell und effektiv geimpft werden können.» Notwendig sei ein Zeitplan für die kommenden Monate. Bentele sprach sich auch für Transporthilfen für die Fahrt zum Impfzentrum aus - etwa durch Freifahrtscheine für Taxis oder durch Rettungssanitäter.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes vom Dezember gibt es nach den zuletzt verfügbaren Zahlen von Ende 2019 rund 472 000 Pflegebedürftige in Baden-Württemberg. In ganz Deutschland gibt es mehr als vier Millionen Pflegebedürftige. Dabei werden vier von fünf Pflegebedürftigen bundesweit zu Hause versorgt.