Baden-Württemberg

Kritik an Impfung, Ministerium: Keine Dose ungenutzt

Eckart Hammer lächelt
Eckart Hammer, Vorsitzender des Landesseniorenrat Baden-Württemberg, lächelt. Foto: Michael Fuchs/Landesseniorenrat/dpa © Michael Fuchs

Stuttgart (dpa/lsw) - Der Landesseniorenrat hat die aus seiner Sicht viel zu langsame Impfung der über 80-Jährigen gerügt. «Das ist ein Skandal», sagte der neue Chef des Verbandes, Eckart Hammer, mit Blick auf eine Impfquote für diese Altersgruppe von 59,1 Prozent. In anderen Bundesländern gehe dies schneller, so etwa im Saarland mit einem Anteil von 73,3 Prozent.

Diesen Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) stellte das Gesundheitsministerium eigene Werte gegenüber: Die Quote betrage in dieser Altersgruppe bereits knapp 70 Prozent und habe von Anfang an im Ländervergleich immer vorn gelegen. Zugleich betonte das Ministerium, dass keine Impfdosen einfach irgendwo lagerten. Von den über zwei Million nach Baden-Württemberg gelieferten Impfdosen sind 500 000 noch nicht verabreicht worden.

«Die liegen aber nicht nur so rum, sondern sind verplant und mit Terminen verknüpft», erläuterte ein Sprecher des Ministeriums. Zudem gingen die Zahlen der Geimpften in den Kliniken häufig mit Verzögerung in die Statistik ein. Es gelte noch immer: «Die Nachfrage ist höher als das Angebot.» Deshalb werde jeglicher Impfstoff, den das Land bekommt, unverzüglich eingesetzt. Zuvor hatte der SWR unter Berufung auf das Robert Koch-Institut (RKI) darüber berichtet.

Nach den Worten von Seniorenvertreter Hammer verzweifelten vor allem allein lebende ältere Menschen an der Terminvergabe sowohl online als auch über die Hotline. Auch lange Wege zu den Impfzentren seien problematisch. An das Gesundheitsministerium appellierte der 67-Jährige, herauszufinden, was andere Länder besser machten. Es gibt aber auch Länder wie Mecklenburg-Vorpommern, die mit einer Erstimpfquote von 49,8 schlechter abschneiden als der Südwesten.

Laut Verbandsmann Hammer macht den betroffenen älteren Leuten die Situation schwer zu schaffen. Es breiteten sich Angst und Empörung gepaart mit Resignation aus. Der Landesseniorenrat werde sich um einen raschen Termin bei Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) bemühen. Dessen Sprecher unterstrich, von einer Warteliste mit 120 000 über 80-Jährigen seien bislang 90 000 mit Terminen versorgt worden.

Derzeit werden laut Ministerium täglich 35 000 Menschen geimpft. «Wenn wir genügend Impfstoff hätten, könnten wir bis zu 80 000 Impfungen pro Tag in Baden-Württemberg durchführen», sagte der Sprecher.

Baden-Württemberg soll bis Ende April weitere knapp zwei Millionen Dosen Impfstoff erhalten. Von nun an bis Anfang Mai sollen mehr als 1, 2 Millionen Dosen des Herstellers Biontech/Pfizer, knapp 304 000 Dosen von Moderna und gut 391 000 Dosen von Astrazeneca geliefert werden.

Nach Ostern wird die Impfung in den Hausarztpraxen angeboten. Da die Politik auf Bundesebene weiterhin vor allem auf die Impfzentren setzt, stehen den Praxen nur wenige Impfdosen zur Verfügung, wie die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) bemängelte. Dies habe zur Folge, dass die Praxen selbst auf die Patienten zugehen werden, die geimpft werden können. In erster Linie werden das über 80-Jährige sein oder Patienten, die ihr Heim nicht verlassen können. KVBW-Chef Johannes Fechner: «Vor diesem Hintergrund bitten wir die Patienten, jetzt nicht die Praxen mit Terminanfragen lahmzulegen.»

Der KV-Vorstand forderte, das Impfgeschehen schnell von den Impfzentren auf die Praxen der niedergelassenen Ärzte zu verlagern. «Wir könnten flächendeckend Impfungen anbieten und so wirklich den Impfturbo zünden.»

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