Baden-Württemberg

Museen und Unis besitzen viele Knochen aus Kolonialzeiten

Petra Olschowski, Kulturstaatssekretärin in Baden-Württemberg
Petra Olschowski (Grüne), Kulturstaatssekretärin in Baden-Württemberg. Foto: Simon Sachseder/dpa/Archivbild © Simon Sachseder

Stuttgart (dpa/lsw) - In den Beständen der landeseigenen baden-württembergischen Museen, Universitäten und Uni-Kliniken lagern noch Tausende menschliche Überreste wie Haare, Knochen, Schädel oder Skelette aus Kolonialzeiten. Insgesamt wurden etwa 2000 Fälle gemeldet, wie eine Abfrage des Landes bei seinen staatlichen Einrichtungen ergeben hat. Die sterblichen Überreste befinden sich demnach in den Depots oder Lagern der Naturkundemuseen in Stuttgart und Karlsruhe, des Stuttgarter Linden-Museums, der Universitäten Freiburg, Tübingen, Heidelberg und Hohenheim sowie des Landesmuseums Württemberg.

«Wir sehen unsere Verpflichtung beim Umgang mit den vielen human remains, den menschlichen Überresten aus kolonialem Kontext in den Sammlungen unserer Einrichtungen», sagte Staatssekretärin Petra Olschowski (Grüne) der dpa. Ziel sei es, alle menschlichen Überreste, die in kolonialem Zusammenhang erworben oder erbeutet worden seien, an die Herkunftsstaaten oder Gruppen zurückzugeben.

Das Thema werde nun auf Grundlage der Umfrage systematisch weiterverfolgt, kündigte Olschowski an. «Die Herausforderung ist komplex, da ist ein langer Atem gefragt.» Auch seien die bislang gemeldeten Fälle «eine erste Momentaufnahme». Erst durch weitere Provenienzforschung könne geklärt werden, ob die Überreste auch «in einem kolonialen (Unrechts-) Kontext erworben wurden».

Der geforderte lange Atem überrascht nicht. Denn nur in wenigen Fällen ist klar, woher die Überreste stammen. Im Laufe der Jahrzehnte und unter verschiedenen politischen Systemen, durch Kriege und Besitzerwechsel wurden Sammlungen mehrfach umgelagert oder zum Teil zerstört. Es kamen Objekte hinzu, andere verschwanden, viele wurden undatiert zusammengezogen.

Die Bestimmung wird laut dem Wissenschaftsressort zum Beispiel an der Universität Freiburg durch Kriegsschäden, Neukatalogisierungen und interne Umzüge der Institute deutlich erschwert. Die Provenienz der Schädel sei in der Abfrage fast ausschließlich als «unbekannt» angegeben worden. Am Linden-Museum sei hingegen bei vielen Objekten, in die Haare oder auch Knochenteile eingearbeitet wurden, unklar, ob es sich tatsächlich um menschliche Überreste handelt.

«Die Zahlen sind daher eher als Größenordnung, denn als exakte Größe zu verstehen», erklärte Olschowski. Teilweise sei zudem die Dokumentation der Herkunft enorm ungenau. Häufig genutzte Angaben wie der diskriminierende Begriff «Buschmann» oder «südliches Afrika» seien zu unpräzise, um etwa den Herkunftsstaat oder die Gruppe zu bestimmen.

Viele Schädel waren in Kolonialzeiten im Zusammenhang mit der «Rassenforschung» oder der «Rassenkunde» in die medizinischen Sammlungen und Völkerkundemuseen gelangt. Vergleichsweise spät setzte die Debatte um den Umgang mit diesen Überresten ein. «Auch hier war lange Zeit kein oder kein ausreichendes Problembewusstsein vorhanden», sagte Olschowski zur Entwicklung im Südwesten.

Nach Angaben des Ministeriums ist Baden-Württemberg nun das erste Land, in dem Ergebnisse einer landesweiten Abfrage vorliegen. Aber auch bundesweit ist die Stoßrichtung klar: «Menschliche Überreste aus kolonialen Kontexten sind zurückzuführen», heißt es in einem Eckpunkte-Papier von Bund, Ländern und Kommunen aus dem Jahr 2019.

Bereits 2014 hatte die Freiburger Uni in einem international viel beachteten Schritt 14 Schädel an Namibia zurückgegeben. Aus Baden-Württemberg erhielt Australien vor zwei Jahren zehn Schädel indigener Menschen. Zwei von ihnen kamen aus dem Bestand des Linden-Museums, acht aus der sogenannten Alexander-Ecker-Sammlung des Instituts für Humangenetik und Anthropologie der Universität Freiburg.

Dort hatte der Anthropologe Ecker (1816-1887) eine Sammlung aus Hunderten menschlichen Überresten zusammengestellt, die später auf mehr als 1300 Relikte ausgebaut wurde. Nur bei gut der Hälfte bis zu zwei Dritteln dieser Schädel wird einigermaßen sicher angenommen, dass sie aus Europa stammen und ethisch unbedenklich sind. Derzeit werden zudem nach Ministeriumsangaben konkrete Anfragen zu menschlichen Überresten aus Namibia und Hawaii geprüft.

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