Baden-Württemberg

Nach Krisen arbeitet sich Daimler auf die Überholspur vor

Auto- und Lkw-Bauer Daimler
Die Zentrale der Daimler AG ist durch eine Flagge zu sehen, auf der ein Mercedes-Stern abgebildet ist. Foto: Marijan Murat/dpa/Archivbild © Marijan Murat

Stuttgart (dpa) - Überraschend starke Geschäftszahlen, ein stetig steigender Börsenkurs und ein von der Konkurrenz arg beäugter Aufschlag in Sachen E-Mobilität: Nach einigen Jahren voller Krisen und Rückschläge herrscht beim Autobauer Daimler auf einmal wieder Zuversicht, ja gar etwas Aufbruchstimmung. Erheblich genährt wurde diese gute Laune am Freitag durch die Vorstellung von - auch aus Expertensicht - sehenswerten Quartalskennzahlen, die die Stuttgarter in den frühen Morgenstunden überraschend per Börsenpflichtmitteilung an die Öffentlichkeit gaben. Der operative Konzerngewinn zwischen Januar und Ende März betrug demnach satte 5,75 Milliarden Euro - und war damit so hoch wie noch nie in einem Startquartal.

Selbst in seinem Rekordjahr 2017 hatte Daimler zum Jahresstart nicht so gut abgeschnitten. Im Vergleich zum Vorjahresquartal, das zum Teil durch den Start der Corona-Pandemie und Sondereffekte wie Kosten für die Dieselaffäre oder Umstrukturierungen belastet war, steht beim operativen Gewinn sogar ein Plus von satten 832 Prozent.

Ein gutes Quartalsergebnis hatte sich bereits angedeutet, zumal Daimler-Chef Ola Källenius zuletzt immer wieder von einer Fortsetzung des positiven Trends gesprochen hatte. Dass Daimler so gut abschneiden würde, hatten aber die wenigsten Branchenkenner erwartet. So stieg etwa die um Sondereffekte bereinigte Umsatzrendite - also das, was vom Umsatz unter dem Strich als Gewinn bleibt - im Pkw-Segment auf 14,3 Prozent. Angaben zum Umsatz und zum Nettogewinn will der Konzern erst am 23. April machen.

Einer der wichtigsten Pfeiler für die stark gestiegene Profitabilität findet sich etliche Flugstunden von der Stuttgarter Konzernzentrale entfernt - in China. Daimler profitiert stärker noch als andere deutsche und internationale Autobauer aus dem Premiumsegment vom wirtschaftlichen Aufschwung im mit Abstand wichtigsten Einzelmarkt.

«Daimler ist im Oberklassesegment Marktführer in China vor BMW und Audi, Daimler erzielt dort sehr hohe Margen», sagt Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer. Allein in China steigerte Daimler den Verkauf von Autos seiner Kernmarke Mercedes-Benz im ersten Quartal um 60 Prozent auf mehr als 222 000 Fahrzeuge. Ein Verkaufsschlager ist dem Vernehmen nach die neue S-Klasse mit allerhand technischen Features, die im September vorgestellt worden war.

Obendrein machen sich gerade beim operativen Gewinn inzwischen die Auswirkungen etlicher Sparprogramme bemerkbar, die sich Daimler in den Vorjahren auferlegt hatte. Tausende Stellen sollten abgebaut werden, als Gründe hatten dem Konzern der zunehmende Umbau von Verbrennungs- zu Elektromotoren und die Folgen der Corona-Krise gedient. Gewerkschaften und Betriebsräte hatten Einschnitte akzeptiert, zumal der Konzern noch Mitte 2020 tiefrote Zahlen schrieb, in einer ernsthaften Schieflage schien und etliche Mitarbeiter zwischenzeitlich in die Kurzarbeit schicken musste.

Doch die Autobranche erholte sich schneller als erwartet von der Pandemie, nicht nur in China. Dudenhöffer sagt, der Stellenabbau habe das Unternehmen zudem verschlankt und letztlich zu einer signifikanten Kostenersparnis geführt, die jetzt auch im operativen Ergebnis sichtbar werde. Zumal Einmalkosten für allerhand Abfindungen bereits zum Großteil in der 2020er-Bilanz gesteckt hätten.

Ob es für Daimler so gut weitergeht, hängt entscheidend auch davon ab, als wie schlagkräftig sich der Konzern im international hart umkämpften Feld der elektrischen Antriebe erweist. Noch spielen vor allem reine E-Autos wegen ihres geringen Umsatzanteils in den Geschäftszahlen eine untergeordnete Rolle - das dürfte sich in den nächsten Jahren aber nach Expertensicht mehr und mehr ändern.

Daimler peilt in seiner Pkw-Sparte bisher bis 2030 einen Absatzanteil elektrifizierter Autos von «mehr als 50 Prozent» an - in diese Kategorie fallen sowohl rein elektrische Autos als auch Hybride. Källenius deutete allerdings zuletzt an, dass alles womöglich auch schneller gehen könne, wenn sich die derzeit «starke Nachfrage» nach elektrischen Fahrzeugen fortsetze.

Kritiker hatten Daimler jahrelang vorgeworfen, zu lange an eine goldene Zukunft von Benzin- und Dieselautos geglaubt und damit wertvolle Jahre bei der Entwicklung von E-Autos verschlafen zu haben. Inzwischen aber hat Källenius die Aufholjagd eingeläutet.

Die Börse freut das: Der Daimler-Aktienkurs steigt seit Monaten stetig. Erst diese Woche stellten die Stuttgarter ihr aktuell leistungsfähigstes reines Elektroauto vor. Der EQS, eine Luxuslimousine in der Tradition der herkömmlichen S-Klasse, soll unter anderem über eine Batteriereichweite von bis zu 770 Kilometern nach dem neuen Prüfstandard WLTP verfügen. Auch bei der Aerodynamik und den Ladezeiten sind die Versprechen groß. Der Preis ist noch unbekannt, der Verkaufsstart wird für den Sommer erwartet.

«Die Bedeutung des EQS für den Ruf von Daimler als E-Auto-Bauer ist immens», sagt Dudenhöffer. Das neue Fahrzeug sei zugleich Technologieträger und Symbol für die Innovationsfähigkeit des Konzerns. Der Branchenkenner glaubt, dass Daimler vor allem in einem Land viele Abnehmer für seinen EQS finden dürfte: natürlich in China.

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