Baden-Württemberg

NS-Verbrechen: Aufarbeitung wird um Einsatzgruppen erweitert

Oberstaatsanwalt und Ermittlergruppenleiter Thomas Will
Thomas Will, Oberstaatsanwalt und Leiter der Bundesländer-übergreifenden Ermittlergruppe zur Aufklärung von NS-Verbrechen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild © Sebastian Gollnow

Ludwigsburg (dpa) - Die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg weitet ihre Ermittlungen aus und nimmt nun auch den Massenmord an insbesondere sowjetischen Kriegsgefangenen und die Verbrechen der sogenannten Einsatzgruppen in den Blick. «Wir haben geprüft, ob wir die Rechtsprechung auch auf die Kriegsgefangenlager der Wehrmacht erweitern können, etwa die sogenannten Stammlager, abgekürzt Stalags», sagte der Leiter der Bundesländer-übergreifenden Ermittlergruppe, Thomas Will.

Bei der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit hatte die deutsche Justiz über Jahrzehnte nur diejenigen verfolgt, die zur Leitung der Konzentrationslager gehört oder selbst gemordet hatten oder durch besondere Grausamkeit aufgefallen waren. Juristisch wird seit einigen Jahren aber auch die allgemeine Dienstausübung in einem Lager geahndet, in dem erkennbar systematische Massenmorde stattfanden.

Die Erweiterung um die Stalags sei «konsequent weitergedacht», sagte Will. Insgesamt überprüft die Behörde nach seinen Angaben derzeit sieben frühere Soldaten wegen des Verdachts der Beihilfe zum Mord. Sie sollen einige der Lager bewacht haben, in denen insgesamt bis zu 3,3 Millionen der etwa 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen starben. «In unserer Zentralkartei befinden sich etwa 250 Lager mit Informationen zu den Wachleuten, die dort eingesetzt waren», sagte Will, der die Behörde seit dem vergangenen Oktober leitet. «Und ich hoffe, dass wir von den sieben bisher eingeleiteten Verfahren zumindest einige abgeben können.»

Aus seiner Sicht könnte die Rechtsprechung auch für die Einsatzgruppen gelten, die als mobile Mordkommandos der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes nach dem Einmarsch deutscher Truppen vor allem in Polen und später in der Sowjetunion planmäßige Massaker verübt haben. Weit über eine halbe Million Juden, Sinti und Roma, Kriegsgefangene, Kommunisten und Intellektuelle fielen den als «Sonderbehandlung» kaschierten Massenerschießungen damals zum Opfer. «Dem Blick auf einen erweiterten Täterkreis kann man sich nicht verschließen. Wir arbeiten derzeit an einem Fall und versuchen, diese Frage exemplarisch durchzudeklinieren», sagte Will.

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