Baden-Württemberg

Opposition: Jugendticket als Rohrkrepierer?

Landtagssitzung - 365-Euro Ticket
Zwei U-Bahnen stehen an einer Haltestelle während Fußgänger an den Bahnen vorbeigehen. Foto: Bernd Weißbrod/dpa © Bernd Weißbrod

Stuttgart (dpa/lsw) - Während die grün-schwarze Landesregierung für das geplante 365-Euro-Nahverkehrsticket für Schüler, Auszubildende und Studenten wirbt, geht die Opposition hart mit dem Angebot ins Gericht. «Das Land spielt ein Wunschkonzert und die Kommunen werden zur Kasse gebeten», sagte der FDP-Verkehrsexperte Friedrich Haag bei der Landtagsdebatte zum Jugendticket am Mittwoch in Stuttgart. Auch sei es möglich, dass die Idee wie ein Kartenhaus in sich zusammenfalle: «Die örtlichen Gremien entscheiden über das Angebot, nicht das Land», sagte Haag. Die Kommunen ständen aber wegen der Corona-Krise vor massiven Herausforderungen.

Aus Sicht der FDP sollte die millionenschwere Investition in das Ticket genutzt werden, um das Netz von Bussen und Bahnen zu verbessern. «Denn oft genug fährt das «Eltern-Taxi» nur, weil die Verbindungen mit Bus und Bahn grauenvoll umständlich oder wesentlich zeitintensiver sind», sagte Haag.

Mit dem Jugendticket sollen Schüler, Auszubildende und Studenten für einen Euro am Tag mit Bussen und Bahnen im ganzen Land fahren können. Der Vorverkauf für das bereits abgesegnete 365-Euro-Jahresticket soll im Frühsommer 2022 starten, das Ticket wird dann zum 1. September eingeführt. Auf das Konzept hatte sich die Landesregierung bereits im Zuge des Etatentwurfs für 2022 geeinigt. Nach Angaben von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) ist es die erste landesweit gültige Zeitkarte für Schülerinnen und Schüler, Auszubildende, Studierende und Freiwilligendienstleistende in Deutschland.

Mit dem Ticket setze sich Baden-Württemberg an die Spitze der Bundesländer, warb die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Silke Gericke. Bisher hätten Auszubildende im Jahr oft mehr als 1000 Euro an Fahrtkosten zahlen müssen. Außerdem habe soziale Teilhabe auch etwas mit Mobilität und Erreichbarkeit zu tun. Hier mache das Jugendticket einen großen Schritt, weil es den Bewegungsradius der jungen Menschen auf das ganze Land ausweite. «Das ist Interrail und Interbus im ganzen Jahr und allen Verbünden», sagte Gerickes Parteifreund, Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Thomas Dörflinger vom Koalitionspartner CDU lobte das Angebot und betonte: «Mobilität ist Freiheit, Lebensgefühl und es ist ein Teil des Erwachsenwerdens.»

Das ist aus Sicht der SPD zu wenig. «Mit überschaubarem Aufwand hätte man auch die Senioren und die Menschen, die mit dem Rücken eh bereits zur Wand stehen, einbeziehen können, bemängelte der Abgeordnete Jan-Peter Röderer. Langfristiges Ziel müsse es sein, ein 365-Euro-Ticket nicht nur für Jüngere, sondern für alle zu ermöglichen. «Zu einem solchen ganz großen Wurf scheint die Landesregierung aber nicht bereit», sagte er weiter.

Die Kosten für das Jahresticket summieren sich laut Ministerium auf rund 140 Millionen Euro pro Jahr. Im Haushalt des kommenden Jahres sind 27 Millionen Euro vorgesehen, für die folgenden Jahre sind jeweils 100 Millionen Euro in der mittelfristigen Finanzplanung enthalten. Das Land wird die anfallenden Kosten mit 70 Prozent fördern - die verbleibenden 30 Prozent müssen von den Stadt- und Landkreisen als Eigenanteil aufgebracht werden. Unklar ist laut Ministerium noch, wie viele Verkehrsverbünde das Ticket zum Start anbieten werden.

Kritik kommt deshalb auch vom Baden-Württembergischen Handwerkstag und vom Industrie und Handelskammertag (BWIHK). Beide befürchten einen regionalen Flickenteppich und eine Ungleichbehandlung, sollten sich nicht alle Kommunen beteiligen. Denn wer bei seinem Studien- oder Wohnort Pech habe, komme nicht in den Genuss eines Jugendtickets, sagte Landeshandwerkspräsident Rainer Reichhold. Junge Handwerker könnten zudem vor allem in ländlichen Regionen das Nachsehen haben. «Wir fordern daher, dass es ein Wahlrecht gibt und Auszubildende und angehende Meister selbst definieren können, ob Wohnort, Sitz der Berufs- oder Meisterschule oder Betriebsort für das Ticket maßgeblich sein sollten», sagte Reichhold.

Für den BWIK forderte dessen Vizepräsidentin Marjoke Breuning deutliche Nachbesserungen. Sie sieht auch die Altersgrenze kritisch. «Gerade Teilnehmer einer Aufstiegsweiterbildung überschreiten diese Altersgrenze oft», sagte sie.

© dpa-infocom, dpa:211215-99-391478/6