Baden-Württemberg

Pakete im Sekundentakt während der Corona-Pandemie: Eine Reportage nachts im Verteilzentrum in Köngen

Immer mehr Pakete
Der Bote bringt Pakete. Foto: Malte Christians/dpa © Malte Christians

Köngen (dpa/lsw) - Die Frau ist ständig in Bewegung. Adriana Tec eilt durch die Gänge der riesigen Halle. Sie spricht abwechselnd in ihr Funkgerät und mit den Kollegen, die ihr in einem ähnlich flotten Tempo begegnen. Die Rastlosigkeit passt zur Umgebung: Mit einem Tempo von zwei Metern pro Sekunde schaffen Transportbänder auf zwei Etagen Tausende Pakete von der Einlieferungsseite zu den Laderampen auf der anderen Seite. Dort warten Lastwagen, um das Postgut an die lokalen Depots in der Region Stuttgart zu verteilen.

Das Verteilzentrum in Köngen (Landkreis Esslingen) ist eines von vier DHL-Paketzentren in Baden-Württemberg. Weitere gibt es in Eutingen (Landkreis Freudenstadt), Bruchsal (Landkreis Karlsruhe) und Lahr (Ortenaukreis). Alles ist hier im Fluss - und die 27-jährige Tec sorgt dafür, dass das so bleibt. Es ist kurz nach 2.00 Uhr nachts. Die Schicht hat gerade begonnen und dauert bis 7.00 Uhr. Mehr als 100 weitere Verteilkräfte sind mit ihr dafür zuständig, dass die Bänder in Köngen nicht leerlaufen.

Von Kleidung über Gartenmöbel bis zu Elektronik - der Online-Handel boomt schon lange und die Lockdowns in der Corona-Krise haben diesen Trend noch verstärkt. 2020 schnellte die Zahl der Pakete, die in Deutschland verschickt und empfangen wurden, laut der Deutschen Post um 15,3 Prozent auf rund 1,6 Milliarden hoch. 63 Pakete je Haushalt waren es im Schnitt 2020 - fast dreimal so viele wie vor zehn Jahren.

Ein Büroraum mit vielen Monitoren ist der eigentliche Arbeitsplatz von Adriana Tec. Die Disponentin beobachtet die Bewegungen der Lastwagen auf dem Gelände. Sie weist die Fahrer an, zu welcher Rampe sie müssen. Ohne Kontrolle kommt kein Fahrzeug an ihr vorbei. Die Container sind bis an die Oberkante vollgepackt. «Seit der Einzelhandel wieder offen hat, sind es weniger Pakete geworden», berichtet sie über die Corona-Zeit. Von Stress spricht sie nicht. «Es gibt immer viel zu tun.»

Ihr Chef Adnan Gudzervic sagt: «Wenn mehr Lkws ankommen und zusätzliche Sendungen bearbeitet werden müssen, holen wir Aushilfskräfte.» Es sei während des Corona-Lockdowns mehr los gewesen, doch die Belastung für jeden einzelnen Mitarbeiter sei in etwa gleichgeblieben, sagt der 27-Jährige.

Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi hat sich die Belastung der Mitarbeiter in den Paketzentren während der Corona-Zeit erhöht. Die Kollegen hätten zum Teil länger gearbeitet, bei vielen sei auch die Wochenarbeitszeit nach Absprache mit dem Betriebsrat erhöht worden. «An verschiedenen Tagen wurden viele «Abrufkräfte» geholt und auch punktuell ausländische Arbeitnehmer als Urlaubsvertretung eingestellt», heißt es von Verdi.

Lagerhelfer seien jedoch nicht leicht zu bekommen, sagt Gudzervic. Die Suche bleibe trotz der hohen Löhne in der Region schwierig. Laut dem Branchenverband BIEK wuchs die Zahl der Beschäftigten in der Paketbranche im vergangenen Jahr um 10 600 auf mehr als 255 000. Weitere 60 000 Leute werden demnach bis 2025 gesucht.

Vor knapp einem Jahr wurden zahlreiche Mitarbeiter in Köngen positiv auf das Coronavirus getestet und fielen aus. Von 250 Tests waren nach Angaben des Kreises damals mehr als 70 positiv. Inzwischen tragen die Mitarbeiter daher Sicherheitswesten in unterschiedlichen Farben, die jeweils einem Abschnitt der Halle zugeordnet sind. Blau darf nicht ins grüne Team und umgekehrt. Sogar die Toiletten sind nach diesen Farben sortiert, ebenso die Pausenräume. Das Tragen einer OP-Maske ist Pflicht. «Das verhindert eine Ausbreitung und erleichtert die Nachverfolgung», erläutert Gudzervic. Weitere Corona-Fälle habe es seither nicht gegeben. Die Regeln blieben bis auf Weiteres in Kraft.

Adriana Tec arbeitet seit sechs Jahren in Köngen. Mit 19 Jahren kam sie aus Rumänien, wo sie ihrem Vater zuliebe Elektrotechnik studiert hatte. «Ich konnte kein Deutsch.» Bereits nach einem Jahr beherrschte sie das aber fast perfekt.

Die Deutsche Post DHL Group war bis 1995 ein staatliches Unternehmen. Das sei bis heute zu spüren, sagt eine Sprecherin des Verdi-Landesverbandes Baden-Württemberg. Die Mitarbeitenden hätten Arbeitsverträge und würden nach Tarif bezahlt. Die Entgelttabelle beginnt bei rund 2100 Euro im Monat, plus 25 Prozent Nachtzuschlag. Auch andere Paketdienstleister wie UPS und DPD zahlen ihre Beschäftigten in den Verteilzentren laut Verdi nach Tarif. Die Bezahlung der GLS-Mitarbeiter richtet sich nach Angaben eines Unternehmenssprechers nicht nach Tarifverträgen. Der Internethändler Amazon, der auch in Baden-Württemberg seine eigenen Verteilzentren ausbaut, könnte den Wettbewerbsdruck verstärken.

Es ist inzwischen 3.00 Uhr und Adriana Tec ist nach wie vor putzmunter. «Nachtarbeit macht mir nichts aus. Auch nicht die Wechselschicht», sagt sie. Sechs, sieben Stunden Schlaf - egal wann - und sie sei wieder bei Kräften. Sie liebt die Abwechslung. «Wo ich arbeite, arbeite ich gerne», sagt sie. Ihr Chef nickt. Solange es ihr nicht langweilig werde, könne DHL auf sie zählen.

Morgens um zwei beginnt für Adriana Tec die Arbeit im Paket-Verteilzentrum. Das Arbeitsaufkommen ist unabhängig von Corona hoch. Lagerhelfer sind deswegen gesucht.