Baden-Württemberg

Partys, Gottesdienste: Kampf gegen Corona-Regelbrecher

Thomas Strobl
Thomas Strobl (CDU), Minister für Inneres, Digitalisierung und Migration von Baden-Württemberg. Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild © Sebastian Gollnow

Karlsruhe/Stuttgart (dpa/lsw) - Bis zum entscheidenden Treffer wollten die Karlsruher Polizisten nicht warten. Sie setzten der Fußballpartie auf dem Bolzplatz ein Ende. Sehr zum Ärger der zehn Kicker und sage und schreibe 35 Zuschauer auf Stühlen, Bänken und Stehplätzen. Denn die ließen ihren Unmut so lautstark und handfest an den Beamten aus, dass die Polizisten Verstärkung alarmierten. Kein Einzelfall. Wenige Stunden später löste die Polizei am Bodensee eine Geburtstagsfeier mit fast drei Dutzend Menschen auf einem Reiterhof auf. In Stutensee (Kreis Karlsruhe) feierten am selben Wochenende 49 andere eine Familienfeier. Und in Zimmern ob Rottweil zählte die Polizei bei einem Gottesdienst mehr als 100 Besucher, etliche davon ohne Maske.

Seit fast einem Jahr herrscht Corona-Alarm im ganzen Land, Millionen Menschen bleiben zuhause, arbeiten auch von dort aus oder tragen Masken, wenn sie unterwegs sind. Und dennoch scheint es, als nehme die Zahl der Feiern und Partys zu, als werde immer noch in Massen gegrillt und gekickt, als werde gewandert wie zuletzt in Mühlheim an der Donau oder in Kneipen getrunken wie vor wenigen Tagen in Mannheim.

In den offiziellen Statistiken schlägt sich das Gefühl nicht nieder: Zwar ist die Zahl der Corona-Verstöße am Wochenende und im Vergleich zum gleichen Zeitraum der Vorwoche um rund 1100 auf knapp 5300 gestiegen. Genaue Angaben zum Einschreiten gegen Gruppen kann die Polizei aber nicht machen. «Wir sehen jedoch, dass die Zahl der Verfahren wegen Ordnungswidrigkeiten deutlich zugenommen hat», sagt Karlsruhes Polizeisprecher Raphael Fiedler. «Die Polizisten gehen zwar mit Fingerspitzengefühl vor und ermahnen oft nur. Aber die Verstöße gegen die Verordnung werden trotzdem dreister, eklatanter und das Unrechtsbewusstsein ist nicht mehr so ausgeprägt wie noch vor zwei Wochen.» Die Regeln seien fast allen bekannt, daran liege es nicht. «Wir stoßen kaum auf Unwissende», sagt Fiedler. «Die meisten wissen schon, dass es nicht in Ordnung ist, was sie da machen.»

Nach Monaten im Lockdown sind die Menschen nicht nur nach Einschätzung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) «langsam kriegsmüde». Fiedler teilt die Erfahrung: «Je länger es dauert, desto schwerer tun sich die Leute», sagt er. Da wird die Geduld auf eine harte Probe gestellt.»

Das Bedürfnis vieler Menschen nehme zu, mit anderen zusammenzukommen, sagt auch die Psychologin Thordis Bethlehem. «In unterschiedlichen Ausprägungen braucht der Mensch die Gruppe und den Austausch. Wir sind Rudeltiere und soziale Wesen.» Gruppen wie die auf dem Bolzplatz, bei der Feier oder in der Kneipe könnten sich zum Beispiel zusammensetzen aus Menschen, die keinen Bezug zu Corona hätten, weil sich bislang keiner ihrer Freunde und Bekannten infiziert habe. «Ihnen fehlt die Abschreckung», sagt die Landesgruppenchefin des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen. «Oder das Bedürfnis nach Begegnung und allem, was für sie dazugehört, ist stärker.» Ähnlich wie bei Autorasern gingen viele womöglich auch davon aus, dass sie nicht erwischt würden und sie sich nicht mit dem Virus ansteckten.

Kommt hinzu, dass die Polizei eigentlich nur Wind von einer Party bekommt, wenn sie bei einer Kontrolle durch Zufall darauf stößt oder wenn ein genervter Nachbar zum Telefonhörer greift. «Wenn so ein Nachbar nicht anruft, dann kriegen vor von so einer Feier natürlich auch nichts mit», sagt ein Mannheimer Polizeisprecher. Daher könne es zwar sein, dass es noch die eine oder andere Veranstaltung gebe, die nicht von der Polizei unterbrochen werde. «Aber eigentlich ist das Ausmaß der Verstöße seit Beginn der Maßnahmen bei uns in der Region weitgehend gleich geblieben.»

Das Innenministerium rechnet zudem nicht damit, dass sich das groß ändern wird, wenn von diesem Donnerstag an die Ausgangssperre gelockert wird. Zum einen gelte trotz der angekündigten Änderungen weiterhin zum Beispiel das Ansammlungsverbot in seiner bisherigen Form, sagte ein Sprecher in Stuttgart. Außerdem halte sich die überwiegende Mehrheit der Menschen nach wie vor an die Regeln. «Wir haben aktuell auch keine konkreten Hinweise, dass landesweit größere Gruppen zusehen werden, wie andere einen Narrenbaum aufstellen.»

Nächtliche Ausgangsbeschränkungen gelten in Baden-Württemberg von Donnerstag an nicht mehr landesweit, sondern nur noch in regionalen Corona-Hotspots. Auch die Ausgangsbeschränkungen am Tag werden aufgehoben. Die Kontaktbeschränkungen - Kern des Lockdowns - sollen dagegen über den 14. Februar hinaus weiter gelten. Demnach darf sich ein Haushalt nur mit einer weiteren Person treffen.

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